, 8. März 2020
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Sleepless in St.Gallen

Musikalische Backenküsse am «Jugendkonzert»: Dachs tauften am Freitag im St.Galler Palace ihr Album «Zu Jeder Stund en Vogelsang» trotz Corona und mit einer Legende. von Timo Posselt

Spekulationen vor dem Konzert auf der Palace-Toilette. Ist er da? «Dä Beat hät ganz sicher kai Chappe ah, dä hät en Velohelm ah.»  – «Egal, er söll nochher uf d‘ Bühni.»

Beat Breu, heute 62 Jahre alt, in den 80ern der radelnde «Bergfloh»: zweimaliger Gewinner der Tour de Suisse und 1982 Erster in der Bergetappe der Tour de France auf die Alp d’Huez. Dieser Breu hat gerade seine Nachgeborenen-Fanbase maximal vergrössern können. Denn Dachs haben eine Hymne auf ihn geschrieben.

Irgendwie surreal alles: Dachs im «10 vor 10», «Regionaljournal» und auf Spotify mit dem Song «Beat Breu» fast 50’000 mal angehört. Nein, Lukas Senn und Basil Kehl sind kein St.Galler Geheimtipp mehr. Stattdessen: All ages. Auch im Palace an der Albumtaufe. Deutlich mehr Junge, aber klar: Mit Corona sind Seniorinnen-Tanzveranstaltungen riskant, «Jugendkonzerte» unbedenklich, sagt der Kanton.

Im Palace erlebt man die Corona-Krise unaufgeregt: Beim Eingang kurz Gesundheitsbestätigungsmail zücken und dann rein. Ausverkauft. Hoffentlich nicht das letzte Mal diese Saison.

Wie vor einem Grümpeli-Turnier

«Emotional approaching» statt «social distancing», heisst es auch für Dachs. Ihr neues Album «Zu Jeder Stund en Vogelsang» ist getragener und persönlicher als das letzte. An der Albumtaufe bitten Lukas Senn und Basil Kehl das Publikum wiederholt um Stille. Es schweigt dann rücksichtsvoll und steht gespannt bis in die Sesselreihen. Das zerbrechliche «Du Schicksch Sibä Smileys» kann sich so ungestört entfalten und lässt staunende Emoticons regnen.

Die letzten Tage seien «wie vor einem Grümpeli-Turnier» in der Schulzeit gewesen, erzählt Sänger Basil Kehl in einer Ansage. «Denn isch mer amel mit de Fuessballschueh i d‘ Schuel cho und es isch abgsait worde.» Bis zum Schluss wusste die Band nicht, ob ihre Albumtaufe stattfinden kann.

Angespannt wirken nur einzelne Songs wie «Mandala», das merkwürdig gleichförmig plätschert. In «Beziehige sind wie Dürüm» dagegen verstreicht die letzte Cello-Saite in absoluter Stille, ewig könnte man diesen Ausgangs-Aphorismen zuhören. Die alten Songs «Düdado» oder «Selecta Automat» nehmen spürbar Druck von der Band. So hört Sänger Basil Kehl bei der pubertären Eifersuchtsrache-Hymne «Pflumebaum» gar plötzlich auf zu singen: Das Publikum übertönt ihn. Lukas Senn surft in Kniebeugen mit den Händen an den Synthies, als trage ihn eine Welle durch die Songs. Der vertrackte Beat von «Si Händ dä Schlagzüger us dä Band grüert» lässt die Köpfe nicken, und «Büzlä» vom letzten Album «Immer schö lächlä» ist heute eine sperrige Technonummer.

Die Lämpchen in den vier Lampions rasten aus, das Publikum noch nicht ganz. Dachs will nicht unbedingt gefallen. Stattdessen bauen sie auch ihre alten Songs ständig um. Sie singen «S’isch alles nur e Lüg gsi» und erhalten sich so ihre künstlerische Autonomie.

Kommt er?

Schliesslich bedankt sich Basil Kehl bei Beat Breu und die Stimmung scheint kurz auf dem Kipppunkt. Fordernde Sprechgesänge, gezückte Smartphones. Kommt er? Ja, er kommt auf die Bühne. Casual-Look, nasale Stimmlage – er ist es: Beat Breu, der Crowd-Pleaser. Irgendwie surreal alles, und wahrscheinlich am meisten für ihn selbst.

Breu sagt danke: auch denen, die nicht geboren waren, als er radelte. «I het nöd tenkt, dass i no e läbendi Legende wärd.» Zum Schluss der Song «Beat Breu», kollektive Entladung, irgendwo über den Köpfen eine Dachs-Handpuppe und auf den Radfahrer-Chäppli vom Merch-Stand steht: «Sone Legende». Er ist legendär, Dachs ist legendär, St. Gallen ist legendär. Zumindest als Versprechen an diesem Abend im Palace.

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