Spitäler schreiben Defizite, immer mehr Eingriffe werden ambulant durchgeführt, es gibt Überkapazitäten und leere Betten, und die rasante Spezialisierung hat zur Folge, dass Fachkräfte fehlen: All das seien keine rein st.gallischen Probleme, sondern schweizweite, sagte an der heutigen Medienkonferenz Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann.
Die Antworten auf die «Spitalfrage» sind kontrovers. Mehr dazu, samt Kritik an der rein ökonomischen Betrachtungsweise, war im Februarheft von Saiten zu lesen.
Die Antwort der St.Galler Regierung heisst Strategie «4 plus 5». Sie hat in den letzten Monaten heftige Emotionen und Reaktionen ausgelöst; über hundert Stellungnahmen gingen allein in der Vernehmlassung ein. Diese habe die Regierung intensiv geprüft. Das Ergebnis, welches Hanselmann zusammen mit Finanzdirektor Beni Würth und Baudirektor Marc Mächler präsentierte, hält im Grundsatz an den Spitalschliessungen fest – allerdings mit Korrekturen am ursprünglichen Plan.
Diese betreffen die Standorte Walenstadt und Wattwil: wohl nicht zufällig jene Regionen, die sich am vehementesten öffentlich gegen die geplante Schliessung und die Umwandlung der Regionalspitäler zu Gesundheits- und Notfallzentren (GNZ) zur Wehr setzen.
Walenstadt: Entscheid aufgeschoben
Walenstadt erhält eine Gnadenfrist bis 2024: Bis dahin will die Regierung zusammen mit den Nachbarkantonen Graubünden und Glarus herausfinden, ob ein stationäres Angebot doch noch sinnvoll und finanzierbar sei. Erst am Vortag hatten fünf Ostschweizer Kantone eine Absichtserklärung unterzeichnet, die auf gemeinsame Spitallisten und eine koordinierte Planung abzielt.
Und diesen Samstag rufen die Regionsgemeinden zu einer «Landsgemeinde» in Walenstadt auf, um gegen die geplante Schliessung zu protestieren. Mit dabei sind die sechs neuen Kandidatinnen und Kandidaten für den St.Galler Regierungsrat – pikanterweise wird einem oder einer von ihnen aller Voraussicht nach die Gesundheitsdirektion zufallen. Und damit die Verantwortung für die Zukunft des Spitals Walenstadt und die Umsetzung der Strategie.
Wattwil: Zentrum für hochspezialisierte Pflege
Wattwil soll nach dem Willen der Regierung zum «Kompetenzzentrum für spezialisierte und hochspezialisierte Pflege» werden. Sie will das eben erst erweiterte Spital an eine private Trägerin, die Solviva AG verkaufen, die sich auf Themen wie Pflege und Spital-Umnutzungen spezialisiert hat und in Grenchen eine ähnliche Institution, den «Sunnepark» betreibt.
Betreut werden sollen unter anderem Tetraplegiker – oft junge Unfallopfer, die nicht in ein Pflegeheim gehörten und für die es schweizweit an Pflegeplätzen mangle, wie Hanselmann sagte. Zusammen mit Stationen für Psychiatrie- und Suchtpatienten (wie heute schon) und für Hochdemenz rechnet das Modell mit rund 60 Betten.
Der im Herbst eingeweihte neue Trakt des Spitals Wattwil. (Bilder: Su.)
Ergänzt um die Notfall- und Gesundheitsdienste könnten in Wattwil damit breite Leistungsangebote und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das Projekt würde eine Nische füllen, ist die Regierung überzeugt – und unterscheide sich nicht sehr vom Modell einer «Integrierten Versorgung Toggenburg», welches die Gemeinde selber vorgeschlagen hatte.
Und Wil? Und Flawil?
Eine Aufhebung des Spitals Wil zugunsten von Wattwil habe die Regierung geprüft; die voraussichtlichen Patientenströme sprächen jedoch dagegen. Statt nach Wattwil würden die meisten Leute nach St.Gallen, Winterthur oder Frauenfeld ausweichen, sodass das Spital Wattwil trotzdem nicht auf die geforderten Fallzahlen käme.
Und Flawil? Verkaufen will die Regierung das Spital nicht – ein Verkauf wäre für den dortigen Spitalverbund «desaströs», ein allfälliger privater Betreiber würde nur die Überkapazitäten weiter verschärfen, hiess es an der Medienkonferenz. Dass die heutige Palliativabteilung in Flawil erhalten bleiben könnte, ist für den Verwaltungratspräsidenten der Spitalverbunde, Felix Sennhauser, zumindest nicht ganz ausgeschlossen, wie er auf Saiten-Nachfrage erklärte.
Die Hausärzte sollen den Lead haben
In den künftigen fünf Gesundheits- und Notfallzentren, die voraussichtlich an den bisherigen Spitalstandorten stehen werden, sollen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ein entscheidendes Wort mitreden. Wichtig sei ein garantierter Notfalldienst, rund um die Uhr an 365 Tagen die Woche und wohnort-nah innert maximal 20 Minuten erreichbar. Dies verlange die Bevölkerung; im übrigen könnten die GNZ aber regional unterschiedlich ausgestattet werden.
Damit nimmt die Regierung die verschiedentlich geäusserte Kritik auf, dass die Spitalverbunde den Hausärzten zuviel Konkurrenz machten. Im ambulanten Bereich dürften die Spitalverbunde künftig nur ergänzend zur niedergelassenen Ärzteschaft tätig werden, «wenn eine bedarfsgerechte Versorgung nicht hinreichend durch private Leistungserbringer sichergestellt wird».
Sparmillionen – aber zuerst Notmillionen
Von der Reduktion auf noch vier Vollspitäler verspricht sich die Regierung Einsparungen von 40 Millionen Franken; weitere 19 Millionen sollen durch «betriebliche Optimierungen» eingespart werden. Der Kanton soll zudem 20 Millionen Franken für den Service public und die Notfallversorgung an die Spitalverbunde zahlen. Damit könnten die vier Spitalverbunde den betriebswirtschaftlichen Idealwert (Ebitda) von 10 Prozent erreichen (dass dieser allerdings umstritten ist, kann man im Februarheft von Saiten nachlesen, zum Beispiel hier).
Die Schlagzeilen heute dominieren nicht Spitalfinanzen, sondern das Coronavirus. Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann lädt drum morgen Freitag bereits zur nächsten Medienorientierung: nachmittags um 16 Uhr, auch für die Bevölkerung per Livestream übertragen auf facebook.com/kantonsg.
Einmalig soll hingegen der Staat Sanierungsbeiträge im Gesamtbetrag von 88 Millionen Franken an die defizitären AGs leisten. Zur Spitalregion Fürstenland Toggenburg (10 Millionen plus 46 Millionen Darlehen, das in Eigenkapital umgewandelt werden soll) kommt inzwischen auch die Region Rheintal Werdenberg Sarganserland hinzu mit einem Darlehen von 32 Millionen.
Die heutigen roten Betriebszahlen der Spitalverbunde (2019: rund 20 Millionen Franken) seien kein einmaliger Ausreisser, sondern hätten sich über die letzten drei Jahre kontinuierlich verschlechtert, sagte Finanzdirektor Würth. Deshalb gehe es nicht ohne Massnahmen, um die Spitäler als grössten Arbeitgeber im Kanton nachhaltig zu finanzieren.
SP warnt vor Engpässen – zum Beispiel bei einer Pandemie
In einer ersten Reaktion kritisiert die SP die regierungsrätliche Strategie harsch: «Die bürgerlich dominierte Regierung argumentiert weiterhin rein finanzpolitisch und ignoriert die Sorgen der Menschen in den einzelnen Regionen dieses Kantons. Zudem blendet sie die volkswirtschaftliche Dimension der kantonalen Spitalpolitik beinahe komplett aus», schreibt Regierungsrats-Kandidatin Laura Bucher.
Mit der Schliessung von Altstätten, Rorschach und Flawil werde die wohnortnahe Versorgung aufgegeben. Es drohten Engpässe, befürchtet die SP und verweist auf die aktuelle Bedrohung durch das Coronavirus. «Bei einem solchen Ereignis wie einer Pandemie oder auch bei Naturkatastrophen werden die öffentlichen Regionalspitäler eine wichtige Funktion für die Quarantäne und die Erstversorgung übernehmen müssen. Mit mehreren Standorten kann man flexibler und schneller auf solche Herausforderungen und Veränderungen reagieren. Ein System wie von der Regierung in der Botschaft gefordert ist ein System, das von Anfang an am absoluten Limit läuft.»
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