, 26. September 2019
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Sie spielen ums Überleben

Auch wer Klassiker nicht mag, kann sich am Freitag ins Theater St.Gallen wagen. «Sein oder Nichtsein» ist kein Drama von Shakespeare, sondern eine Komödie von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942. Und eine sprühende Hommage ans Theater. Eine Vorschau.

Szene aus dem Film von 1942 mit Carole Lombard als Maria Tura.

Bevor es losgeht, ertönt ein Filmtrailer, der Vorspann flimmert in schönster Retro-Schwarzweiss-Typographie über den Vorhang im Theater St.Gallen. Kino oder Schauspiel? Die Verwirrung steigert sich noch in der ersten Szene; Bruno Riedl thront als deutscher Besatzungsoffizier am schweren Bürotisch, das Personal um ihn herum überbietet sich in wildem Heil-Hitler-Gefuchtel – bis einer der Schauspieler aus der Rolle fällt und klar wird: alles nur Theater.

Warschau, 1939: Das Ensemble des Polski Theater probt eine Nazi-Parodie namens «Ein Geschenk von Hitler». Und streitet sich weniger um Politik als ums eigene Ego; Theaterstar Josef Tura ist eifersüchtig auf seine attraktive Frau Maria (Diana Dengler), alle anderen in der Truppe stehen im Schatten der beiden Publikumslieblinge. Doch dann, am Vorabend der Premiere, verbietet die Zensur das Stück aus Angst vor Hitlers langem Arm. Kurzerhand stemmt das Theater Shakespeares «Hamlet» auf den Spielplan. Und dann marschieren die Deutschen in Polen ein. Das Spiel wird blutiger Ernst, es geht jetzt tatsächlich um Sein oder Nichtsein.

September 1939: Ein Vorausdetachement der Wehrmacht vor einem brennenden Hof in Polen.

Der Überfall auf Polen löste bekanntlich den Zweiten Weltkrieg aus; Grossbritannien und Frankreich erklärten Deutschland bereits am 3. September den Krieg, unternahmen aber wenig, um Polen zu helfen. In Frankreich machte die Redewendung die Runde, man wolle nicht für Danzig sterben («Mourir pour Dantzig?»). Und am 17. September griff die Sowjetunion ihrerseits Polen an.

Der Zeitpunkt der St.Galler Premiere ist, Zufall oder Absicht, perfekt getimt: Auf den Tag genau vor 80 Jahren, am 27. September 1939, nur wenige Wochen nach dem Einmarsch der Deutschen, musste Polens Armee kapitulieren. Es begann der Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung, die Abschottung des Warschauer Ghettos, ab 1941 wurden die polnischen Juden deportiert.

Der Weltkrieg kostete fast sechs Millionen Polinnen und Polen das Leben, rund ein Fünftel der Bevölkerung. Wie traumatisch die Geschichte in Polen bis heute empfunden wird, zeigten die nationalistisch überhöhten Gedenkfeiern am 1. September in Warschau und Wielin, dem Ort des ersten Angriffs der Deutschen.

Hartherzig und makaber?

1942, mitten in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust hinein dreht Ernst Lubitsch seine Komödie. Als deutscher Jude, der selber vor den Nazis in die USA hatte emigrieren müssen, hatte er quasi die historische Legitimation dazu, musste sich aber dennoch gegen den Vorwurf wehren, er verharmlose damit das Schicksal der Opfer und die Brutalität der Täter. Der Film löste Kontroversen aus – ein Kritiker kanzelte den Film als «hartherzig und makaber» ab und verglich Regisseur Lubitsch mit dem römischen Kaiser Nero, «der zum Brand von Rom Geige spielt».

 

Heute gilt To be or not to be als Meisterwerk der filmischen Satire. Hellmut Karasek nannte den Film im «Spiegel» einmal «die perfekte Hollywood-Komödie, eine Mischung aus Frivolität und Moral, aus politischem Witz und Dekadenz. Einen Film, der alle seine Situationen so oft umkehrt und spiegelt, bis das Unterste zuoberst ist; einen Film, der mit einem falschen Hitler den echten so treffend einfing, wie der nie sein konnte – vielleicht von Chaplins Grossem Diktator abgesehen.»

Sein oder Nichtsein:
27. September, 19.30 Uhr, Theater St.Gallen (Premiere)
Nächste Vorstellungen: 1., 13. und 25. Oktober

theatersg.ch

Irgendwo auf der Welt…

Ob die turbulente Geschichte um Polen und Nazis, um einen Spion, der in den Warschauer Widerstand einzudringen versucht, und um die Eitelkeiten der Theaterleute auch heute noch ihre Relevanz hat? Sie hat, das zeigte ein Probenbesuch vor einigen Tagen, jedenfalls hohen Unterhaltungswert als «very well made play». Das Räderwerk der Verwirrungen rattert mit hohem Tempo über die Drehbühne, die Live-Musik von Philip Bartels und Michael Flury mit Klavier und Posaune treibt es zusätzlich an und schafft Emotionen – vor allem wenn die Truppe souverän mehrstimmig den Vorkriegs-Klassiker der Comedian Harmonists intoniert: «Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück»…

Hausregisseurin Barbara-David Brüesch glaubt an die Aktualität des Themas. «Machtansprüche, nationalistisches Gedankengut, die Ausgrenzung von Minderheiten»: all das sei keineswegs vorbei, sagt sie im «Terzett», dem Magazin des Theaters.

Unübertrefflich bleibt die Geschichte aber vor allem als Hommage an die Kraft des Theaters. Denn als mitten im Krieg die Situation in Warschau unerträglich wird, holen die Schauspieler nochmal ihre Nazikostüme aus dem Fundus, Bronski spielt den Hitler, und es beginnt eine irrwitzige Verwechslungs- und lebensgefährliche Befreiungsaktion, bei der Sobinski, der junge Fliegeroffizier und Liebhaber von Maria, all sein fliegerisches Können aufbieten muss.

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