Kategorie
Autor:innen
Jahr

Sechs aus 22

Alle zwei Jahre ermöglicht ein Stipendium der visarte.ost Ostschweizer Kunstschaffenden einen Aufenthalt in Paris. Was in den letzten fünf Jahren dort entstanden ist, ist im Nextex zu sehen. Die Ausstellung heisst «Suisse Orientale 1431», wie das Atelier in der Metropole. von Dorothee Haarer
Von  Gastbeitrag , 
Wandcollage von Beate Frommelt und Christian Hörlers Türme im Nextex. (Bilder: Dorothee Haarer)

Seit Ende der 90er Jahre gibt es das Pariser Atelier-Stipendium der visarte.ost in Kooperation mit der Hedwig-Scherrer-Stiftung. 22 Ostschweizer Kunstschaffende konnten seitdem als Stipendiaten das rund 50 Quadratmeter grosse Wohnatelier in der französischen Hauptstadt nutzen, um dort während jeweils vier Monaten zu leben und zu wirken.

Für die aktuelle Schau im Nextex, dem St. Galler Ausstellungsraum der visarte.ost, haben die Kuratorinnen Beatrice Dörig und Annina Thomann die Paris-Reisenden der vergangenen fünf Jahre zusammengeholt. Unter dem Titel «Suisse Orientale 1431», der zugleich Name des Ateliers in Paris ist, zeigen sie sechs Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeitsansätze während ihrer Frankreichzeit.

Verlockend und irritierend

Den Auftakt macht eine grossformatige über Eck verlaufende Wandmalerei der in St. Gallen allgegenwärtigen Marianne Rinderknecht. Wie horizontal schaukelnde Schlingpflanzen wirken ihre in durchscheinendem Orange-Rosa gehaltenen Farbbahnen. Dass an den Enden jeweils Hasenfelle sitzen, irritiert. Und es verlockt zugleich, sich dem Reiz des Anfassens hinzugeben und über die flauschige Oberfläche zu streicheln.

Marianne Rinderknechts Wandmalerei.

Ebenso fliessend, ebenso verwirrend, doch diesmal zurückweisend kommen daneben die auf einer Art knöchelhohen Tisch-Bühne präsentierten Zeichnungen von Anna Hilti daher. Ausschnitthaft präsentiert sie dem Betrachter Motive, die Rätsel aufgeben. Dabei spielt sie mit wiederkehrenden Bildelementen: Mal zeigt sie etwas, das wie eine halbierte Avocado erscheint. Ein dunkler Fleck hockt wie ein Kern in der Mitte. Und auf dem Blatt daneben sitzt ein ebenso dunkler Fleck. Diesmal jedoch fungiert er als aufgerissener Mund in einem nur angedeuteten Gesicht.

«Suisse Orientale 1431», bis 23. November.
Nextex im Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9, St.Gallen

nextex.ch

Linienhaft, manchmal fliessend, manchmal gitterhaft starr geht es an den Wandflächen zwischen den Fenstern mit grossformatigen Arbeiten von Beate Frommelt weiter. In ihnen thematisiert die Künstlerin den Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen organischem Wachsen und dem Domestizieren desselben hinter regulierenden Zäunen und Gittern. Die Künstlerin hat dafür das Verfahren der Monotypie gewählt. Bei dieser Arbeitsweise wird das Motiv zunächst auf Glas- oder Metallplatten gemalt. Die noch feuchte Farbe wird im Anschluss mittels Handabreibung oder mit der Presse auf das Papier gedruckt.

Christian Hörler: «Drei Türme», dahinter Beate Frommelts «enclôturé».

Die dreiteilige skulpturale Arbeit von Christian Hörler, der 2015 mit der Ausstellung «KIT» erstmals im Nextex zu sehen war, spielt gekonnt mit der Oberfläche. Mal glatt, mal rau hat der Bildhauer im Wechsel Schicht um Schicht seiner Drei Türme aufgebaut und ihre Setzung an den im Ausstellungsraum vorhandenen Stahlträgern ausgerichtet.

Gegensätze, die sich guttun

Zu persönlichen Einblicken führt Sebastian Stadlers Video-Arbeit Vos travaux. Mit geheimer Kamera filmte er während seines Parisaufenthalts 2013/2014 das Schaufenster eines berühmten Fotolabors. Bei seinen Momentaufnahmen wurde er zum heimlichen Beschauer von Menschen, die ihrerseits in die stille Betrachtung von Bildern vertieft waren.

Filmstill aus «Fontaine de femme» von Lika Nüssli.

Ebenfalls Video serviert «Crowd Pleaser» Lika Nüssli: Im Juli 2018 entstand an unterschiedlichen Pariser Orten ihre Performancearbeit Fontaine de femme 1 + 2. Für diese bemalte die Künstlerin Tücher und wusch die Farben im öffentlichen Raum wieder aus. Dokumentiert wurde das von der belgischen Filmemacherin Isabelle Tollenaere. In beweglichen Bildern und in Gestalt eines überdimensionalen farbverwaschenen Tuchs findet Nüsslis Arbeit nun Eingang in «Suisse Orientale 1431».

Podiumsdiskussion über Notwendigkeit und Nutzen von Atelierresidenzen, mit Ursula Badrutt (Amt für Kultur Kanton St.Gallen), Wenzel A.Haller (Verein artists in residence ch) und den Kunstschaffenden Marianne Rinderknecht, Andy Storchenegger und Birgit Widmer.

8. November, 19.30 Uhr, Nextex im Kulturkonsulat St.Gallen

So verschieden die gezeigten Positionen und ihre Schöpfer sind: Diese Gegensätze tun sich gut und harmonieren gekonnt – durch ihr Changieren zwischen Fliessen und Erstarren, ihren Wechsel zwischen Weichheit und Härte, Entstehen und Vergehen, und durch ihren spannungsvollen Wandel zwischen den Materialien.

Die Frage, nach der Notwendigkeit und dem Nutzen unterschiedlicher Formen von Atelierresidenzen und Stipendien für Kunstschaffende sowie für die kunstinteressierte Öffentlichkeit beantwortet sich mit Blick auf diese Schau von selbst. Sie wird aber darüberhinaus thematisiert: in der Podiumsdiskussion diesen Donnerstag im Nextex.

Übrigens: Aktuell läuft die Ausschreibung fürs Pariser Atelierstipendium 2019/2020 der visarte.ost. Noch bis 1. Dezember können sich Kunstschaffende mit Ostschweizer Bezug bewerben.

 

 

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149