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Single sein ab 30 ist Krieg

Natascha Bellers Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» ist rasant und voller witziger Einfälle. Aber auch reichlich eindimen­sional.
Von  Corinne Riedener
Leila (Michèle Rohrbach) unter Babydruck. Da hilft nur noch Alkohol. Auch beim Zuschauen. (Bilder: Cineworx)

Kürzlich schickte mir eine Freundin ein Meme. «Wenn mich jemand fragt, wann ich endlich mal Kinder geplant habe …», stand da. Unten ein Bild von einer Frau, die einen Hund im Kinderwagen spazieren führt und fröhlich den Fick-dich-Finger zeigt. So ähnlich ist auch meine innere Haltung, wenn ich nach etwaigen Kinderplänen gefragt werde. Und das passiert nicht gerade selten, schliesslich bin ich über 30 und «voll im Saft», wie letzthin eine Bekannte mit verschwörerischem Blick meinte.

Ach, wie ich diese Gespräche hasse. Ich will keine Kinder und weiss das schon seit bald 20 Jahren. «Jaja, warte nur, bis der Richtige kommt», muss ich mir dann sagen lassen – trotz erklärter Bisexualität. Oder: «Du willst doch aber auch nicht traurig und einsam sterben.» Oder: «Ich sagte früher auch immer, dass ich keine Kinder will, aber seit XY zur Welt gekommen ist, hat mein Leben endlich einen Sinn.» Blabla und so weiter.

Szenen der Torschlusspanik

Ähnlich ergeht es auch Leila in Natascha Bellers Komödie Die fruchtbaren Jahre sind vorbei. Alle plappern auf sie ein, voller Klischees auf dem Fotosofa an der Hochzeit ihrer Schwester Amanda. Der Unterschied zu mir ist, dass Leila (Michèle Rohrbach) sich sehr wohl Kinder wünscht, am liebsten viele, und mit ihren knapp 35 Jahren an akuter Torschlusspanik leidet. Und sich dementsprechend wuschig machen lässt. Was zu einigen sehr kurligen Situationen führt, aber mehr sei hier nicht verraten.

Die anderen zwei Protagonistinnen, ihre Schwester Amanda (Sarah Hostettler) und ihre beste Freundin Sophie (Anne Haug), haben ein etwas entspannteres Verhältnis zum Thema Nachwuchs. Sophie ist alleinerziehende Mutter mit Vertrauensproblemen und professionell gelassen. Und Amanda nimmt die Sache – abgesehen von der Geburt – ebenfalls recht sportlich, schliesslich wurde sie nur ihrem Mann zuliebe schwanger, und der soll sich nach der Geburt auch um den kleinen Nemo kümmern, damit sie sich weiter der Karriere widmen kann. Was natürlich wunderbar klingt, zumindest in der Theorie.

Sophie (Anne Haug) ist die Gelassene im Trio. Meistens.

Eineinhalb Stunden geht es drunter und drüber. Die Komödie ist überzeugend gespielt, farbig und rasant, ein Gag jagt den anderen. Lustig ist zum Beispiel Leilas Ankündigung, noch vor ihrem 35. in die heiligen Hallen der biederen Kleinfamilie aufzusteigen – mit allen Mitteln. Oder die Western-Szene, die verdeutlichen soll: Single sein ab 30 ist Krieg. In diesen klamaukigen Szenen spürt man, dass Natascha Beller auch für «Deville Late Night» arbeitet, dessen Crew ebenfalls gut vertreten ist in Die fruchtbaren Jahre sind vorbei.

Schade ist, dass viele Charaktere vor lauter Lachern ziemlich eindimensional bis stereotyp daherkommen, vor allem die Männer. Zum Beispiel der dusslig-verliebte Lehrer, der für einen Vertrauensbeweis bis zum Äussersten geht, oder der überforderte Vater, der fast alles mit sich machen lässt, bis er irgendwann merkt, dass er auch noch ein eigenes Leben hat.

Amanda (Sarah Hostettler, Mitte) hat den ultimativen Plan. Theoretisch.

Die Frauen im Film kommen leider auch nicht viel besser weg, allen voran Amanda. Sie dürfte das Feindinnenbild Nummer eins aller Konservativen und Fundis sein: eine Frau, die ihre Karriere vor das Kind stellt und ihren Mann machen lässt. Man hört die Leute schon «Rabenmutter» schreien.

OMG, zum Glück ist das nur ein Film

Und dann ist da eben noch Leila… super frustriert. Eine richtige Furie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die biologische Uhr uns Frauen wirklich so unzurechnungsfähig und fremdgschämig werden lässt. Und wenn doch, dann müssen wir echt darüber reden, und zwar differenziert.

Mehr als einmal dachte ich: OMG, zum Glück ist das nur ein Film. Und gleichzeitig fragte ich mich, ob vielleicht mit mir etwas nicht stimmt, dass ich mit 35 immer noch so gar keinen Bock auf Kinder habe (und mich übrigens auch nicht zu alt für den Club fühle, gällezi, Herr Radiomoderator). Diese Kinderkriegerei scheint ja offenbar die ultimative Erfüllung zu sein, was mir auch im Real Life immer öfter unter die Nase gerieben wird.

90 Minuten lang hoffte ich, dass es darauf hinausläuft, dass Frau auch ohne Nachwuchs glücklich und sinnvoll leben kann. Wir müssen ja nicht alle Gebärmütter sein. Dieses Ende wäre zwar ein wenig didaktisch und vorhersehbar gewesen, aber es hätte mich ungemein beruhigt, denn es wäre auch für die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe gestanden. Natürlich kommt es anders – die Überraschung gelingt. Irgendwie ist es sogar stimmig, denn im Film geht es für alle Charaktere auch ein Stück weit um Selbstverwirklichung. Und Leila, tja – so muss es wohl enden, wenn frau versucht, sich mit allen Mitteln selber zu verwirklichen.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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