Kategorie
Autor:innen
Jahr

Seelenwälder und Mordsbäume

Der St.Galler Historiker Peter Müller hat über Jahre Baum-Notizen gesammelt. Jetzt erscheinen sie als Buch, am Mittwoch wird es vorgestellt: «Wälder wachsen still».
Von  Peter Surber

«Im Herbst gehen die Seelen der Laubbäume in ein anderes Land. Im Frühling kommen sie zurück. In einem naturmystischen Bild ausgedrückt: Riesige Schiffe voller Bäume fahren in die dunkle Jenseitswelt des Winters. Im Frühling bringen sie die Baumseelen dann zurück.»

So mystisch oder mythisch geht es gelegentlich zu und her in diesen Aufzeichnungen über Bäume und Wälder. Manchmal aber auch ganz handfest:

«Den 14. Juli 1789 bekamen sogar die Pflanzen im Jardin de Plantes zu spüren. Der Botaniker Georg Wenderoth erzählt in seinem Buch über «Die Pflanzen in botanischen Gärten», erschienen 1851: «Berühmt ist die im Pflanzengarten zu Paris befindliche Libanonzeder, die Bernard de Jussieu 1734 als Sämling pflanzte und die 80 Fuss hoch war, als 1789 eine Kanonenkugel bei Erstürmung der Bastille ihren Wipfel beschädigte.»

Der Baum, an dem Ernst S. erschossen wurde

Da sind Bäume rasch einmal politisch. Beispiele hat Peter Müller auf seinen bäumigen Streifzügen zahlreich gefunden: Die Wälder von Srebrenica, in denen noch heute nach Massengräbern nach dem Massaker im Jugoslawienkrieg 1995 gesucht wird. Die Tanne im Wald von Jonschwil, an die Ernst Schrämli im Zweiten Weltkrieg festgebunden wurde, um als «Landesverräter» erschossen zu werden. Die zerbombten Wälder von Yypern, «Opfer» des Ersten Weltkriegs. Die Kaiserlinde in Kirchberg, 1912 gepflanzt und für den Autor ein Beispiel, sich die Frage zu stellen, ob Gedenkbäume immer für die richtigen Personen gepflanzt würden.

Daneben stehen Kuriosa – zum Beispiel die «Royal Oak»: So hiess die Eiche, die 1651 dem englischen König Karl II. nach der Schlacht von Worcester das Leben rettete, indem er sich in ihrem Geäst vor den Feinden versteckte. Was dem Baum einen so legendären Ruf einbrachte, dass die Leute Zweige und Rindenstücke als Souvenir abschnitten, bis die Eiche einging. Oder: die Anekdote um den Herzog von Antin, der auf einen Schlag ein ganzes Wäldchen umholzen liess, weil es dem Sonnenkönig im Weg stand. Oder zum dritten: die tragische Geschichte, wie die belgische Königin Astrid am 29. August 1935 ihr Leben verlor, als ihr Gatte mit dem Auto bei Küssnacht in einen Birnbaum raste.

Faktisches vermischt sich mit Legendenhaftem, Poetisches mit Beobachtetem zu einem munter wuchernden Mischwald von meist kurzen Texten. Die ältesten Exemplare in Müllers Baumbuch wachsen noch vor Christus, eine Steineiche im Vatikan soll älter sein als die Stadt Rom, die älteste Arve Graubündens auf der Alp Staz wird nach langem Suchen gefunden. Oder die alten Eichen im Güttinger Wald: Sie «wirken wie Riesen inmitten von Zwergen. Sie erzählen vom Holzzeitalter, das bis in die 1950er Jahre dauerte – bis zum Siegeszug von Erdöl und Plastik. Sie erzählen von einer Sinnlichkeit und Handgreiflichkeit, die schön war, aber auch karg, hart, mühsam.»

Ökologische Kritik an der «Rest-Natur»

Solche Ostschweizer Fundstücke sind zahlreich, Müller entdeckt sie oft in alten Zeitungen und Büchern. So die Geschichte des St.Galler Kantonsförsters Keel, der 1876 auf einer Pilgerreise in Palästina über die Ölbäume schwärmt – aber auch die Schattenseiten nicht verkennt: «Kriegsgetümmel, Morden und Schlachten» hat auf den Feldern der Jesreel-Ebene stattgefunden, ein Paradies der Natur und zugleich ein Schlachtfeld.

Müller ist seinerseits empfänglich für zeitkritische und namentlich ökologische Überlegungen. «Jeder Wald ist schön – auch der banalste Agglomerationswald. Wach und zeitkritisch bleiben sollte man trotzdem. Sonst verwechselt man am Ende all die Rest-Natur, die einem hierzulande geboten wird, mit dem vollen Potenzial der Natur», schreibt er einmal. Oder er zitiert einen Volkskundler: «Für die westlichen Gesellschaften scheint es gegenüber der Natur nur zwei Möglichkeiten der Beziehung zu geben: Anbetung oder Ausbeutung.»

Wer sich mit dem Autor zum Waldgang verlocken lässt, sieht ab und zu philosophisch die Bäume in den Himmel wachsen – aber auch, wie man sie zu Werbezwecken profaniert: So mussten in einer Kampagne der Credit Suisse für Privat Banking 2012 Bäume dazu herhalten, die «tiefverwurzelten Werte» zu symbolisieren, die das Privat Banking auszeichneten: Stabilität, Nachhaltigkeit, Langfristigkeit, Flexibilität und Wachstum. «Sie degradieren die Bäume zu Imageträgern und reduzieren ihre komplexe, geheimnisvolle Existenz auf fünf Allerweltsbegiffe», kommentiert Müller.

Alles, was Baum und Wald banalisiert oder instrumentalisiert, ist dem Autor zuwider. Er will seinen Bäumen ihr Geheimnis bewahren. Und den Menschen ebenfalls: «Jeder hat seinen heiligen Hain. Seinen Ort, wo er unhinterfragbare Wahrheiten und Werte hütet. Manchmal ist es allerdings nötig, in diesem Hain einen Baum umzuhauen – oder einen neuen zu pflanzen.»

 

Peter Müller: «Wälder wachsen still. Notizen zu Baum und Wald», Eigenverlag St.Gallen 2015, Fr. 22.-

Buchvernissage: Mittwoch, 3. Juni, 19 Uhr, Keller zur Rose St.Gallen

 

baumbild1

 

Bilder: Peter Müller

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4