, 9. Juni 2016
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Sirenen vor der Reithalle

Another Way To Get High, das Debut-Album von Elio Ricca, ist ein 40-minütiges Drama, das den Glauben an die eigenen Träume stärken will, ein Gesamtkunstwerk mit glücklichen Zufällen, eingekleidet im Garage-Gewand. von David Nägeli

Am 11. Juni taufen Elio Ricca ihr Debut in der Reithalle. (Bild: pd)

Vor zwei Jahren gewannen Elio Ricca den BandXOst-Wettbewerb, letztes Jahr legten sie als «alte» Routiniers erneut das beste Konzert am Ostschweizer Bandcontest hin. Live ist das St.Galler Duo eine Wucht. Anfang Juni erscheint mit Another Way To Get High nun ihr erstes Album. Doch ganz so kräftig wie auf der Bühne kommt es nicht daher: Es klingt eher nach Proberaum als nach grosser Halle. Aber das soll es auch. Aufgenommen wurde in Eigenregie. «Uns ist es wichtig zu zeigen, dass man das alles auch alleine hinkriegen kann», sagt Elio Ricca, Sänger und Gitarrist des gleichnamigen Duos. Das ist ihm und Schlagzeuger Philip Meienhofer gelungen.

Ihre Musik lebt von ungewohnten Melodien, die zwischen Dur und Moll pendeln. Sie scheinen sich nicht ganz entscheiden zu können, ob die Welt nun ganz in Ordnung oder doch himmeltraurig ist. Ricca bezeichnet sich selbst als Pessimisten. Der Musik hört man das an – textlich muss man aber im hübschen Booklet mitlesen, denn seine Lyrics versickern häufig in einem See aus Hall und Gitarren.

 

Die Story, die Elio Ricca auf ihrem Debut erzählen, geht verkürzt etwa so: Glaub an deine Träume, bleib bei deiner Unkonventionalität und geh deinen Weg – egal was dir die Leute am Wegrand erzählen.

Klar, die Geschichte hat man bereits unzählige Male gehört. Aber es ist auch eine, die immer neu erzählt werden muss. So wie die Melodien zwischen Himmel und Hölle wandeln, wechseln sich heftige Gitarrenriffs in Sekunden mit dem ruhigen Rauschen von Verstärkern ab. Am extremsten fällt dies bei Womb, einem der stärksten Songs des Albums, Surveillance und Bus Stop 11 auf.

Mehr als nur eine Sammlung von Songs

Das vielseitige Womb stellt den Mittelpunkt des Albums und der Storyline dar: Der ganze Traum bricht zusammen, der Protagonist ist am Ende. Der Song beginnt mit verhalltem Gitarrenknarzen, geht dann in ein Beckenprügeln ohnegleichen über, nur um später wieder zusammenzubrechen. Zugänglichkeit geht definitiv anders, doch Einfachheit ist bekanntlich noch kein Kriterium für Qualität.

Die fliessenden Hoch-und-Tiefs des über sechsminütigen Stücks sind stellvertretend für das ganze Album: Die Songs stehen nie alleine, sondern sind immer mit natürlichen, oft geräuschlastigen Übergängen ineinandergeflochten. Mal fallen Fünfliber auf den Boden, mal hört man einen Herzschlag, der sich in den Drumbeat des nächsten Songs verwandelt. Man denke an Songs For The Deaf der Queens of the Stone Age, übrigens durchaus eine Inspiration für Elio Riccas Scheibe, oder an die Werke von Pink Floyd. Another Way To Get High ist jedenfalls keine lose Sammlung an Songs, sondern ein organisches Gesamtkunstwerk.

Neben härteren Stücken wie Vortex, das gut zu einer schnellen Spritztour in einem Cabrio passen würde, findet sich auf dem Album auch der eine oder andere ruhige Track. In Head High und dem sehr gelungenen Don’t Even Love sind A-Gitarre und Piano willkommene Abwechslungen in der sonst eher zurückhaltenden Instrumentierung. Letzterer ist ein Song, den Ricca seit Teenager-Tagen mit sich herumträgt. Hier und auch in den Strophen von Surveillance hört man den grossen Umfang von Riccas Stimme. Seine Kopfstimme ist (charakter-)stark und die fliessenden Wechsel zwischen tiefen und hohen Registern beeindrucken. Schade, dass sie im Hall und dem Gitarrengewitter häufig etwas untergeht.

Im Proberaum ist es auch nicht sauber

Den wenig klassischen Strukturen, ausgefallenen Melodien und unkonventionellen Übergängen muss man etwas mehr Zeit widmen, um sie kennen und schätzen zu lernen. Und auch die Produktion des Albums könnte für einige eine Hürde sein. Nachdem Elio Ricca die ersten Aufnahmen der Songs zum Abmischen geschickt hatten, erhielten sie ziemlich saubere Versionen zurück: moderne, riesig-klingende Drums und glänzend-präsente Vocals. Das passte dem Duo nicht.

«Wir konnten nicht wirklich hinter der sauberen Produktion stehen», sagt Ricca. «Unser Album soll so klingen, wie es bei uns im Proberaum klingt.» Dass die Stimme in den Hintergrund gerät, dass das Schlagzeug nicht nach Hallenstadion und die Gitarren teilweise etwas undifferenziert klingen, kann man mögen oder auch nicht. Die Songs sind aber so gut, dass es sich unbedingt lohnt, über angebliche «Fehler» in der Produktion hinwegzusehen.

Wobei, «Fehler» gibt es in diesem Sinn ja nicht. Denn eben diese Ungenauigkeiten machen Elio Ricca zu ihrem Konzept. Das Pedal des Klaviers quietscht (Don’t Even Love), Gitarreneffekte werden hörbar umgeschaltet (Angels On A Mountain) und hin und wieder hört man Fussschritte oder das Wackeln eines Stuhls. Beispielhaft am Ende von Don’t Even Love: Beim Aufnehmen von Perkussionsinstrumenten fuhr vor dem Proberaum in der Reithalle ein Krankenwagen vorbei. Andere hätten die Aufnahme abgebrochen, weil man die Sirene hätte hören können. Elio Ricca drehten das Mikrofon auf. Das ist Garagen-Style, das ist Do-It-Yourself – und das ist Elio Ricca.

Elio Ricca: Another Way To Get High
Taufe: 11. Juni, 22 Uhr, Reithalle St.Gallen, Support: Wassily und The Harbs

Weitere Konzerte: 6. August, Out In The Gurin Sargans
 und 25. August, Musikfestwochen Winterthur

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