Wie tönen Signers Fässer? Einiges davon weiss man, zum Beispiel von der Fass-Installation, die Roman Signer vor der Empa im Westen St.Gallens geschaffen hat und die dort seit Jahren summt und brummt. Aber jetzt kamen am Eröffnungsabend der Schlossmediale neue, ungeahnte Klänge hinzu.
Signers Resonanzfass
Im ersten Obergeschoss des Schlosses hat Signer drei Installationen plaziert: ein blaues Fass, eine «Sandschneide» samt Sandrutsche und einen tönenden Tisch. Am Eröffnungsabend des Festivals bringt die Perkussionistin Lucia Carro Veiga das Fass mit Stäben, Schlägern, Wischern, einem Gummihämmerchen oder mit den blossen Händen zum Tönen, besser: zum Jaulen, Brummen, Wimmern, Stampfen. Dann setzt sie sich an den Tisch und jagt per Morsegerät und Spritzschlauch zu einem vertrackten Rhythmus Wasserfontänen ins Fass.
Am Tisch gegenüber mixt Komponist Carlos Hidalgo die Liveklänge mit einem elektronischen Soundtrack, in den auch frühere Signer-Tonspuren, etwa von Flussgeräuschen eingearbeitet sind.
Roman Signer, Gastkünstler der diesjährigen Schlossmediale, hat für S.O.S. Variations, wie die Performance heisst, erstmals mit einem Komponisten zusammengearbeitet. Die innerrhodisch-kolumbianische Kollaboration nimmt das Grundkonzept des Festivals auf, Bildende Kunst und Musik in Dialog zu bringen. Und Signer bleibt zugleich den Elementen treu, die er seit Jahrzehnten erforscht: Wasser und Sand. Zum Auftakt lässt er ein Fallbeil durch einen Sandberg sirren – das Echo auf die «Sandschneide» kommt später vom Spieltisch zurück, wo die Perkussionistin mit Sand reibende Geräusche erzeugt.
Wie tönt das Schneiden von Sand? Roman Signer an der Eröffnungsperformance im Schloss. (Bilder: Anja Köhler)
Die elementaren nächtlichen Klänge passen prächtig zum Schloss, das einen schon bei Tageslicht und auch ohne Signer urtümlich in Bann schlägt. Das Wasserfass fügt dem alten Gemäuer einen weiteren Resonanzraum hinzu, in dem alles fremd, gross, auch unheimlich klingt. Draussen im Schlosshof verfolgt Signer seine Wasserpassion weiter: Im Schlossbrunnen lässt der Künstler den Himmel spiegeln, wer hineinschaut, soll zudem narzisstisch sich selber entdecken.
Vokales Echo über die Jahrhunderte
«Echo» heisst das diesjährige Festivalmotto, und das Spiel mit Spiegelungen findet vielfachen Widerhall im Programm. So auch im Eröffnungskonzert des Berliner Vokalensembles The Present, das zusammen mit dem Lautenisten Lee Santana auftritt. Renaissance-Polyphonie von Luca Marenzio, Barbara Strozzi, Clement Janequin, Carlo Gesualdo und Claudio Monteverdi findet hier ihr Echo in zeitgenössischen Vokalwerken.
Im «Garten der Stimmen», so der Konzerttitel, tirillieren zum Beispiel die wunderlichsten Vögel in Janequins lautmalerischem Chant des Oiseaux oder reiben sich die Chromatismen schmerzhaft in Gesualdo S’io non miro. Die Antwort kommt, genauso virtuos und mit sängerischen Höchstanforderungen gespickt, in den spanischen Madrigalen Velos Ilas aus dem Jahr 2020 von Sidney Corbett für drei Frauenstimmen.
Ein anderes Echo, diesmal auf ein herzbewegendes Liebeslied von Barbara Strozzi, wirft das Ensemble in Teddy Renos parodistischem Italoschlager Baciami tre volte zurück. Das Publikum amüsiert sich köstlich, E und U passen beim fantastischen Berliner Ensemble entspannt in ein Programm.
Festival ohne Berührungsängste
Das dürfte ein entscheidendes Erfolgsgeheimnis des Festivals sein, das dieses Jahr zum zehnten Mal in Schloss und Schlosshof stattfindet: Es kennt keine Berührungsängste zwischen Sparten, Stillagen und Schubladen, sondern tickt konsequent interdisziplinär, lebt von Neugier, Experimentierfreudigkeit und der fruchtbaren Mischung von arrivierten Kunstschaffenden und Newcomern.
10. Schlossmediale: bis 12. Juni, Schloss Werdenberg
Ausstellung «Echo» täglich ab 13 Uhr
Konzerte und Tickets: schlossmediale.ch
Jeweils mehrere junge Kunstschaffende werden zur Schlossmediale eingeladen, dafür gebe es weit über hundert Bewerbungen, wie die künstlerische Leiterin Mirella Weingarten sagte – ein Zeichen für die Attraktivität des Orts und des Festivals. Sie können hier über mehrere Wochen ihre Arbeiten entwickeln.
Dieses Jahr sind es Gudrun Barenbock, Flavio Cury und Ya-Wen Fu, die neben gestandenen Kunstschaffenden wie Roman Signer, Donata Wenders oder Katharina Lepik das Schloss in diversen Räumen und bis hin zur Fassade bespielen.
Alt und Neu im Schloss: Fotoarbeit von Gudrun Barenbrock im zweiten Obergeschoss.
Musikalisch stehen Werke des Gastkomponisten Beat Furrer im Zentrum, daneben waren zur Eröffnung die Tiroler Musiktausendsassas Franui zu hören, die Grabser Bergfinkli «zwielichterten» mit Spezialisten der zeitgenössischen Klassik, Gambenistin Hille Perl gastiert am 6. Juni mit Werken des englischen Barock, Schlagzeugerin Vanessa Porter lässt am 9. Juni das Schloss klingen, und im Schlusskonzert am 10. Juni ist das Ensemble ö! mit Kompositionen von Steve Reich, Philip Glass, Beat Furrer und anderen zu hören.
Zudem bietet das Festival Echo-Wanderungen für Auge und Ohr an oder unternahm an Pfingsten eine Klang-Expedition vom Schloss ins Toggenburg, in Kooperation mit der Klangwelt und mit Musik aus der Alpenregion von Jodel bis Brahms bis «Outer-Space»-Gesang von Christian Zehnder.
Ein Schloss für alle
Der Leiter von Schloss und Schlossmuseen, Thomas Gnägi, und die St.Galler Regierungsrätin Laura Bucher hoben in ihren Eröffnungsreden die enge Verbundenheit mit der Region hervor. Mit seinem vielstimmigen Veranstaltungsprogramm sei das Schloss heute ein Haus für alle Bevölkerungsgruppen (und neuerdings sogar barrierefrei mit Treppenlift zu erklimmen), sagte Laura Bucher.
Historisch und zeitgenössisch, international und regional: Mit diesem Profil und mit Programmen, die zugänglich seien und sich zugleich abseits des Mainstreams bewegten, ist die vom Kanton als Hauptgeldgeber sowie zahlreichen Stiftungen getragene Schlossmediale nach Buchers Worten weitherum einzigartig. Davon kann man sich noch bis Ende Woche ein eigenes Bild machen.
Schloss Werdenberg, gespiegelt. (Bild: Su.)
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