, 1. März 2017
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Zu sperrig für Inhalt

«Inhalte überwinden» steht auf Donat Kaufmanns Gitarre. Es ist ein Wahlversprechen der deutschen Satire-Partei «Die Partei», passt aber auch zur Attitüde von «One Sentence. Supervisor». Am Freitag tritt die Badener Band im St.Galler Rümpeltum auf. von Neil Nein

Bild: Facebook

«Inhalte überwinden» ist ein starkes Statement von einer Person, die eine etwas ambivalente Beziehung zu den Medien hat. Donat Kaufmann hat sich einen Namen gemacht als der Mann, der via Crowdfunding die Front der grössten Schweizer Tageszeitung gekauft hat, um ein Statement gegen die SVP abzugeben. Die Frontanzeige damals: praktisch inhaltslos und trotzdem aussagekräftig. Kaufmann liess die Namen aller Crowdfunding-Supporter abdrucken mit dem Vermerk «Aufmerksamkeit kann man kaufen. Unsere Stimmen nicht».

Posterboy eines Mini-Aufstands

Die Geschichte wird ihn noch lange verfolgen und böse Zungen behaupten, One Sentence. Supervisor hätten nicht ganz so viel Erfolg, wäre Kaufmann nicht zum Posterboy dieses kleinen Aufstandes geworden.

Die Kampagne war wohl Fluch und Segen zugleich. Zwar erhielt der neue Langspieler Temporär Musik 1 – 13 dadurch die Aufmerksamkeit, die er verdient – er wurde von Indiesuisse gar als Album des Jahres gefeiert –, Kaufmanns Crowdfunding-Aktion schwingt aber auch heute noch in einem Grossteil der Berichterstattung über One Sentence. Supervisor mit (und ja, mir ist die Ironie dieser Feststellung durchaus bewusst).

 

Genau hier liegt die Krux: In einer Zeit, in der viele Musiker, sei es aus Resignation oder aus Angst vor negativen Reaktionen, eine erkennbare politische Haltung meiden, hat Kaufmann ein klares Zeichen gesetzt. Allerdings wird sein Schaffen nun häufig auf diese eigentlich nebensächliche Aktion reduziert. Früher stand auf dem Sticker auf Kaufmanns Gitarre noch «niemert wöt das».

Dabei bräuchte Temporär Musik 1 – 13 eigentlich keinen Aufhänger. Das Album ist in sich dermassen stimmig und merkwürdig, dass man wohl ganze philosophische Abhandlungen darüber verfassen könnte: Die Songs tragen Titel wie Algo Rhythm, Object Subject oder Arrival of The Fittest – was auch immer das bedeuten soll, es geht kaum darum, Inhalte zu überwinden.

Feedbacks, Verzerrungen, Hall-Sauce

Vielleicht liegt das primäre Ziel darin, Verwirrung zu stiften, wie es One Sentence. Supervisor bereits vor dem Release gemacht haben: Statt nach dem klassischen Zwei-Singles-vorab-dann-ein-Album-Modell vorzugehen, veröffentlichten sie unter dem Slogan «Temporär Musik» fast die Hälfte ihres Werkes online als einzelne Songs. Erst mit der Zeit nahmen die schwachen Konturen Form an und die musikalische Vision wurde erkennbar.

Suppe und Tanz mit Wassily, Gazillas und One Sentence. Supervisor: 3. März, Rümpeltum St.Gallen

Temporär Musik 1 – 13 ist sperrig und steckt voller unerwarteter Wendungen, wenn sich etwa das Post-Rock-Riff von Scope Explosion im nächsten Song zu einem brachialen Rave entwickelt oder Kaufmann im letzten Drittel von Hikikomori plötzlich ganz nonchalant Schweizerdeutsch statt englisch singt. Immer im Hinterkopf: Ein sanfter Schleier aus Feedbacks und Verzerrungen und eine dickflüssige Hall-Sauce.

Während man die Schweizer Indie-Szene durchaus als etwas verweichlicht bezeichnen könnte, wird hier an ausgewählten Stellen noch ohne Rücksicht auf Verluste geprügelt. Trotz teilweise brachialer Sounds bleiben die bittersüssen Melodien aber stets erkennbar und nehmen am Ende meist doch noch einen optimistischen Twist.

Mit ihrer Musik werden es One Sentence. Supervisor kaum jemals auf die Front der grössten Schweizer Tageszeitung schaffen. Trotzdem haben sie sich auf dem Rücken von ebendieser eine kleine Karriere aufgebaut. Inhalt überwunden.

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