, 6. November 2018
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«Silicon Valley für sinnstiftende Ideen»

Stephan Schweiger, Mitbegründer des Ideenkanals, fördert Leute mit guten Ideen aus der Region Liechtenstein und darüber hinaus.

Stephan Schweiger, 1984, hat Wirtschaftsinformatik in Liechtenstein
 und Malta studiert, ist Co-Direktor der Ideenkanal-Stiftung und selbstständiger Berater und Moderator. Er lebt in Wettingen. (Bild: Andri Bösch)

Saiten: Was ist der Ideenkanal und wie ist er entstanden?


Stephan Schweiger: Der Ideenkanal ist ein Förderprozess mit dem Ziel, Menschen mit Ideen zu ermöglichen, diese umzusetzen. Das Konzept habe ich zusammen mit Christof Brockhoff vor neun Jahren entwickelt und 2010 zum ersten Mal durchgeführt. Am Anfang stand der Gedanke: Es darf nicht sein, das eine Idee nicht umgesetzt wird, weil es an Mut oder Mitteln fehlt. Jede und jeder mit einer Idee soll unabhängig von Professionalität oder bereits ausgereiften Businessplänen die Möglichkeit haben, diese zu realisieren.

Wie läuft so ein Prozess ab?


Im ersten Schritt wird die jeweilige Idee in maximal 500 Zeichen formuliert und auf unserer Website, die direkt mit dem Crowdfundingportal Startnext verknüpft ist, veröffentlicht. Dann geht es darum, in einem bestimmten Zeitraum möglichst viele Menschen von der Idee zu überzeugen und als Fans – also unterstützende Stimmen – zu gewinnen. Unter allen eingereichten Ideen qualifizieren sich die zehn mit den meisten Fans direkt für das Ideencamp, zehn weitere werden von der Ideenkanal-Stiftung ausgewählt. Diese 20 qualifizierten Ideengeber präsentieren sich an der öffentlichen Pitch-Night in einer Minute den ca. 40 Mentoren. Diese wählen am Ende des Abends sechs bis zehn Ideen aus, die sie während der verbleibenden Tage am Ideencamp fachlich unterstützen. Das Ideencamp dauert drei Tage und umfasst verschiedene Workshops und Präsentationsformate. Nach dem Camp gibt es eine Crowdfundingkampagne via Startnext, bei der so viel Geld gesammelt wird, wie die jeweilige Idee für die Umsetzung braucht.

Was sind die Mitmachkriterien? Und welche Ideen haben die grössten Chancen, von euch gefördert zu werden?

Das wichtigste Kriterium ist die Motivation. Die Idee muss eine gewisse Dringlichkeit haben und ein konkretes Ziel verfolgen. Ausserdem braucht sie einen Liechtensteinbezug – wie dieser genau aussieht, kann aber variieren und ist erfahrungsgemäss immer möglich. Ideengeber müssen volljährig oder in Begleitung einer volljährigen Person sein. Die Idee soll einen gesellschaftlichen Mehrwert haben und einen positiven Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Sie sollte sich in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, also beispielsweise kein Produkt sein, das schon seit Jahren in der Pipeline eines Unternehmens liegt. Thematische Einschränkungen gibt es nicht, aber sie sollte parteipolitisch und konfessionell neutral sein und vom Ideengeber selbst umgesetzt werden. Im Gegensatz zu klassischen Businessplan-Wettbewerben steht die Frage des Profits hier nicht im Vordergrund. Die Idee darf profitorientiert sein, muss aber nicht. Es wäre wünschenswert, wenn sie irgendwann selbsttragend wird.

Wie viele Ideen aus den letzten Jahren wurden schon umgesetzt?

59 Ideen wurden bisher gefördert und 45 davon effektiv umgesetzt. Zusammen haben sie über 2,5 Millionen Franken an Investitionen und Fördergeldern erhalten und bereits 37 Arbeitsplätze geschaffen.

Ein paar Beispiele?


Free Velo Point ist ein Gratis-Veloverleih in ganz Liechtenstein. Dieser soll 2019 auch über den Rhein ausgeweitet werden. Wahlhilfe.li ist eine Art Smartvote für Liechtenstein. Und Alpenpionier.ch ist ein Schweizer Start-up, das die Kulturpflanze Hanf zurück auf die Teller bringen möchte. Ihre Felder wachsen bereits in der Südostschweiz und in Liechtenstein auf über 50 Hektaren.

Es gibt schon unzählige Crowdfunding-Plattformen und Förderwettbewerbe. Weshalb braucht es euch?

Bei den meisten Wettbewerben gibt es keine echte Chancengleichheit. Gefördert wird, wer schon viel vorzuweisen hat: professionelle Businesspläne, Kontakte, Erfahrungen, einen bekannten Namen. Wir wollen das umkehren und denen eine Chance geben, die quasi noch bei Null stehen. Der Prozess, der im Ideenkanal durchgemacht wird, bietet Unterstützung vom Anfang bis zum Schluss und bezieht hier für die Bevölkerung mit ein. Von der Ideenfindung, über das Voting, die fachliche Unterstützung bis hin zur Finanzierung kann sie sich einbringen. Das ist – zumindest hier in der Region – ein einzigartiges Angebot. Wir werden auch oft gefragt, weshalb wir das ausgerechnet in Liechtenstein machen, wo die meisten Menschen in grossem Wohlstand leben und per se schon viel mehr Möglichkeiten haben als der Grossteil der Weltbevölkerung, aber dieser Wohlstand bringt auch mit sich, dass man schnell in eine passive Konsumhaltung verfällt und nichts mehr wagt, weil man schon von unglaublich hohen Erwartungen beim Publikum ausgeht und Angst hat zu scheitern.

Einreichefrist für den nächsten Ideenprozess ist der 18. November.

ideenkanal.com

Wie organisiert und finanziert ihr euch?

Seit 2015 sind wir eine gemeinnützige Stiftung. Mittlerweile werden wir durch Sponsoring finanziert und von anderen Stiftungen sowie der öffentlichen Hand unterstützt. Die Unternehmen, die uns sponsern, stellen auch einen Teil des Mentorenteams. Dieses setzt sich jedes Jahr ein Stück weit neu zusammen, je nach dem, was für Ideen reinkommen. Was es immer gibt, sind Werbetexter, Rechtsanwältinnen, IT-Experten und Grafiker. Die Mentoren arbeiten allesamt ehrenamtlich. Die Finanzierung ist nach wie vor eine grosse Herausforderung.

Was sind eure Ziele für die Zukunft?

Es wäre schön, wenn es uns irgendwann nicht mehr braucht und diese neue Form von Ehrenamt, bei dem die Menschen ihr Fachwissen zur Verfügung stellen und die Bevölkerung die Finanzierung der Ideen mittels Crowdfunding mitträgt, ganz selbstverständlich wird. Die Vision der Ideenkanal-Stiftung ist es, dass das Alpenrheintal bis 2030 zum Silicon Valley der sinnstiftenden Ideen wird. Das ist aber noch ein langer Weg und es wäre toll, wenn wir bis dahin unseren Beitrag dazu leisten dürften. Und: eine Idee aus St.Gallen für den kommenden Durchgang wäre super.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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