, 7. November 2019
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Soundtrack für die Bewegung

Mit den Bands Bear Pit, Projekt ET und dem Liedermacher Simon Hotz sind die politischen Parolen zurück auf den Bühnen der Stadt. Das ist gut so. Von Matthias Fässler

Spielen in ihren politischen Texten geschickt mit Klischess, Aneignung und Abgrenzung: Projekt ET (Bild: pd)

Es gab eine Zeit in dieser Stadt, in der einem die politischen Konflikte auf dem Silbertablett serviert wurden: das Wegweisungsgesetz von 2005, der Abriss des alten Rümpeltums bei der St.Leonhardsbrücke zugunsten eines dystopischen Leopardenbaus, offene Konflikte mit Neonazis in der Region und auch sonst, der komplette Abriss des Bleicheliquartiers und verschiedene Besetzungen wie etwa jene der Villa Wiesental.

Das wirbelte nicht nur politisch allerlei Staub auf. Darüber liess sich auch genüsslich und mit klarer Kante singen. Das tat etwa die Punkband Die Rabiatisten, die sich in den Nullerjahren als Hausband der Aktivistinnen und Aktivisten von «Aktiv Unzufrieden» einen Namen gemacht hatte. Andere, zum Beispiel der Rapper Göldin, taten es ihnen gleich.

Spätestens mit der Auflösung der Rabiatisten 2013 waren die explizit politischen Texte und Schlagworte aber wieder von den Bühnen der Stadt verschwunden. Und damit auch ein Stück linker Subkultur. Und irgendwie schien die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Musik auch niemanden so wirklich zu kümmern.

Mit Bear Pit, Projekt ET und Simon Hotz kehrt nun Jahre später dieses Genre zurück. Und im Vergleich zu den natürlich im Nachhinein immer auch etwas romantisierten, politisch bewegten Zeiten lässt sich die Frage: «Wieso gerade jetzt?» nicht so leicht beantworten. Klimastreik? Vielleicht. Ein Zufall? Möglicherweise. Auf jeden Fall sind hier Musiker am Werk – in diesem Fall leider nur Männer –, die nicht nur selber Teil politischer Gruppen und Bewegungen sind, sondern auch für diese Musik machen. Mit expliziten Texten und einer Selbstverortung als politische, ja als linke Bands. Und nicht zuletzt mit einem klaren Bezug zur Stadt, der sich immer wieder auch in ihren Texten spiegelt.

Es sind diese Punkte, die sie von anderen, ebenso wichtigen Bands unterscheiden, die glücklicherweise nie verschwanden, jene mit subtilen politischen Botschaften, den solidarischen Bands, die an Benefizveranstaltungen, an 1. Mai-Festen spielen. Etwa Dachs mit ihren raffinierten Hymnen für Service Public, gegen das Bünzlitum, den präzisen Alltagsbeobachtungen, eine Band, die immer mal wieder der Sache wegen spielt. Oder auch Nofnog, eine Punkband aus dem Rheintal, die seit mehr als 15 Jahren Musik macht und immer wieder Haltung bezieht. Oder jüngst die Band Subaqua, ein Zweiergespann, das ruhigen und melancholischen Pop spielt, im Rümpeltum, an Wahlfesten und in Genossenschaftsbeizen. Die Liste liesse sich fortführen.

Punk aus dem Hinterland

Widnau, Mörschwil, Untereggen. Es sind nicht gerade die Hochburgen des linken Punks, wo drei der vier Mitglieder von Bear Pit aufgewachsen sind. «Wir kommen aus Gegenden, wo es voll lustig ist, Nazi-Witze zu machen. Ich kannte im Rheintal keine anderen Leute, die ähnliche Musik hörten wie ich oder ähnliche Ansichten teilten», erzählt Lauro Carisch, Sänger und Texter der Band. Das politisiere natürlich. In der Stadt sei man dann auf linke Infrastrukturen, eine entsprechende Szene getroffen, die es einem erleichtert hätten, auch die entsprechende Musik zu machen.

Proletenmässig auf den Tisch klopfen, weils Spass macht: die Punkband Bear Pit.

Bear Pit steht aber auch für die Erkenntnis, dass zur Revolution, zu Aktivismus auch immer eine gehörige Portion Hedonismus gehört. Sonne, Strand und Meer. Saufen. Aber immer gegen Rechts, versteht sich. «Wenn wir dagegen halten, muss es doch auch Spass machen», sagt Carisch. Und zu diesem Spass gehört auch Provokation: «In unserer Gesellschaft gelten politische Meinungen als etwas Langweiliges. Gleichgültig zu sein, ist dagegen voll okay. Da provozieren politische Aussagen natürlich. Und Provokation ist geil. Das braucht es.»

Diese musikalische Provokation mag zeitweise etwas grobschlächtig oder auch plakativ klingen, aber sie macht politische Inhalte auch zugänglicher. Für alle jene, denen der marxistische Lesekreis nicht zusagt. Aus dem HSG-Symposium zum Beispiel wird in einem extra für die Kampagne gegen die Veranstaltung geschriebenen Song die «Vollversammlung der Klassenfeinde».

Und so eindeutig die Schlagworte sind, die einem etwa auf dem neusten Album entgegenfliegen: Die Musik wirkt weder dogmatisch noch moralisierend. Das habe auch damit zu tun, sagt Carisch, dass alle Bandmitglieder aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen kämen. «Ich bezeichne mich als Anarchisten, ein anderer fährt die demokratisch-sozialistische Schiene, wieder einer ist ziemlich undogmatisch. Und einer ist bei den Jungen Grünen».

Nicht nur durch diese breite politische Palette schafft die Band eine Zugänglichkeit, die dem Punk vielleicht manchmal etwas verloren geht. An der Plattentaufe im Enge spielt nach dem Konzert ein DJ-Duo französischen Trap. Einige Wochen zuvor spielte die Band zusammen mit den Rappern von Projekt ET ein Konzert gegen das HSG-Symposium.

Die Zugänglichkeit ist beabsichtigt. «Wir wollen, dass sich die Zuhörerinnen und Zuhörer mit den Texten identifizieren können. Das funktioniert über die Musik, aber auch über die Texte, mit denen wir auf den Tisch klopfen möchten, proletenmässig», erklärt Carisch. Punk populaire gewissermassen, als Politisierungsmoment.

Von wegen Kauderwelsch

«Wir wollen eigentlich einfach Geschichten aus dem Alltag erzählen», sagt Jan Räbsamen, Künstlername Epik und die eine Hälfte von Projekt ET. Dass diese dann oft politisch seien, habe einfach damit zu tun, dass sie beide sehr politische Menschen seien. Vor eineinhalb Jahren wagte sich Räbsamen zusammen mit Gian-Andri Stahl alias Takle erstmals mit ihren Songs an die Öffentlichkeit, mittlerweile haben sie ihr erstes Album veröffentlicht: Kauderwelsch. Und der Titel täuscht. Denn unverständlich ist hier gar nichts. Es sind zehn Tracks aus dem Alltag, aber immer auch Songs, die das grosse Ganze verhandeln, wenn ihnen auch zeitweise etwas der rote Faden verloren geht.

«Wenn wir Texte schreiben, nehmen wir uns nicht vor, die grossen Zusammenhänge theoretisch zu erklären», sagt Stahl. Die Songs funktionieren aber auch so wunderbar, ohne Theorie, dafür mit Alltagsmetaphern, und indem sie geschickt mit Klischees, mit Aneignung und Abgrenzung spielen. Wiisswii usem Tetrapack heisst einer der Tracks. Viel schöner kann man die Abgrenzung gegen oben und das Älterwerden nicht auf einen Nenner bringen.

In Mexikaner singen die beiden vom Saufen für den guten Zweck und beziehen sich dabei auf eine Kampagne gegen den G20-Gipfel in Hamburg. An anderer Stelle fordern sie Chueche für alli. So wie Bear Pit verstehen es Projekt ET, das grosse Politische im kleinen St.Gallen zu spiegeln. Und das grosse Politische braucht immer auch Symbole, Orte und Menschen, an denen sich diese Alltagsgeschichten erzählen lassen. Etwa, wenn über Nachtzuschläge gerappt wird, über die Grabenhalle, oder darüber, dass man manchmal HSG-lern gerne eine Watsche verpassen würde.

So sehr Konflikte vielleicht zu anderen Zeiten offensichtlicher zutage treten, sie entstehen manchmal auch erst dann, wenn man darüber singt. Man stelle sich vor, jemand hätte über ein alternatives Kulturzentrum gesungen, in der Innenstadt an bester Lage, das bald einer zum grossen Teil privat finanzierten Eliteuniversität weichen muss, die noch mehr städtischen Raum einfordert.

Es gehe schon immer auch um so etwas wie eine linke Identität, sagt Stahl. Auch wenn sie sich selber gar nicht als explizit politische Band bezeichnen würden. «Ich finde es wichtig, dass es in der Ostschweiz politische Bands gibt», sagt er. «Das ist gerade für eine Szene, halt für den ganzen Kuchen, wichtig. Dass du an ein Konzert gehen kannst, ohne Angst zu haben, dass da jemand irgendwelchen Bullshit verzapft.»

Der Sonderfall

Simon Hotz wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Ein 18-jähriger Liedermacher inmitten einer autogetunten hurrahdigitalisierten Jugend, der seine Inspiration aus Lyrikbänden nimmt – Erich Fried, Erich Kästner –, der von Vorbildern wie Hannes Wader, Georg Danzer, Reinhard Mey schwärmt. «Das macht mir manchmal schon zu schaffen», sagt er nicht ohne Bescheidenheit. «Ich verstehe schon, dass man Punkbands geil findet. Aber wieso nicht auch Liedermacher? Mein Genre ist durch die Textlastigkeit ja eine Art Sonderfall in der Musik. Zudem besteht gerade die Schwierigkeit darin, mit nur einem Instrument eine gewisse Intensität herstellen zu können.»

Dass er überhaupt mit dem Schreiben begonnen hat, und vor allem mit dem politischen Schreiben, sei einem Zufall geschuldet, sagt Hotz. Nach einem Konzert von Konstantin Wecker lädt ihn dieser zu einem Schreibworkshop nach Würzburg ein. Hotz bastelt zusammen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an eigenen Songs, kurz danach steht er das erste Mal auf der Bühne und spielt eigene Lieder. Für eine «linke Bubble», aber auch für sich, denn er brauche diese Bubble ja auch selber, «um nicht durchzudrehen».

Wie aus der Zeit gefallen: Der politische Liedermacher Simon Hotz schwärmt für seine Vorbilder Danzer, Wader, Mey.

Da die politische Szene in St.Gallen sehr klein sei, merke man viel stärker, wenn einzelne ausfallen würden, sagt Hotz. «Ich hatte oft schon Angst bei den Klimastreiks, dass Leute aufgrund der Belastung den Schwung verlieren. Ich will mit meiner Musik den Leuten Energie geben, das Feuer am Brennen halten.»

Simon Hotz, selbst auch aktiv im Klimakollektiv Ostschweiz, wirkt für sein Alter erstaunlich abgeklärt, changiert geschickt durch die Themenwelt linker Gesellschaftskritik, singt Eigenes und Coverversionen. Und man fragt sich unweigerlich, wo diese Reise endet, wenn sie bereits mit 18 so beginnt. Wohl nicht auf den grossen Bühnen, vermutet Hotz. Wie auch die beiden anderen Bands weiss er, dass Bands, die sich klar positionieren, selten der grosse, auch kommerzielle, Durchbruch gelingt.

Musik in durchgeknallten Zeiten

Bear Pit, Projekt ET und Simon Hotz – sie stehen bestimmt auch für eine Art Sehnsucht nach Eindeutigkeit, nach klaren Verhältnissen, in durchgeknallten und komplexen Zeiten wie diesen. Es ist Musik, die nicht so tut, als hätten wir alle alles gemeinsam, die Widersprüche und gegensätzliche Interessen sichtbar macht, mit der zeitweilen unsäglichen Harmoniebedürftigkeit in dieser Stadt bricht. In Zeiten, in denen auch sonst so vieles in postideologische Beliebigkeit zerbröselt. Oder aber die Kulturindustrie und auch ein grosser Teil des musikalischen St.Gallens in hedonistischer Gleichgültigkeit, in künstlerischer Verwaltung der Gegenwart versumpft. Wo es doch auch heute, in der Stadt und überall, genug gäbe, gegen das anzusingen sich lohnen würde.

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