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Sexualpädagogischer Leerplan

Schnürlischrift, Lektionenzahl und Religionsunterricht: Der Lehrplan 21 ist in der Vernehmlassung. Themen wie Sexualität und Soziale Medien bzw. Sexualität und Menschenrechte fehlen jedoch. Der Januar-Einspruch von Myshelle Baeriswyl.
Von  Gastbeitrag

Im Gegensatz zur medialen Omnipräsenz sexueller Darstellungen und Inhalte muss Sexualität im Lehrplan 21 minutiös gesucht werden. Sexualkunde ist kein eigenes Fach, sondern Teil des Themenkomplexes «Natur, Mensch und Gesellschaft», verstreut in die Kompetenzbereiche «Identität, Körper, Gesundheit», «Natur und Technik», «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» sowie «Ethik, Religionen, Gemeinschaft». Und selbst in diesen ist sie noch aufgefächert in zig Lernziele wie «Körperliche Entwicklung verstehen», «Geschlecht und Rollen reflektieren», «Menschliche Fortpflanzung kennen», «Beziehungen, Liebe und Sexualität reflektieren» usw. Kurzum: Wer Sexualkunde sucht, sieht sich mit einem vielteiligen Puzzle konfrontiert.

Diese Zurückhaltung im Lehrplan 21 bei der Sexualkunde mag ihren Grund haben. Lange vor dessen Veröffentlichung sorgten die möglichen sexualpädagogischen Inhalte für emotionale Auseinandersetzungen. Kinder und Jugendliche sollen vor «Übersexualisierung» geschützt werden, so der Tenor. Die Rücksicht auf fundamentalreligiöse und rechtspopulistische Kreise aber hat Sexualität auf die Reproduktion verengt und so die Sexualkunde um wesentliche Inhalte beraubt – bis hinein in die Sprache.

Themenbereiche wie Sexualität und Soziale Medien bzw. Sexualität und Menschenrechte fehlen. Zwar seien Menschenrechte zentral, «bei der politischen Bildung stehen die Basiskonzepte Demokratie und Menschenrechte im Zentrum» heisst es, und in 14 Passagen werden Menschenrechte genannt, aber «Gay Rights» werden nirgends erwähnt. Unter «sexuelle Orientierungen» nennt der Lehrplan 21 zwar Hetero- und Homosexualität, aber Geschlechtsidentität fehlt ebenso wie Transsexualität und Intersexualität. Gender wurde aus dem Vokabular gestrichen, ebenso Diskriminierung, Vielfalt/Diversity und LGBTI – und wenn von «unkonventionellen Geschlechterrollen » die Rede ist, beinhaltet das bereits eine Stigmatisierung.

Das wäre doch etwas für die «Reflektion gesellschaftlicher Normenbildung und deren Durchsetzung» am Beispiel der Heteronormativität? Aber vielleicht finden sich diesbezüglich ja Kompetenzziele, bloss wo? Kurz: Der Lehrplan 21 ist ein sexualpädagogischer Leerplan und geht hinter das Kreisschreiben zur Sexualpädagogik des St.Galler Erziehungsrates aus dem Jahre 2005 (sic!) zurück.

Wo sind wir stehen geblieben? Wohin wollen wir zurück? Wofür steht 21?

 

Myshelle Baeriswyl, ist Psychologin FSP, Sexualpädagogin und Geschäftsleiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St.Gallen-Appenzell (ahsga.ch).

Dieser Text erschien im Januar-Heft von Saiten.

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