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Spekulanten im Container

Das Theater St.Gallen reist durchs Rheintal und ins Toggenburg, spielt Musik für Games und kündigt diverse Schweizer Erstaufführungen an: Der Spielplan 2018/19 stösst ein paar neue Türen auf.
Von  Peter Surber , 
Der Theatercontainer, hier auf dem St.Galler Marktplatz, tourt ab September durchs Rheintal. (Bild: Theater St.Gallen)

Alle rennen herum – das Theater lädt ein zum Innehalten und Nachdenken über Sinn und Unsinn unseres Tuns: So sieht Schauspieldirektor Jonas Knecht Aufgabe und Chance des Theaters, wie er an der Medienkonferenz zur Saison 2018/19 erklärte. In seiner dritten St.Galler Spielzeit soll sich alles um den Menschen drehen und seine «Räderwerke» in Beziehungen, Familie und Gesellschaft.

Klassiker zum weitläufigen Thema sind Tschechows Kirschgarten, Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams oder Szenen einer Ehe nach Ingmar Bergman. Daneben dominieren Ur- und Erstaufführungen, allen voran zwei Auftragsstücke des Theaters.

Repression, Sterbehilfe, Schulgewalt

Philippe Heule, der Rheintaler Autor, riskiert mit Spekulanten eine Zustandsbeschreibung seiner Heimatregion – das «Volksstück» aus seiner Feder und unter seiner Regie tourt ab September im Container von St.Gallen talaufwärts bis Chur. Ebenfalls als St.Galler Auftrag nimmt sich Darja Stocker in Ausgegrenzt und weggesperrt die üble Geschichte des «Fürsorgerischen Freiheitsentzugs» vor, unter dessen Regime bis 1981 Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen in Anstalten eingesperrt, zwangssterilisiert oder zwangsadoptiert wurden. Das Theater setzt damit nach Das Schweigen der Schweiz und Lugano Paradiso seine Auseinandersetzung mit Schweizer Befindlichkeiten fort.

Ein anderes kontroverses Thema, die Sterbehilfe, behandelt der junge deutsche Autor Konstantin Küspert, und ebenfalls erstmals in der Schweiz (worauf St.Gallen stolz sein könne) ist Versetzung von Thomas Melle zu sehen, ein Stück um einen Lehrer mit manisch-depressiver Krankheit. Schule und Klassengewalt thematisiert das Jugendstück Verrücktes Blut, entspannen und amüsieren kann man sich in Michael Frayns Komödienklassiker Der nackte Wahnsinn. Kinder kommen bei Dornrösli bockt von Anja Horst und den neuen Abenteuern von Räuber Hotzenplotz auf die Rechnung.

Das Theater setzt zudem noch vermehrt auf Kooperationen. Es macht wiederum mit beim Autorenförderprojekt Dramenprozessor. Unter dem Titel «Schauspielstudio» kommen zwei Absolventen der Hochschule der Künste Bern ins Schauspielensemble, und die Tanzkompagnie bietet dasselbe Studierenden der London Contemporary Dance School.

Geld und Macht

Tanzchefin Beate Vollack verwandelt in ihrer letzten St.Galler Spielzeit die Lokremise in ein Casino und fragt unter dem Titel verzockt nach dem Glück und Unglück des Spiels. Mit künstlichen Welten und künstlicher Intelligenz beschäftigt sich die Tanzproduktion Coppél-A.I., eine zeitgemässe Umdeutung des Coppelia-Stoffs. Zur Saisoneröffnung choreographiert Vollack auf der grossen Bühne Haydns Jahreszeiten in Koproduktion mit ihrem künftigen Arbeitsort Graz.

Um Macht und Verführung soll es im Musiktheater in der kommenden Spielzeit gehen; das Zentralwerk dazu ist Verdis Don Carlo zum Saisonauftakt. Das heitere Gegenprogramm heisst zum Beispiel Hello Dolly mit Dagmar Hellberg und Walter Andreas Müller oder L’elisir d’amore. Operndirektor Peter Heilker kündigt aber auch Raritäten an, so Monteverdis Poppea auf neuen statt alten Instrumenten in der Fassung von Ernst Krenek aus den 1930-Jahren. Oder als Schweizer Erstaufführung den Einakter Der unsterbliche Kaschtschei von Nikolai Rimski-Korsakow, zusammen mit Strawinskys Nachtigall. Zwei Jahre nach Henzes Pollicino plant das Theater löblicherweise zudem wieder eine grosse Kinderoper in der Lokremise: Cinderella von Peter Maxwell Davies.

Final Fantasy in der Tonhalle

Klingende Repertoire-Namen wie Verdi oder Donizetti fehlen, mit Beethoven, Brahms oder Tschaikowsky, auch im Tonhalleangebot der nächsten Spielzeit nicht. Aber darüber hinaus gibt es ein paar faustdicke Überraschungen, die den Klassik-Mainstream unterlaufen.

Eine davon heisst «Final Fantasy Symphonic Memories» mit Musik zum gleichnamigen Game. Das Konzert Anfang Juni 2019, mit Klavier, Orchester, Dirigent und darüberhinaus eigenem Produzenten, dürfte über die Abonnenten hinaus ein Publikum ansprechen, das sonst kaum in der Tonhalle verkehrt. Über die Grenzen und die eurozentristischen Scheuklappen hinaus blickt die Tonhalle mit der Einladung des Gurdijeff Ensembles aus Armenien. Es bringt Instrumente wie Duduk, Zurna, Pku, Blul, Kamantsche, Tar, Dap, Dhol oder Kshots zum Klingen, in einem kommentierten Konzert und innerhalb des Meisterzyklus-Abonnements, das damit einen Termin mehr als üblich zum selben Preis bietet, wie Konzertdirektor Florian Scheiber betonte.

Andere Repertoireerweiterungen verspricht der neue litauische Chefdirigent Modestas Pitrenas. Der Mann, der ein Orchester «zum Glühen bringen kann» (Scheiber), wird aus dem Schmelztiegel Baltikum unter anderem Nordisches (Jon Leifs, Grieg, Sibelius) und Slawisches (Schostakowitsch, Dvorak, Lutoslawski, Mussorgski u.a.) nach St.Gallen bringen. Und er macht zusammen mit seiner Frau, der Sängerin Ieva Prudnikovaite, mit dem US-Komponisten Peter Lieberson und seinen Neruda Songs bekannt. Ein Meisterzyklus-Highlight dürften die zwei Abende des Cellisten Pieter Wispelwey mit allen Bachsuiten sein.

Auf zum mobilen Theater

Erneut spielt das Orchester zudem wieder ein Konzert auf dem Chäserrugg. Dank ihm, dank mobilen Orchester- und Kinderproduktionen und mit der Container-Reise des Schauspiel-Ensembles nehme das Haus seine Aufgabe als «Kantonstheater» ernst, hiess es an der Medienkonferenz. Einen direkten Zusammenhang mit der ab 2020 geplanten Renovation gebe es zwar nicht, sagte Direktor Werner Signer; vielmehr sei gerade der Container von Beginn weg ein Anliegen von Schauspieldirektor Jonas Knecht gewesen. Er sei aber «überglücklich» über den positiven Volksentscheid von Anfang März und freue sich auf die Sanierungszeit und die Chance, ein ganz anderes, mobiles Theater zu bieten, sagte Signer.

Mobilität der anderen Art ist bereits jetzt im Theaterfoyer zu erleben. Dort ist ein schwarzglänzender BMW aufgefahren. Kostenpunkt laut Werbetafel: 101’540 Franken. Wer beim Wettbewerb den richtigen Namen des Autos errät und das grosse Los zieht, darf das Cabrio ein Wochenende lang fahren. Das Auto wirbt für den Hauptsponsor der St.Galler Festspiele. Auf dem Klosterhof ist dieses Jahr vom 19. Juni bis 13. Juli Puccinis Edgar zu sehen. 2019 dann brechen die Festspiele für einmal mit der Tradition, unbekannte Werke ans Tageslicht zu holen – und spielen Verdis Trovatore.

 

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
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Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
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