Eigentlich begann alles mit Claude Debussy. Sein Komponieren war ganz auf die «Clarté» ausgerichtet. Olivier Messiaen beschäftigte sich später mit der konsequenten Anwendung von Tonhöhen. Gerard Grisey und die Gruppe Itinéraire begründeten 1973 die Spektralmusik. Soviel vom Kanon. Es verwundert also nicht, dass das Komponieren unter Einbezug der Farbigkeit der Spektren vor allem im frankophonen Raum Schule machte. Zum Schluss ihrer Saison boten die Veranstalter von newart music/contrapunkt eine Expedition ins klangliche Nachbar- und Neuland.
Harte Kost
Mit dem Konzept der Sättigung arbeitet Rokh III (2012) von Raphaël Cendo. Dem Komponisten ist es wichtig, über die absolute Kontrolle der Noten zu gehen. In die instrumentalen Frequenzräume werden mit extremen Gesten komplexe Sounds projiziert. Gian Ponte am Konzertflügel, Renata Kambarova, Flöte, Marion Borgel, Violine und Diego Coutinho, Violoncello, spielen sich mit äusserster Präzision durch die schnellen Änderungen der Spielmodi, der Grenze zum Kontrollverlust entlang.
Un Ciel fait d’herbe des Franzosen Claude Leloux zeigt, dass seine Suche im Osten auf fruchtbaren Boden fiel. Spürbar sind Erkenntnisse aus asiatischen Tonsystemen in sein kompositorischen Schaffen eingeflossen. Das der Komposition zu Grunde liegende Gedicht von Marc Imberechts wird vom Pianisten in den Resonanzraum des Flügels hineingeflüstert. Ein «moment musical» in einem Stück mit sprachlichem Charakter.
re/wind/re/write (2014) des brasilianisch-schwedischen Komponisten Ricardo Eizirk ist ein Duo für Klavier und Violoncello, zwei Performer inklusive. Mit perkussiven Fundstücken wird der klangliche Strom durch mechanisch präzise gesetzte Interaktionen angereichert. Das ist stupend im Setting und besitzt durchaus auch eine humoristische Note.
Natürliche und künstliche Muster
Ftérà (2014) bedeutet im Griechischen Flügel, Gefieder. In dem Trio für Bassklarinette, Viola und Klavier von Yann Robin spielt das thematisch eine zentrale Rolle. Schläge, Luft, Rascheln, Blasen: Benjamin Maneyrol, Bassklarinette, kann seine gesamte interpretatorische und atemtechnische Kunst entfalten. Gepulste Gestik, gehämmerte, körnige Klänge – bis diese selbst Ton freigeben.
Sinnigerweise klang das Programm mit einer Komposition von Altmeister Gerard Grisey aus. Erstaunlich, wie ungealtert Talea von 1987 daher kommt. Auf der Basis von repetierten rhythmischen Mustern, mit fixer Notation, bewegt sich das Werk konsequent der Befreiung von Ton und Klang entgegen. Das Ensemble Fractales ist in dieser Mission unterwegs, leidenschaftlich, mit dem Können der Erfahrung; im Repertoire viel im Wortsinn Unerhörtes für offene Ohren.
Newart music/contrapunkt sei zum Saisonabschluss für diese Hör-Perspektive und die Pionierarbeit gedankt. In unseren schweizerisch-deutschen Tonhallen und Sälen hörten wir gerne mehr Musik unserer Zeit, auch frankophone. Endlich einmal ein Stück von Grisey für grosses Orchester…pourquoi pas? C’est le son, qui fait la musique.
ensemblefractales.com
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.