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Selig unseliger Seluner

Der Leichnam des «taubstummen Findlings» vom Obertoggenburg wurde 1926 zu rassistischen Forschungszwecken exhumiert und nun – fast 100 Jahre später – in Neu St.Johann endlich zur letzten Ruhe gebettet. Bis heute bekunden einige Mühe, ihn als ganzen Menschen anzuerkennen.
Von  Roman Hertler
Johannes Seluner auf der einzig bekannten Fotografie, aufgenommen um 1880. (Bilder: pd/Chronos Verlag)

Als «wild Mannli» ist Johannes Seluner in den Fantasien der Leute aufgetaucht und als Ungeheuer spukt er nach über 150 Jahren noch immer in den Köpfen. (Rea Brändle, 2016)

«Naturbursche» war noch einer der freundlicheren Begriffe, mit denen man ihn bedachte. Findling, Idiot, Kretin, homo ferus («Verwildeter»), Wolfskind oder Tiermensch nannte man ihn. 1844 war er, vielleicht 16- oder 20-jährig, am Berg Selun in den Churfirsten aufgegriffen und hinunter nach Alt St.Johann gebracht worden. Nur auf Druck des Kantons hin hatten sich die Gemeindebehörden dieses «lästigen Menschen», der kein Wort sprach und nie zu «nützlicher» Arbeit erzogen werden konnte, angenommen, ihn aber bald ins benachbarte Nesslau weitergeschoben. Dort fristete er den Rest seines Lebens im Armenhaus. Am 20. Oktober 1898 starb er nach kurzer Krankheit.

Man gab dem «Seluner» zwecks amtlich korrekter Erfassung bald den Namen Johannes Seluner und schrieb ihm aufgrund seiner Gestik – niederknien und sich selber mit Wasser bespritzen – die katholische Konfession zu. Man geht allgemein davon aus, dass er gehörlos war. Ob und wie er sich gegenüber seiner Umwelt verständlich machte, hat keiner seiner Zeitgenossen je dokumentiert. Offenbar hat man sich auch nie um eine eingehende Verständigung mit ihm bemüht.

Er war vor allem ein Objekt der Fabulier- und der Schaulust. Nach seiner Beerdigung erschienen Nachrufe in internationalen Blättern. Die meisten Texte kolportieren aber vor allem, was man dem Seluner im Laufe der Jahre angedichtet hatte. Weil nie etwas Handfestes über seine Herkunft bekannt wurde, beflügelt seine Geschichte die Fantasien bis heute. Zeitweise war man sogar davon ausgegangen, dass der Seluner adliger Abstammung war und verstossen wurde. Das allermeiste, was über ihn erzählt wurde, war erdacht.

Zürcher Schulterblätter, südamerikanische Wirbellöcher

Es dürfte aber zweifelsohne auch von Wert sein, sich einmal mit den Überresten eines Menschen zu befassen, der auf einer der untersten Sprossen menschlichen Geistes stand, aber durch die Eigenart seines Schicksals das Interesse weiter Kreise erregte. (Otto Schlaginhaufen, 1930)

Vermeintlich ernsthaftere Forschung betrieben Anfang des 20. Jahrhunderts ein paar Rassentheoretiker. Der Anthropologe Otto Schlaginhaufen veranlasste 1926 auf Initiative des Basler Landarztes Ernst Gottlob Finkbeiner, der unter anderem das Buch Die kretinische Entartung nach anthropologischer Methode verfasst hat, Seluners Exhumierung. Die Knochen wurden ins Anthropologische Institut an der Uni Zürich verbracht.

Anhand millimetergenauer Vermessungen der Knochen, wovon 105 Daten allein für die Untersuchung des Schädels aufgenommen wurden, versuchte Schlaginhaufen nachzuweisen, dass Kretinismus und die teilweise damit einhergehende Taubstummheit (heute korrekt: Gehörlosigkeit) im modernen Europa eine biologische Panne sei, weil hier minderwertiges Erbmaterial aus früheren Rassenverbindungen mitmische. Seluner ein Neandertaler?

Schlaginhaufens Messungen und Indexierungen erwiesen sich – wie die Rassenforschung überhaupt – als Schuss in den Ofen. Was der Anthropologe in Zürich über Seluner herausfand, gleicht einem wirren Tanz durch Kontinente und Epochen: Obergesichtsindex wie die Bündner aus Danis, Wirbellochdurchmesser wie ein südamerikanischer Indianer, Zürcher Schulterblätter, Tiroler Sprungbein, vorstehende Oberkieferknochen wie in Australien, Papua oder Ostafrika, Oberarmtorsionswinkel wie ein Neolithiker, Humero-Radial-Index der Schwäbinnen, transversaler Breitenindex beider Nasenbeine der Eskimos.

Völkerverbindende Krönung der fruchtlosen Forschungsbemühungen ist der Befund über Seluners Naviculare. Dieser winzige Fusswurzelknochen weise sowohl Tiroler als auch feuerländische wie melanesische Züge auf. Unter dem Strich fand Schlaginhaufen nicht mehr heraus, als dass es sich beim Seluner doch um einen, wenn auch durch eine «Häufung steinzeitlicher Körpermerkmale» degenerierten, aber ansonsten physiognomisch hundskommunen Zentraleuropäer handelte.

Von der Rassenforschung zurückgelassen: Seluners Gebeine in ihrer Kiste im Depot des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich.

Dafür hat man den toten Seluner also aus dem Boden geholt. Nicht einmal zurückgebracht hat man ihn anschliessend, sondern die Knochen in einer Kiste irgendwo im Depot des Anthropologischen Instituts der Uni Zürich verstaut.

Den Schädel des Berner Mathematikers Ludwig Schläfli, den Schlaginhaufen im Herbst 1929 ebenfalls aus dem Grab holen liess, schickte man hingegen auf Drängen der Berner Friedhofsverwaltung bereits nach einem Jahr wieder zurück. Im Toggenburg drängte niemand auf die Rückgabe von Seluners Gebeinen, obschon seinerzeit an der Beerdigung 1898 eine veritable Volksschar aufgelaufen war, um sich vom «Tiermensch» Seluner zu verabschieden.

Bis heute nur bedingt ein Mensch

Johannes Seluner, eine Projektionsfläche, auch bei mir. Vielleicht sollte ich als Widergutmachung die Wikipedia Biographie auf die Faktenlage reduzieren. Es gibt viel zu tun: bei ihm und all den anderen, die Opfer der Fabulierlust einer im Grunde gnadenlosen Gesellschaft wurden. (Gerhard Kowar, tinderness.blog, 2014)

Eine hat mit dem ganzen Unsinn um den Seluner aufgeräumt: Die Toggenburger Journalistin und Schriftstellerin Rea Brändle (1954-2019) hat alles, was es über ihn zu lesen gibt, umfassend recherchiert und vermeintliche Fakten auf deren Wahrheitsgehalt abgeklopft. Eindrücklich schildert sie, wie aus einem bedauernswerten Menschen das Objekt schamloser Fabuliererei und ebenso pietät- wie ergebnisloser Forschungsgier wurde. Ihr Buch von 1990, Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche, ist 2016 in einer erweiterten Neuausgabe erschienen.

Rea Brändle: Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche. Chronos-Verlag, Zürich 2016 (2. Auflage 2017), 32.-

Darin beschreibt sie unter anderem, wie Seluner bis heute ein gewisses Unbehagen auslöst. Brändle berichtet von einer Gymnasialklasse aus Davos, die den Konservator des Toggenburger Museums in Lichtensteig Anfangs der 1990er-Jahre nach dem Seluner befragte. Dieser habe ihnen aber den entsprechenden Steckbrief nicht zeigen wollen, dafür aber ausführlich über die drei Toggenburger Regionalhelden Huldrych Zwingli, Jost Bürgi und Ulrich Bräker referiert.

In der 2003 erschienenen St.Galler Kantonsgeschichte taucht der Seluner nicht etwa in den institutionskritischen Kapiteln zum 19. Jahrhundert auf, sondern im prähistorischen Teil im Zusammenhang mit den Ausgrabungen zum Wildenmannlisloch, wo der Seluner der Legende nach überwintert haben soll, bevor er ins Tal gebracht wurde. Wofür es aber keine Belege gibt. Trotzdem wird im historischen Standardwerk getitelt: «Die wahre Geschichte des Seluners».

Wie ist es dem Seluner im Armenhaus von Nesslau tatsächlich ergangen? Die faktischen Seiten der Seluner-Geschichte werfen unbequeme Fragen auf zu grossen Themen wie dem Umgang mit Heimatlosen und Gehörlosen, die Installierung von Armen- und anderen Disziplinierungsanstalten bis hin zu Ausgrenzung von Fremden und Aktivitäten von Eugenikern.

Rea Brändle, die 2019 verstorben ist, hatte sich zeitlebens für die Rückgabe von Seluners sterblichen Überresten eingesetzt. Möglich wurde es nun auch dank des Engagements des Zürcher Anthropologieprofessors Christoph Zollikofer, der sich, wie Brändle schon im Buch festhielt, im Unterschied zu etlichen seiner Vorgänger auf offene Art mit der belasteten Vergangenheit des Instituts auseinandersetze und neue Formen der Wiedergutmachung praktiziere.

Erst im hohen Alter, neun Monate vor seinem Tod, wurde Johannes Seluner getauft. Allerdings war es nur eine «bedingte Taufe», was immer das katholische Pfarramt damit gemeint haben mag, und sie erfolgte nicht am Taufstein in der Klosterkirche in Neu St.Johann, sondern im Armenhaus in Nesslau. Götti und Gotte in einem war Armenhausvorsteherin Künzi. Pfarrer Eigenmann hielt im Taufregister fest: «Um ihn bei der Taufe ruhig zu halten, liess ich ihm eine Stück Zucker geben, an dem er herumknusperte. Er ist sonst nicht bösartig.»

Am 9. September 2021 wurde der Seluner in Neu St.Johann im kleinen Kreis endgültig beerdigt. Auf dem Grabkreuz stehen der Name und untereinander die beiden Jahreszahlen 1844 und 1898. Das wirft  wiederum die Frage auf: War er vor seiner Auffindung auf der Alp Selun 1844 kein menschliches Wesen? Zumindest für die katholische Kirche – so scheint es – bis heute höchstens bedingt.

Seluner barfüssig, sommers und winters.

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