Eine Feder hängt an Schnüren von der Decke des Weidepalais, schwebt in der kühlen Septemberluft. Mehrstimmiger Gesang mit minimalistischer Instrumentalbegleitung erklingt, man wähnt sich eingebettet zwischen Kino-Besuch und Free-Jazz-Konzert. Licht und Schatten spielen über die sandbedeckte Bühne. Drei Tänzerinnen wälzen sich aus dem Dunkel, und Sospiri beginnt.
Rigolo Tanztheater: Sospiri. 4.9.-19.9. Lichtensteig 30.9.-11.10. Kreuzlingen 23.10.-24.10. Wil 3.12.-6.12. Buchs 22.1.-23.1. Herisau
Weitere Informationen und Reservationen unter rigolo.ch
Saiten besucht die Hauptprobe vom 2. September, am 4. September feiert die aktuelle Eigenproduktion des Wattwiler Tanztheaters Rigolo in Lichtensteig Premiere. Bis zum 19. September ist die Schau im Rigolo-Zelt auf der Floozwiese zu sehen – falls man denn Karten erhascht, die Toggenburger Aufführungen sind praktisch ausverkauft. Im Anschluss geht Sospiri noch bis zum 23. Januar 2021 auf Tournee quer durch die Ostschweiz. Um unser Fazit vorweg zu nehmen, der Run auf die coronabedingt beschränkten Sitzplätze ist gerechtfertigt.
Aus Requisiten werden Protagonisten
Im Vorfeld der Hauptprobe sagte Mädir Eugster, der 1978 zusammen mit Lena Roth die Theatergruppe gegründet hatte, zur ersten Produktion seiner jüngsten Tochter Marula: «Dieses Mal sind wir noch zirzensischer als sonst.» Das Rigolo hat sich über Jahrzehnte einen herausragenden Ruf für poetisch-akrobatische Kleinkunst erarbeitet, Eugsters Sanddorn-Balance erlangte gar Weltruhm.
Und auch in Sospiri spielen die darin verwendeten Palmblattrispen eine wichtige Rolle. Marula Eugster, Schanika Mohn und Naomi Schwarz beherrschen den Umgang mit diesen knochenähnlichen Requisiten auf einem schon fast unheimlich hohen Niveau, lassen sie gerade so tanzen und schweben, wie es die Frauen selbst auf der Bühne tun.
Zwischen Akrobatik, Zirkus und modernem Tanz: Marula Eugster, Schanika Mohn und Naomi Schwarz in Sospiri (vlnr.).
Blosse Requisiten? Nein, in den Händen der drei Tänzerinnen werden die Rispen beinahe zu Protagonisten. Das Licht- und Schattenkonzept schafft in seiner durchdachten Einfachheit einen äusserst effektiven Rahmen für das, was auf der Bühne geschieht, während Alexandre Dai Castaings Musik den Inhalt des Stücks nicht einfach nur begleitet, sondern durch ihre Vielfältigkeit zu einem zentralen Element des Gesamtkunstwerks wird.
Hauchen und Fauchen, angehaltene Luft und erleichtertes Aufatmen
13 Szenen lang suchen die Darstellerinnen nach dem Sinn des Lebens, nach ihrem Platz in der Welt. Mal tollen sie kätzchengleich durch die Tableaux, mal suchen sie die Konfrontation wie Tigerinnen; mal sind sie verrucht, dann unschuldig wie eine Heilige. Sie tanzen oft Soli, aber interessanter sind die Duette und Tutti, in denen die drei Frauen in komplexer, artistischer Wucht miteinander kommunizieren.
Im einen Bild schweben sie wie Synchronschwimmerinnen durch die Luft, nur, um im nächsten als Individuen wieder den Sand unter den Füssen zu spüren. Und so, wie das Leben nach einem gewissen Gleichgewicht verlangt, bestimmt Balance auch in der praktischen Umsetzung (Choreografie: Marula Eugster) das Geschehen auf der Bühne. Dabei bleibt Sospiri seinem Namen treu: Es wird wortwörtlich geseufzt, der Atem ist hier nicht nur notwendiges Übel einer anstrengenden tänzerischen Leistung, sondern bewusstes Mittel in dieser beeindruckenden Performance.
Nach gut eineinhalb Stunden neigt sich der poetisch-akrobatische Tanztraum dem Ende entgegen. Eugster sollte recht behalten; Sospiri ist tatsächlich näher am Zirkus als viele frühere Rigolo-Produktionen. Das im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Finale wollen wir an dieser Stelle aber doch nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: An dieser Hauptprobe hielt man nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum die Luft an. Emotional, surreal, technisch beeindruckend und einfach nur schön.
Die Palmrispe spielt auch in Sospiri eine zentrale Rolle.
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