Alle rennen herum – das Theater lädt ein zum Innehalten und Nachdenken über Sinn und Unsinn unseres Tuns: So sieht Schauspieldirektor Jonas Knecht Aufgabe und Chance des Theaters, wie er an der Medienkonferenz zur Saison 2018/19 erklärte. In seiner dritten St.Galler Spielzeit soll sich alles um den Menschen drehen und seine «Räderwerke» in Beziehungen, Familie und Gesellschaft.
Klassiker zum weitläufigen Thema sind Tschechows Kirschgarten, Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams oder Szenen einer Ehe nach Ingmar Bergman. Daneben dominieren Ur- und Erstaufführungen, allen voran zwei Auftragsstücke des Theaters.
Repression, Sterbehilfe, Schulgewalt
Philippe Heule, der Rheintaler Autor, riskiert mit Spekulanten eine Zustandsbeschreibung seiner Heimatregion – das «Volksstück» aus seiner Feder und unter seiner Regie tourt ab September im Container von St.Gallen talaufwärts bis Chur. Ebenfalls als St.Galler Auftrag nimmt sich Darja Stocker in Ausgegrenzt und weggesperrt die üble Geschichte des «Fürsorgerischen Freiheitsentzugs» vor, unter dessen Regime bis 1981 Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen in Anstalten eingesperrt, zwangssterilisiert oder zwangsadoptiert wurden. Das Theater setzt damit nach Das Schweigen der Schweiz und Lugano Paradiso seine Auseinandersetzung mit Schweizer Befindlichkeiten fort.
Ein anderes kontroverses Thema, die Sterbehilfe, behandelt der junge deutsche Autor Konstantin Küspert, und ebenfalls erstmals in der Schweiz (worauf St.Gallen stolz sein könne) ist Versetzung von Thomas Melle zu sehen, ein Stück um einen Lehrer mit manisch-depressiver Krankheit. Schule und Klassengewalt thematisiert das Jugendstück Verrücktes Blut, entspannen und amüsieren kann man sich in Michael Frayns Komödienklassiker Der nackte Wahnsinn. Kinder kommen bei Dornrösli bockt von Anja Horst und den neuen Abenteuern von Räuber Hotzenplotz auf die Rechnung.
Das Theater setzt zudem noch vermehrt auf Kooperationen. Es macht wiederum mit beim Autorenförderprojekt Dramenprozessor. Unter dem Titel «Schauspielstudio» kommen zwei Absolventen der Hochschule der Künste Bern ins Schauspielensemble, und die Tanzkompagnie bietet dasselbe Studierenden der London Contemporary Dance School.
Geld und Macht
Tanzchefin Beate Vollack verwandelt in ihrer letzten St.Galler Spielzeit die Lokremise in ein Casino und fragt unter dem Titel verzockt nach dem Glück und Unglück des Spiels. Mit künstlichen Welten und künstlicher Intelligenz beschäftigt sich die Tanzproduktion Coppél-A.I., eine zeitgemässe Umdeutung des Coppelia-Stoffs. Zur Saisoneröffnung choreographiert Vollack auf der grossen Bühne Haydns Jahreszeiten in Koproduktion mit ihrem künftigen Arbeitsort Graz.
Um Macht und Verführung soll es im Musiktheater in der kommenden Spielzeit gehen; das Zentralwerk dazu ist Verdis Don Carlo zum Saisonauftakt. Das heitere Gegenprogramm heisst zum Beispiel Hello Dolly mit Dagmar Hellberg und Walter Andreas Müller oder L’elisir d’amore. Operndirektor Peter Heilker kündigt aber auch Raritäten an, so Monteverdis Poppea auf neuen statt alten Instrumenten in der Fassung von Ernst Krenek aus den 1930-Jahren. Oder als Schweizer Erstaufführung den Einakter Der unsterbliche Kaschtschei von Nikolai Rimski-Korsakow, zusammen mit Strawinskys Nachtigall. Zwei Jahre nach Henzes Pollicino plant das Theater löblicherweise zudem wieder eine grosse Kinderoper in der Lokremise: Cinderella von Peter Maxwell Davies.
Final Fantasy in der Tonhalle
Klingende Repertoire-Namen wie Verdi oder Donizetti fehlen, mit Beethoven, Brahms oder Tschaikowsky, auch im Tonhalleangebot der nächsten Spielzeit nicht. Aber darüber hinaus gibt es ein paar faustdicke Überraschungen, die den Klassik-Mainstream unterlaufen.
Eine davon heisst «Final Fantasy Symphonic Memories» mit Musik zum gleichnamigen Game. Das Konzert Anfang Juni 2019, mit Klavier, Orchester, Dirigent und darüberhinaus eigenem Produzenten, dürfte über die Abonnenten hinaus ein Publikum ansprechen, das sonst kaum in der Tonhalle verkehrt. Über die Grenzen und die eurozentristischen Scheuklappen hinaus blickt die Tonhalle mit der Einladung des Gurdijeff Ensembles aus Armenien. Es bringt Instrumente wie Duduk, Zurna, Pku, Blul, Kamantsche, Tar, Dap, Dhol oder Kshots zum Klingen, in einem kommentierten Konzert und innerhalb des Meisterzyklus-Abonnements, das damit einen Termin mehr als üblich zum selben Preis bietet, wie Konzertdirektor Florian Scheiber betonte.
Andere Repertoireerweiterungen verspricht der neue litauische Chefdirigent Modestas Pitrenas. Der Mann, der ein Orchester «zum Glühen bringen kann» (Scheiber), wird aus dem Schmelztiegel Baltikum unter anderem Nordisches (Jon Leifs, Grieg, Sibelius) und Slawisches (Schostakowitsch, Dvorak, Lutoslawski, Mussorgski u.a.) nach St.Gallen bringen. Und er macht zusammen mit seiner Frau, der Sängerin Ieva Prudnikovaite, mit dem US-Komponisten Peter Lieberson und seinen Neruda Songs bekannt. Ein Meisterzyklus-Highlight dürften die zwei Abende des Cellisten Pieter Wispelwey mit allen Bachsuiten sein.
Auf zum mobilen Theater
Erneut spielt das Orchester zudem wieder ein Konzert auf dem Chäserrugg. Dank ihm, dank mobilen Orchester- und Kinderproduktionen und mit der Container-Reise des Schauspiel-Ensembles nehme das Haus seine Aufgabe als «Kantonstheater» ernst, hiess es an der Medienkonferenz. Einen direkten Zusammenhang mit der ab 2020 geplanten Renovation gebe es zwar nicht, sagte Direktor Werner Signer; vielmehr sei gerade der Container von Beginn weg ein Anliegen von Schauspieldirektor Jonas Knecht gewesen. Er sei aber «überglücklich» über den positiven Volksentscheid von Anfang März und freue sich auf die Sanierungszeit und die Chance, ein ganz anderes, mobiles Theater zu bieten, sagte Signer.
Mobilität der anderen Art ist bereits jetzt im Theaterfoyer zu erleben. Dort ist ein schwarzglänzender BMW aufgefahren. Kostenpunkt laut Werbetafel: 101’540 Franken. Wer beim Wettbewerb den richtigen Namen des Autos errät und das grosse Los zieht, darf das Cabrio ein Wochenende lang fahren. Das Auto wirbt für den Hauptsponsor der St.Galler Festspiele. Auf dem Klosterhof ist dieses Jahr vom 19. Juni bis 13. Juli Puccinis Edgar zu sehen. 2019 dann brechen die Festspiele für einmal mit der Tradition, unbekannte Werke ans Tageslicht zu holen – und spielen Verdis Trovatore.
theatersg.ch
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
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Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.