, 4. Oktober 2019
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Showman an der rechten Seitenlinie

Für die einen ist Roland Rino Büchel der «Saubermacher», der sich gegen die Korruption in der mächtigen FIFA auflehnt. Für die anderen ist er ein rechter Polemiker. Jetzt will der Rheintaler SVP-Mann in den Ständerat.

Ein altes Gespann: Teilnehmer Toni Brunner und Organisator des EDA-Cup 1997, Roland Rino Büchel. (Bild: pd)

Die eidgenössischen Wahlen 2007 waren Roland Rino Büchels politische Sternstunde. Zwar wurde er nicht nach Bern gewählt, aber auf dem ersten Ersatzplatz der SVP-Liste hinter Jasmin Hutter war er massgeblich am Erdrutschsieg der SVP im Kanton St.Gallen beteiligt. In Büchels Wohngemeinde Oberriet erreichte sie 54 Prozent, den höchsten Stimmenanteil im ganzen Land. Die SVP war schweizweit auf dem Vormarsch. Und hätte Toni Brunner im «Sturm aufs Stöckli» reüssiert, wäre Büchel direkt in den Nationalrat nachgerutscht.

Damit musste sich der Rheintaler aber noch etwas gedulden. Erst 2010 rückte Büchel für die zurückgetretene Jasmin Hutter nach. Der begeisterte Mountainbiker nahm für seine erste Fahrt nach Bern das Velo. Jetzt, neun Jahre später, will Roland Rino Büchel in den Ständerat. Erklärtes Ziel der SVP-Kantonalpartei ist die Restitution der ungeteilten bürgerlichen Standesstimme.

Insolvenz als Glücksfall

2001 ging der Sportvermarkter ISL, damals Hauptgeschäftspartner der FIFA für die Fussball-Übertragungsrechte, pleite. Der Konkurs der ISL war neben dem Swissair-Grounding einer der grössten der Schweiz. Als Nebeneffekt aus dem Gerichtsverfahren, das der Kanton Zug 2007 gegen fünf ISL-Manager und den Vizepräsidenten angestrengt hatte, kam ein weitverzweigtes Korruptionssystem ans Tageslicht. Schmiergelder in der Höhe von weit über 100 Millionen Franken waren an FIFA- und IOC- Funktionäre geflossen.

Für Roland Rino Büchel, der ab 1999 für ISL arbeitete, entpuppte sich die Insolvenz im Nachhinein als Glücksfall. Büchel etablierte sich dank seines Insiderwissens rasch als international anerkannter FIFA-Kritiker und Vorkämpfer gegen Korruption in Sportverbänden. Tatsächlich war er es, der den FIFA-Korruptionsfall kurz nach seinem Amtsantritt als Nationalrat aufs politische Tapet brachte und das Thema eifrig beackerte. Sobald sich Büchel einmal in Position gebracht hatte, gelangten immer mehr Informanten direkt an ihn. Sein Informationskapital äufnete sich mit der Zeit praktisch von alleine. Bald klopften sogar BBC, «Al Ja- zeera» und das japanische Fernsehen bei ihm an.

Das Narrativ funktioniert nicht nur an den Stammtischen: Der kleine Büchel zieht gegen den mächtigsten Sportverband der Welt ins Feld. Sogar die WOZ sprach anerkennend vom «Mann in Blatters Nacken». Vor vier Jahren adelte die NZZ den Oberrieter mit dem Titel «Der Saubermacher». Die Autorin des Portraits schrieb: «So elegant sich der SVP-Politiker auf internationalem Parkett bewegt, so einfach bringt er es im Dialekt auf den Punkt.» Als Büchel Ende August diesen Jahres seine Kandidatur für den Ständerat ankündigte, kam das «Tagblatt» zum fast genau gleichen Schluss: «So elegant sich der Aussenpolitiker auf dem internationalen Parkett bewegt, so direkt bringt er es in seinem Rheintaler Dialekt auf den Punkt.»

Weitgereister Haudegen

Büchel ist viel herumgekommen und beherrscht Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch fliessend. 2000 organisierte er die Futsal-WM in Guatemala; 2001 die U17-WM in Trinidad und Tobago; 2002 die Afrikameisterschaften in Mali. 1988/89 absolvierte er eine diplomatische Stage auf den Schweizer Botschaften und Konsulaten in Venedig, Marseille, Mailand, Buenos Aires und Paris. Auch als Sponsoring-Leiter der Schweizerischen Käseunion von 1992 bis 1999 – in dieser Phase ging das Schweizer Ski-Nationalteam mit den Käse-Dresses an den Start – ist Büchel viel gereist.

Büchel tritt allgemein als umgänglicher und kollegialer Typ auf. Wenn ihm etwas aber nicht passt, greift er gerne zum verbalen Zweihänder. Und vergreift sich bisweilen auch im Ton. 2007 reichte er im St.Galler Kantonsrat einen Vorstoss ein, in dem er kritisierte, dass einem arbeitslosen Ägypter Flugstunden im Altenrhein bezahlt worden seien. Nach fünf Fluglektionen und einigen Theoriestunden wurde die Ausbildung plötzlich abgebrochen. Beim Flughafen Altenrhein fühlte man sich – wohl auch auf Hinwirken Büchels hin – an die Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert. In «Schweiz aktuell» habe der Ägypter dann auf die Tränendrüse gedrückt, schrieb Büchel auf seiner Homepage. «Falls der Mann nicht bald arbeitet, anstatt sich von uns sein Hobby finanzieren zu lassen, werde ich beim RAV und dem zuständigen Regierungsrat gewaltig Gas geben. Das garantiere ich.» Inhaltlich wurde Büchels Interpellation gar nicht erst verhandelt und aus formalen Gründen abgelehnt. Damals waren sich auch Parteikollegen Büchels einig, er sei zu weit gegangen.

Auf «TeleZüri» oder im «Tagblatt» schimpft Büchel heute gerne über die Klimabewegung und die «naseweise» Greta Thunberg. Am WEF im Zelt schlafen, die ganze Show sei lächerlich, findet er. Greta werde von ihren Eltern gepusht, die bloss ihr mangelndes Talent kompensieren wollen. Wo man «enart» sei, fragt Büchel empört; ob man ehrlich und authentisch sein wolle oder sich lächerlich machen mit derartigen PR- Shows. In seiner Jugend sei keine Zeit gewesen für idealistische Träumereien. Die arme Greta habe zudem das Pech, im besserwisserischen «Gutmenschenland Nummer eins», Schweden, geboren zu sein.

Büchel ist Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats, die er 2015 bis 2017 präsidierte. 2014 stellte er sich als Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Russland auf den Standpunkt, die Schweiz dürfe sich nicht an den US- und EU-Sanktionen gegen Russland infolge der Krimkrise beteiligen. Vergangenes Jahr stellte er im Nationalrat die Frage, weshalb es der Bundesrat unterlassen habe, dem demokratisch gewählten Präsidenten Brasiliens, eines Landes also, dem man eng verbunden sei, offiziell zu gratulieren: Bolsonaro, dem Zerstörer des Dschungels und Verfolger indigener Stämme, die sich für ihre Rechte und ihr Land einsetzen.

Büchel ist gerne in teuren Autos unterwegs. Seine Eltern haben seit den 1960er-Jahren einen Garagenbetrieb aufgebaut, Büchel selber ist im Familienbetrieb engagiert. In welchem Umfang, ist nicht klar. Allgemein ist nicht bekannt, wie Büchel heute sein Geld verdient. Als Berufspolitiker würde er sich wohl sehr ungern bezeichnet wissen. Auf seinem Nationalratsprofil bezeichnet er sich als Sportmanager und Kleinunternehmer. Für wen er konkret arbeitet, wollte Büchel auf Saiten-Anfrage nicht beantworten.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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