, 19. Juli 2019
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Sex, Drugs und gebrochene Helden

Quentin Mourons neuer Roman «Heroïne» handelt vom Privatdetektiv Franck, der nach einer verschwundenen Ladung Heroin und dem Mörder des Vaters einer blutjungen Sexarbeiterin sucht. Erneut brilliert der schweizerisch-kanadische Jungautor mit seiner dichten, atemlosen Schreibe. von Florian Vetsch

Der schweizerisch-kanadische Schriftsteller Quentin Mouron. (Bilder: pd)

Per Zufall verkam ich Daniel Fuchs, dem Lektor, im Winter 2017/18 beim Broderbrunnen. Wir hatten beide ein paar Augenblicke und so fragte ich ihn nach Quentin Mouron; ich hatte Interessantes über dessen Kriminalroman Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain gehört. Daniel ging gleich ab, schwor auf diesen jungen Schweizer Schriftsteller mit kanadischen Wurzeln, meinte, ich müsse unbedingt Notre-Dame-de-la-Merci (Bilgerverlag, Zürich 2016) lesen…

Was ich tat, denn Daniel Fuchs hat einen untrüglichen Sinn für starke Literatur. Und tatsächlich gingen mir die Augen über, als ich Notre-Dame-de-la-Merci las: Mich fesselte diese raffiniert geschriebene und unheimlich traurige Winterballade aus dem Nest Notre-Dame-de-la-Merci in der Provinz Québec, Kanada, wo der 1989 in Lausanne geborene Quentin, Sohn des Künstlers Didier Mouron, aufgewachsen war. Ich las die Novelle mehrmals.

Danach nahm ich Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain (Bilgerverlag, Zürich 2017) zur Hand – eine Revolvertrommel an Suspense. In diesem Roman noir begegnete mir zum ersten Mal Franck, Mourons Detektiv: ein Dandy, aber schlagfertig, knallhart und abgebrüht, «hard boiled» eben, dabei ein kombinatorisches Ass sowie – Kokainist.

Gespannt erwartete ich Quentin Mourons nächstes Buch auf Deutsch. Das Warten endete vor wenigen Wochen mit dem Erscheinen des Kriminalromans Heroïne (Bilgerverlag, Zürich 2019). Das rund 120 Seiten starke Buch sei der Saiten-online-Gemeinde als Sommerkrimi wärmstens ans Herz gelegt: lauter atmosphärisch dichte filmische Szenen und Dialoge, die einen Tarantino oder die Coen-Brothers herausfordern könnten; kurze, atemlose Kapitel voller Drogen, Sex und explosiver oder unterschwelliger Gewalt. Zudem ist Quentin Mourons Prosa mit kulturkritischen, philosophischen und soziologischen Anspielungen unterminiert, so dass sich auch jedes «close reading» lohnt.

Kokain von teuren Büchern schnupfen

In Heroïne forscht der New Yorker Privatdetektiv Franck, der inzwischen aus Verzweiflung bibliophil geworden ist und am liebsten Kokslinien auf wertvollen alten Büchern zieht, nach einer verschollenen Lieferung Heroin sowie nach dem Mörder des Vaters einer blutjungen Sexarbeiterin, und zwar in Tonopah, einem 2000-Seelen-Krachen im Nirgendwo von Nevada – «einer Wüste in einer Wüste»; Tonopah ist eine weitere für Mourons Romane typische kleine Ortschaft, die den desaströsen Zustand der globalen Misere in den Seelen, Abhängigkeiten und Fluchtbewegungen ihrer Bewohner widerspiegelt…

Francks Initiative wird ein Abenteuer, aus dem keiner ungeschoren davonkommt. Und mit der Sexarbeiterin Leah hat Mouron eine grossartige, in sich zerrissene Frauenfigur geschaffen – eine gebrochene Heroin, die jede Seite, auf der sie erscheint, vibrieren lässt.

Gebrochene Heroik strahlen einige weitere Protagonisten von Heroïne aus, nicht zuletzt Franck selbst, aber auch eine Nebenfigur wie Keith, der kriegsversehrte Veteran: «Keith war gerade mal zwanzig, als dieses kleine Mädchen sich in die Luft gejagt hat. Kahmard, Afghanistan, auch dort sind Berge, auch dort ist Wüste. Es ist Nevada ohne Golf, ohne die Fast-Food-Kette Wendy’s, ohne Saloons mit Bierausschank. In Kahmard gibt es kein Baseballteam. Dafür liegen dort seit Oktober 2010 Keiths Beine, ein Arm, seine Haare und ein Grossteil seiner Haut. Mit seiner unversehrten Hand wischt er die Milch von seinen Beinstümpfen. Von seiner Rente konnte er sich ein Wohnmobil kaufen – ein Modell, gross genug, um im Rollstuhl darin herumzufahren.»

Doch das für Heroïne signifikante Leitmotiv des Schnupfens von Kokain auf bibliophilen Preziosen erinnert mich an das brennende Buch, das der 30-jährige Autor auf dem Cover seines jüngsten Romans Vesoul, le 7 janvier 2015 (Olivier Morattel Éditeur, Dole 2019) in Händen hält. Das Porträt springt einem auch entgegen, wenn man die Webseite des Autors quentinmouron.com anklickt: In Quentin Mourons Büchern – und in unserer Welt – brennen die Güter und Werte der Kultur, sie werden desavouiert, ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, sich selber entfremdet, missbraucht – oder explizit angegriffen und der Vernichtung preisgegeben.

Wie am 7. Januar 2015, als in Paris die Redaktion der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» mörderisch gestürmt wurde. Aus dem Bilgerverlag hört man, dass die deutsche Übersetzung von Vesoul, le 7 janvier 2015 auf das Frühjahr 2020 geplant sei; das Buch dürfte ein sicherer Wert in einer unsicheren Welt sein.

Quentin Mouron: Heroïne – Roman (aus dem Französischen von Andrea Stephani und Barbara Heber-Schärer). Bilgerverlag, Zürich 2019. 128 Seiten. CHF 26.-

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