, 1. August 2015
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«Sie haben enorme Stressmomente erlebt»

Teil zwei von Christian Fischers Bericht aus Heiden, wo am vergangenen Wochenende ein Symposium eritreischer Regimegegner stattgefunden hat. Für den Organisator war es «ein weiterer Schritt Richtung Freiheit».

Am Sonntag steht die Vernetzung der verschiedenen europäischen Oppositionsbewegungen gegen die Diktatur in Eritrea im Zentrum. Von überall her sind die Oppositionsvertreter angereist, auch der Jurist Daniel Rezeke aus Genf ist gekommen. Er ist Vorsitzender der UN-Untersuchungskommission, die mit der Aufdeckung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Eritrea beauftragt ist.

5000 demonstrierten gegen das Regime von Afewerki

Am 26. Juni, am Tag der Folteropfer, demonstrierten über 5000 Eritreerinnen und Eritreer vor dem UNO-Hautpsitz in Genf gegen das Regime von Isayas Afewerki. Rezeke war auch im Organisationskomitee. Zum ersten Mal trauten sich so viele Eritreer an die Öffentlichkeit. Sie forderten die Aufrechterhaltung der UNO-Sanktionen und eine Anklage von Afewerki am Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Vier Tage zuvor fand in Genf eine Demonstration eritreischer Regimeanhänger statt. Sie werfen den Oppositionellen vor, von der äthiopischen Regierung bezahlt zu werden. Diese wiederum behaupten, die Regimeanhänger würden von der Regierung Eritreas finanziert. Jurist Rezeke bringt gute Nachrichten nach Heiden: Die Arbeit der Kommission wird verlängert, die Menschenrechtsverletzungen sind bestätigt. Die UNO will sich nochmals ein Jahr Zeit nehmen für vertieftere Untersuchungen.

Eritreas gängigste Foltermethode: der Helikopter

In der Pause erzählt mir eine Zweitklässlerin, Isayas habe ihren Grossvater und ihren Onkel getötet, und er töte auch viele Kinder. Ihr Vater nimmt ihr das ESMNS-Magazin aus den Fingern, denn darin wird unter anderem die gängigste Foltermethode – der Helikopter – dargestellt. Dabei werden die Füsse und Arme einer Person hinter dem Rücken gefesselt, um sie in dieser gekrümmten Haltung stundenlang in der prallen Sonne liegen zu lassen. Er will nicht, dass seine Kinder davon erfahren. Auch wieso sie ihre Grosseltern nicht besuchen können, will er ihnen nicht erklären.

Einer der Redner ist aus Schweden angereist. Er vertritt die Afar, ein muslimisches Volk im Süden Eritreas. Eigentlich hätte es grosse natürliche Ressourcen: fruchtbare Ländereien, beste Fischereiplätze um die Koralleninseln im Roten Meer und diverse Bodenschätze. Ausserdem gehörten ihnen die zwei grössten Frachthäfen Eritreas: Assab und Massawa. Doch sie sind arm, manche hungern.

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Hagos Tesfamariam vom ESMNS Schweden

Von der Regierung in Asmara werden die Afar ziemlich stiefväterlich behandelt, deshalb ist ihnen die Zusammenarbeit mit den anderen Oppositionsbewegungen wichtig. Eritrea soll gemeinsam befreit werden und in ein föderalistisches System, in dem sich jedes Volk selber verwaltet und regiert, umgewandelt werden.

Traumabehandlung im Stil von Selbsthilfegruppen

Mit Hagos Tesfamariam, ebenfalls aus Schweden, unterhalte ich mich über die unterschiedlichen Asylsysteme. Als er nach Schweden gekommen sei, durfte er bereits nach wenigen Tagen arbeiten, sagt er. Heute dauere es sechs Monate, da sich die Gesetze verschärft haben. Immer noch kurz, finde ich, verglichen mit dem gesetzlich verordneten zweijährigen Arbeitsverbot in der Schweiz während der Abklärungsphase. Das kann sich nicht positiv auf Psyche und Gesundheit auswirken.

Ein ESMNS-Vertreter aus Bristol mit Bachelor in Gesundheit und Pflege hat sich ausgiebig mit posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandergesetzt. «Eritreerinnen und Eritreer, die hier sind, haben alle enorme Stressmomente erlebt», sagt er. «Sei es in Eritrea im National Service, in einem der Foltergefängnisse oder auf ihrer Flucht durch die Sahara und übers Mittelmeer». Doch nur die wenigsten wüssten, wie man mit einem Trauma umgeht, wie man die Albträume der Flucht und Bilder von sterbenden Freunden aus dem Kopf bringt.

Von den Schweizer Fachleuten fordert er Unterstützung in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen – angepasst an den kulturellen Umgang mit psychischen Problemen. Unter den Eritreern sei es nämlich verpönt zu einem Psychologen zu gehen. «Man wird von der Community sofort als geisteskrank abgestempelt». Darum brauche es neue Formen, etwa im Stil von Selbsthilfegruppen mit Inputs von Fachpersonen, erklärt er. «Je früher man die Traumata behandelt, desto eher können sie überwunden werden».

«Ich habe wieder Hoffnung geschöpft»

Die letzten Fragerunden sind mittlerweile vorbei. Während ESMNS-Präsident Tesfu Atsbaha die Abschlussrede hält, tausche ich mich mit einem Mitglied der St.Galler Sektion aus: «Diese Tage haben mich enorm erfüllt», sagt er. «Es war fantastisch, die verschiedenen Bewegungen kennenzulernen. Die Präsidenten kennen sich untereinander, doch wichtig ist, dass sich auch die Mitglieder der Bewegungen kennen lernen – was hier in Heiden zum ersten Mal passiert ist. Ich habe wieder Hoffnung geschöpft, dass es gut kommt.»

Im selben Moment kommt der Organisator des Symposiums mit Gummihandschuhen die Treppe hinauf. Er hat die Toiletten geputzt. Geschlafen hat er kaum in den letzten 48 Stunden. Fast ununterbrochen hat er Dinge aufgestellt und abgebrochen, Leute empfangen, Reden gehalten, zum Tanz aufgerufen, diskutiert, Interviews gegeben, koordiniert und geputzt. Den Saal verlässt er als letzter – todmüde aber gut gelaunt und mit neuem Mut. «Das Symposium war ein weiterer Schritt Richtung Freiheit», ist er überzeugt.

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Der ESMNS-Vorstand am Sonntag in Heiden

 

Hier geht es zu Teil eins. Bilder: Selemun Estifanos

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