Der Eigensinn hat seit Greta Konjunktur, aber man ist auch froh, hat man eine Diagnose dafür und kann ihn gut in Aspergers Wunderkiste versorgen.
Alle, die in ihrer Arbeit mit Kindern zu tun haben, wissen: Es gibt Kinder, die sind seltsam eigen. Es sind nicht jene, die Extrawürste brauchen als extra Aufmerksamkeitseinheit, sondern jene, denen die Aufmerksamkeit und die Reaktionen der anderen Wurst sind. Sie machen einfach ihr Ding. Die Erwachsenen mögen das irgendwie und zugleich ahnen sie, dass Eigensinn dysfunktional ist und auch von irgendeinem Defekt herrühren könnte. Sie befürchten Defizite in der Wahrnehmung, der Anpassungsbereitschaft, der Sozialkompetenz und der Teamfähigkeit. Bei den Eltern dieser Kinder mischt sich daher in den Stolz auch Sorge über die Unangepasstheit. Aber gemischte Gefühle gibts ebenfalls bei den Eltern der angepassten Kinder, weil sie fürchten, dass diese nicht genug speziell sind für eine Welt, die immerzu lechzt nach Intuition und Kreativität.
Sicher ist die Frage nach dem Eigensinn immer eine pädagogische Frage. Ihre romantische Variante lautet: Wie schafft man es, den Eigensinn der Kinder hinüber zu retten ins Erwachsenenleben? Wer auf die so gestellte Frage Antworten hat, gründet eine Privatschule. Ihre kompetenzorientierte Variante lautet: Wie stellen wir sicher, dass der Eigensinn zu einer Fähigkeit wird, die als Kreativität anlässlich von komplexen Aufgabestellungen produktiv werden kann? Wer darauf Antworten hat, leitet entsprechende Forschungsprojekte und gibt Didaktikkurse. Ihre gesellschaftlich beunruhigende Variante schliesslich lautet: Warum passen sich die meisten so mühelos an alle Erfordernisse an, dass es an Unterwerfung grenzt? Und warum sind es nur wenige, deren Eigensinn nicht nur ein Nicht-Mitmachen-Können, sondern im entscheidenden Augenblick auch ein Nicht-Mitmachen-Wollen miteinschliesst? Wer auf diese Frage eine Antwort hat, sollte vielleicht in einer Regierung das Bildungsdepartement übernehmen.
Das Bedürfnis, sich in der Herde zusammenzutun, sich dem Strom anzuschliessen oder sich mit den Vielen am warmen Herd zu versammeln, statt alleine zu stehen oder selber Wärme auszustrahlen, ist nach mindestens 6000 Jahren Individuationsgeschichte immer noch erschreckend hoch. Die ganze abendländische Literatur kann zum Beispiel gelesen werden als eine permanente Erzählung von Herausbildung und Verteidigung, Verkümmerung und Verlust des Eigensinns. Seine Austreibung und Vertilgung ist der Hauptstoff in den patriarchalen Mythen im Kampf gegen die Weiblichkeit und das Fremde und die Zurichtungsriten für die herrschende Klasse.
Spielzeug und Waffe der Machtlosen
Die uralte Unterdrückung des Eigensinns offenbart zwei Dinge. Erstens, dass dieser nicht nur kein Merkmal von Herrschaft ist (denn, wo er überhaupt vorhanden war, wird er unter dem Vorzeichen von Macht zu Willkür), sondern dass er vielmehr nur fern der Macht gedeihen kann. Dort, wo niemand genau hinschaut, wo scheinbar nichts Wichtiges passiert und sich nicht einmal Kontrolle lohnt. Doch sobald er sich zeigt, wird er, zweitens, aus der Perspektive der Macht meist als gefährlich eingestuft und eingehegt, weil die Eigenbrötlerei schlecht kontrollierbar ist und jederzeit vom Eigensinn in Eigenmacht oder von Desinteresse an der Macht in Selbstermächtigung kippen kann. Somit ist Eigensinn zugleich Spielzeug wie auch Waffe der Machtlosen. Er ist eine Bedingung für den Weg zu Macht und Erfolg und zugleich das, was man, wenn man Erfolg haben will, als erstes ablegen muss.
Das illustriert die paradoxe Situation, der das Ich heute ausgesetzt ist. Einerseits muss es sich dauernd anpassen, im Veränderungsmodus sein, und anderseits muss es den ausdauernden, unbedingten Willen zeigen, etwas Besonderes darzustellen, das aber nur so besonders sein soll, dass es jedermann als das Besondere erkennt, das er selber gerne sein würde. Das Streben nach der «Unique Selling Proposition», der USP des modernen Individuums ist der Tod des Eigensinns, da unique nur sells, wenn es alle wollen. Und damit es alle wollen, muss es ständig neu sein.
Aber der Eigensinn beharrt, hält aus und hält stand, bleibt einer einmal gefassten Neigung treu. Bei Theodor Adorno, für den der Eigensinn fast die einzige Hoffnung auf Widerstand gegen die Zwänge der «verwalteten Welt» war, heisst es: «Nur der liebt, wer die Kraft hat, an der Liebe festzuhalten. (…) Es ist die Probe auf das Gefühl, ob es über das Gefühl hinausgeht durch Dauer, wäre es auch selbst als Obsession.» Das Wort Obsession markiert den Unterschied des Eigensinns zum konsequent und beharrlich durchgeführten Plan, wie er immer in den Erfolgsstorys unserer Tage auftaucht. Während hier aber immer Ziele verfolgt werden, die noch im Scheitern als ganz vernünftig gelten, fehlen dort meist Vernunft und Ziel.
Eigensinn können wir den Willen nennen, etwas unbedingt tun zu wollen, das in der Situation weder für einen selber noch für andere nützlich erscheint – und es auch dann noch tun zu wollen, wenn die Kosten eigentlich viel zu hoch sind. Die Schrulle, wie man das früher nannte, der Spleen oder der Tick ist nichts weiter als eine Ressourcenverschwendung und wirkt sich negativ auf die Work-Life Balance aus. Der Eigensinn kann beides sein: Behinderung oder Egoismus, letzterer freilich ohne Nutzen, weder für sich noch für die Herrschenden. Also ist er mehr ein Leerlauf, der, wenns gut geht, auch anderes leerlaufen lässt.
Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang eindringlich an die mit nutzlosem Krimskrams gefüllten Taschen und Schubladen mancher Kinder, die die Ordnung schaffenden Eltern in jedem Fall lächerlich machen – schmeissen sie es weg, entfesseln sie ein Drama, lassen sie es liegen oder arrangieren es gar hübsch, war es doch nur unwichtiges Zeug. Und zu erinnern ist an Giorgio Perlasca. Ein klassischer Eigenbrötler, ein Abenteurer, Mitglied einer faschistischen Jugendbewegung in Italien, Freiwilliger beim imperialistischen Abessinien-Feldzug und doch stets nicht ganz dabei. Perlasca gibt sich aus spontanem Ärger, aber auch aus Spass und unter Lebensgefahr in Budapest zwischen 1944 und 45 als falscher spanischer Gesandter aus und rettet so in «seiner» Botschaft Hunderte von Juden vor Deportation und Vernichtung.
Das Kopfschütteln der Anderen
Der Eigensinn verfolgt also keine eigenen Zwecke, noch viel weniger solche von anderen oder für andere. Er verfolgt aber ganz entschieden Zwecke und zwar bestimmte, aber weil es keine positiven, vernünftigen sind, können wir sagen, dass sie darin bestehen, an die Stelle von geforderten Zwecken andere, nicht geforderte zu setzen. Eigensinn ist daher nichts Eigenes. Insofern das Eigene in einer individualisierten Leistungsgesellschaft ja immer nur das von allen Seiten Geforderte sein kann, also das Allgemeine, kann das Eigene nur das radikal Fremde, das dem eigenen und dem kollektiven Nutzen Entzogene sein, eben das Nutzlose. Der Eigensinn verfolgt Zwecke, die ihm weder jemand nehmen kann noch will. Das Kopfschütteln der anderen bestätigt ihn, auf dem richtigen Weg zu sein.
Manchmal kommt doch etwas dabei raus. Der Eigensinnige ist plötzlich nützlich und wird gefeiert als Träger heimlicher Vernunft, dessen Plan aufgegangen sei, als hätte er es immer gewusst. Und man hofiert ihm, nimmt ihn unter Vertrag und die Fittiche, nur um später erstaunt zu sein, dass er sich doch nicht auf Dauer einspannen lässt (weil er sich ja einer eigenen Dauer verschrieben hat). Dass man den Eigensinn brauchen kann, beruht immer nur auf Zufall.
Und damit wird er im Kapitalismus, der per Definition nie alle brauchen kann, zu dem, was er in Kindertagen schon immer war, einem Refugium des Rückzugs und des Widerstands: «Wenn du mich sowieso nirgends brauchen kannst», spricht der Eigensinn zur kapitalistischen Gesellschaft, «dann will ich meine Unbrauchbarkeit wenigstens selber gestalten. Jedoch indem ich Unbrauchbarkeit demonstriere, präsentiere ich euch, die ihr für das Wachstum eurer Wirtschaft immer neue und immer absurdere Zwecke erfinden müsst, Zwecke, von denen ihr noch gar nicht wisst, ob ihr sie einst brauchen könnt, und zeige euch damit, wie unsicher ihr damit seid, ob dieses ist oder jenes brauchbar ist, dieses oder jenes vernünftig, dieses oder jenes gut.»
Soll man den Eigensinn nun nach Kräften fördern und loben, wo er auftritt? Wohl kaum, denn er kann ja nicht anders als zu nerven und alle Zwecke, ohne die wir auch in der besten aller Welten nicht auskommen, zu sabotieren. Aber man sollte ihn wenigstens nie verfluchen, ohne ihn im Stillen zu achten als ein Potential von Widerstand, das vielleicht im entscheidenden Augenblick das Richtige tut, indem es sich dem Falschen verweigert.
Rolf Bossart, 1970, Publizist, Gymnasiallehrer und Theologe in St.Gallen.
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