, 22. Juli 2016
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Sie war ein Stück Emanzipationsgeschichte

Mit dem Tod von Margrit Bernhard verliert die St.Galler Sozialbewegung eine engagierte Vorkämpferin.

Bild: Siggi Bucher, Fotografin, Zürich

Margrit Bernhard war Deutschlehrerin am damaligen Lehrerseminar Rorschach und später an der Berufsschule. Sie war eine der ersten Frauen im Kantonsrat und versuchte als SP-Vertreterin in den 1970er-Jahren das damals noch geltende Konkubinatsverbot abzuschaffen. Sie war eine Vorkämpferin der Lesben- und Schwulenbewegung und ein äusserst kritischer Geist. Vor wenigen Tagen ist sie in ihrer St.Galler Altstadtwohnung im Alter von 81 Jahren gestorben.

Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert, so der Titel des im letzten Jahr erschienenen Buches der Autorin Corinne Rufli, in der sie elf frauenliebende Frauen über 70 vorstellt. Darunter auch Margrit Bernhard. Die St.Gallerin hatte sich über dieses Porträt sehr gefreut. Zwar war ihr etwas suspekt, dass sie nun durch die «Zeitungen geschleppt» werde und das erst noch mit Foto, doch ihren Freundinnen und Freunden war klar: das Porträt war eine späte Ehrung und ein Glanzlicht in ihrem Leben.

Margrit Bernhard erzählt im Buch über ihre Jugend, die sie teilweise in Luzern verbracht hat, dann die Kantonsschule St.Gallen besuchte und danach Germanistik, Philosophie und Journalismus studierte. Sie schildert ihre Liebschaften, Flirts und Eifersuchten. Früh war ihr klar, dass sie Frauen liebte und sie engagierte sich in der damals noch kleinen Szene. Sie organisierte ab 1968 den Conti Club in Zürich, einen Treffpunkt für Lesben und machte ab den frühen 1970er-Jahren in der von schwulen Männern gegründeten Homosexuellen Arbeitsgruppe St.Gallen mit.

«Ich wurde dort zu einer Art Mama vieler Schwulen, die Probleme hatten. Ich war fast eine Generation älter als diese Männer», schildert sie ihre Erinnerungen. Diese Rolle behagte ihr auf die Dauer nicht, und das Rollenverständnis der Schwulen war ihr zu Macho-haft. Deshalb schloss sie sich der aufkommenden Frauenbefreiungsbewegung (FBB) an, und sie war Mitinitiantin einer Lesbengruppe innerhalb der FBB. Es habe allerdings auch Diskriminierung durch die Heterofrauen gegeben.

Zur gleichen Zeit war Margrit Bernhard St.Galler SP-Kantonsrätin. Sie rückte für Margrith Bigler-Eggenberger nach, als diese – als erste Frau – ans Bundesgericht gewählt wurde. Die beiden Frauen kannten sich zwar schon zu Kantonsschulzeiten, hatten sich aber aus den Augen verloren und erst wieder getroffen, als Kurt Bigler seiner Frau sagte, es geben am Seminar eine Lehrerkollegin, die sie kenne. Bis zum Tod von Margrit Bernhard hielten die beiden Frauen engen Kontakt.

Margrit Bernhard war eine äusserst belesene Frau aber auch eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Sie rede gern unanständig, schilderte sie im Porträt. Sie war eine unangepasste Intellektuelle und sie fand es wichtig, «die alten Lesben dingfest zu machen und ihre Lebenserinnerungen festzuhalten. Es geht nicht mehr lange, bis der Gedächtnisschwund einsetzt oder bis wir alle tot sind.»

Ein gutes Jahr nach diesem Satz ist die engagierte Frau gestorben.

3 Kommentare zu Sie war ein Stück Emanzipationsgeschichte

  • madeleine marti sagt:

    herzlichen dank für diese informative würdigung für diese ausserordentliche frau

  • […] Mit dem Tod von Margrit Bernhard verliert die St.Galler Sozialbewegung eine engagierte Vorkämpferin. Die Deutschlehrerin hatte schon 1968 in Zürich den Conti Club gegründet, wo sich Lesben regelmässig trafen und sich machte mit, als 1973 die Homosexuelle Arbeitsgruppe St.Gallen gegründet wurde. Im Alter von 81 Jahren ist diese engagierte Kämpferin vor wenigen Tagen gestorben. Mehr über ihr Leben und ihr Wirken auf Saiten.ch […]

  • Unvergesslich wie sich Margrit Bernhard mutig für uns Homosexuelle und gesellschaftsliberale Anliegen engagiert hat, als es noch ein Risiko war, das zu tun. Umso grösser jeweils die Freude, wenn sie jeweils trotzdem Spitzenergebnisse bei den Kantonsratswahlen erzielte. Danke.

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