, 28. September 2020
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«Sprache hat mich getröstet und umarmt»

«Im Fallen lernt die Feder fliegen» heisst der neue Roman von Usama Al Shahmani. Weggehen und Neuanfangen bleibt ein wichtiges Thema für ihn: Migration bedeutet eine Verletzung und eine Bereicherung – das wirkt bis in die Sprache hinein. von Eva Bachmann

Usama Al Shahmani. (Bild: Ayşe Yavaş)

Aida ist eine junge Frau, sie arbeitet seit fünf Jahren in der Bibliothek der Universität Basel und lebt zusammen mit ihrem Freund Daniel, einem Ethnologen. Ihre langjährige Beziehung ist kalt geworden. «Du weichst mir immer aus, wenn es um deine Geschichte geht», wirft Daniel ihr vor. Sie aber schweigt. «Ein Wind aus meiner Vergangenheit hat Worte aus meiner Sprache gerissen und sie an einen fernen Ort getragen.»

Aida hat irakische Eltern, aber ein Leben in der Schweiz. Aida bedeutet auf Arabisch Rückkehrerin – doch wo ist ihr Ursprung? Was wäre hin, was zurück? Wo ist Heimat, wo Fremde? Als Daniel sich für vier Monate in den Zivildienst verabschiedet, beginnt Aida zaghaft, ihre mehrfache Fluchtgeschichte für sich aufzuschreiben.

«Flucht ist etwas Verstörendes»

«Das ist ein Buch über Sprache», sagt Usama Al Shahmani in Frauenfeld in einem Café in der Nähe seines Schreibzimmers. Er selber muss seine Worte nicht zusammenklauben, sie sprudeln. Er liebt das Gespräch, das Fragen und Antworten, das Ergründen eines Themas im Dialog.

Buchvernissage: 30. September, 19.30 Uhr, Evang. Kirchgemeinde, Frauenfeld

Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen. Limmatverlag, Zürich, Fr. 28.–

Gesprächskultur ist auch Kultur – und er beobachtet durchaus Kulturunterschiede: «Daniel betrachtet Flucht als Thema, über das man pragmatisch nachdenken und neutral reden kann.» So kann er nicht nachvollziehen, warum der Duft von Aleppo-Seife bei Aida ein tiefes Erschrecken und einen Brechreiz auslöst. «Flucht ist etwas Verstörendes», erklärt Al Shahmani. «Man möchte neu anfangen und bleibt doch am Alten hängen. Da ist ein Widerspruch in der eigenen Identität. Man schneidet etwas ab und fügt etwas hinzu.» Flucht mache verletzlich, und Aidas Schweigen sei ein schützender Mantel.

Auch dieses Schweigen sei eine Sprache. Bis man über etwas reden könne, brauche es Zeit, «es muss zuerst den richtigen Ort im Kopf und im Herzen gefunden haben», sagt Al Shahmani. Schreiben sei eine Art von mit sich selber reden. Ein Anfang. Denn das fortgesetzte Gespräch über die Vergangenheit sei ein eminent wichtiger Prozess für das kollektive Gedächtnis. Er verweist auf das grosse Schweigen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Notwendigkeit, doch darüber zu reden, gerade in der Literatur. Die Fehler der Geschichte sollen sich nicht wiederholen. «Es macht mich unruhig, dass wir Menschen nicht genug gelernt haben aus der Vergangenheit.»

Er selber hat 15 Jahre gebraucht, um über den Krieg in Irak und seine Flucht schreiben zu können. «Literatur ist Aktion, nicht Reaktion.» Darum habe er zwar die Monate der Annullierung der Kultur in diesem Frühjahr genutzt zum Schreiben, aber nicht über Corona – «Geschichten sind keine Nachrichten.»

Usama Al Shahmani ist 1971 in Bagdad geboren, hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Heute lebt er mit seiner Familie in Frauenfeld und arbeitet als freier Schriftsteller und Kulturvermittler. Er hat mehrere Bücher über arabische Literatur publiziert (auf Arabisch) und übersetzt deutsche Literatur (u.a. von Thomas Hürlimann) und Philosophie (u.a. von Friedrich Schleiermacher und Jürgen Habermas) auf Arabisch. Auf Deutsch sind von ihm erschienen: Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister, eine Begegnung zwischen Bagdad, Frauenfeld und Berlin, zusammen mit Bernadette Conrad (2016) und In der Fremde sprechen die Bäume arabisch, Roman (2018).

Das eben entstandene Theaterstück handle von seinen Themen rund um Flucht und Ankunft und den schwierigen Prozess, sich selber neu zu erfinden. Dieser Stoff hat bei Lese- rinnen und Lesern schon einmal Interesse gefunden: Sein Buch In der Fremde sprechen die Bäume arabisch (2018) über einen irakischen Flüchtling in der Schweiz wurde mehrfach ausgezeichnet, als «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert und hat inzwischen die fünfte Auflage erreicht. Mit dem neuen Roman Im Fallen lernt die Feder fliegen setzt er noch einmal anders an, indem er mit der klar fiktionalen Hauptfigur seinen Text stärker literarisch gestaltet.

Genauigkeit und Gefühl

Fallen und Fliegen. Der Titel nimmt die Spannung zwischen Verlust und Bereicherung auf und kleidet sie in ein Bild. Das ist charakteristisch für die Sprache, zu der Usama Al Shahmani gefunden hat. «Literatur ist Poesie», sagt er, «sie braucht Farbe, Klang, Geschmack und vor allem Emotionen. Ein Buch, das auf der geraden Linie geht, würde ich nicht fertiglesen.»

Der Reichtum an Bildern und Geschichten verleugnet den Einfluss der arabischen Erzähltradition nicht. «Ich bin ein Fan von kleinen Figuren», sagt er, «und alle ihre Geschichten wollen erzählt werden.» Das brauche viel Energie beim Schreiben, aber auch Disziplin: «Ich muss meine vielen Fäden irgendwie wieder zu einem Zopf zusammenflechten.»

Al Shahmani hat vor seiner Flucht im Irak arabische Sprache und Literatur studiert und sagt: «Die Sprache hat mich in der Diktatur getröstet und umarmt.» Nun hat er seine Muttersprache «in eine Reibung gebracht» mit dem Deutschen. Deutsch assoziiert er mit Genauigkeit, Arabisch mit Gefühl. «Mein Deutsch hat sich nicht auf Kosten des Arabischen entwickelt, sondern es hat das Arabische provoziert und angezündet. Umgekehrt hat das Arabische mein Deutsch bereichert.» Er schreibt immer noch in beiden Sprachen, jeweils mit einem Bewusstsein für die andere. «Das ist meine neue Identität.»

«Unsere Seelen sind im Schatten der Palmen am Euphrat geblieben»

Das Arabische fliesst durch das Deutsche, das Vergangene durch das Gegenwärtige. Dieses Motiv gibt es auch im Roman: Wenn Aida am Rhein spazierengeht, denkt sie an den Euphrat. Für ihren Vater bedeutet der Euphrat Heimat: «Jedes Mal, wenn ich einen Text mit dem Wort ‹watan›, Heimat, schreibe, habe ich das Gefühl, dass der Euphrat mitten durch das Papier fliesst.» Der Vater ist stolz auf seine Herkunft und verweigert sich in der Schweiz einer Integration gemäss den Vorstellungen des Sozialamts. Für die Mutter sind das sowieso alles «Sandfiguren», weil sie sich ändern würden, je nachdem, wie der Wind dreht.

Die Eltern befürchten, dass ihre Töchter den westlichen Lebensstil annehmen könnten. Für Aida hingegen ist das die einzig denkbare Zukunft. Sie hat den Euphrat nicht oft gesehen. In einem Flüchtlingscamp im Iran geboren und in der Schweiz aufgewachsen, hat sie als Teenager gerade ein- mal sieben Monate im Irak gelebt. Gegen das Verständnis von Heimat ihrer Eltern lehnt sie sich auf: «Eine Heimat kann man nur dann verlieren, wenn man sie an einen Ort kettet.» Sie will ihr Leben in der Schweiz aufbauen: «Ich kann die Zukunft nicht mit der Tinte der Vergangenheit schreiben.»

So ist das Buch auch ein Generationenroman. Die Lebensmodelle der Alten und der Jungen sind unvereinbar, die Töchter fliehen vor ihren Eltern. Aber: «Ich liebe alle meine Figuren», sagt Al Shahmani, «ich bin mit jedem Wort ein- verstanden. Der Text ist durch mich geflossen.»

Sein Roman weckt Verständnis für beide Seiten. «Die Eltern sind einfach aus einem anderen Teig gebacken», erklärt er. Jeder definiere doch sein Leben durch das, was er gesehen und gehört habe. Sogar für die ältere Dame, die im Roman den ominösen Satz: «Ich bin nicht gegen Flüchtlinge, aber …» äussert, findet er nette Worte. Ihre Ansicht, dass Gäste doch irgendwann nach Hause gehen müssten, pariert Aida mit einem schönen Vergleich: «Ja, aber Gäste können auch wie Vögel sein, es gibt solche, die den Rhein lieben gelernt haben, auch wenn sie von einem anderen Fluss stammen.»

Demokratie macht wach

Die ablehnende Haltung gegenüber Migranten sei eben auch eine Realität, meint Al Shahmani, und er wolle von der Wirklichkeit erzählen. Erfährt er selber in seinem Alltag Ablehnung oder Ausgrenzung? «Diskriminierung ist ein zu grosses Wort dafür», wiegelt er ab. Er fühle sich hier als Mensch gewürdigt, er könne ohne Angst an seinen Texten arbeiten und werde gehört. In der Schweizer Demokratie sieht er ein grosses Vorbild. «Demokratie macht uns wach. Die Wachsamkeit der Schweizer gefällt mir sehr und wir sollten nicht erlauben, dass sie kippt.» Aber natürlich: Seine Hauptfigur Aida wolle nicht anders sein und sei es eben doch – das ist das Dilemma jeder migrantischen Identität.

Die Herkunft und die Geschichten wirken über Generationen nach. Das Vergangene bleibt gegenwärtig, es lässt sich nicht totschweigen. So kehrt Aida in der Geschichte zu- rück in den Irak, in die Schweiz, nach Salzburg – kehrt letztlich zurück in ihre Vergangenheit, um für sie eine Sprache zu finden. «Was macht unsere Vergangenheit mit uns?», fragt Usama Al Shahmani. «Wir können traurig sein über sie, oder wir können stolz sein auf sie.» Wir können fallen oder fliegen.

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