Abgehängt. Alleingelassen. Von der Politik geringgeschätzt. Im luftleeren Raum schwebend. So fühlt sich die freie Szene in St.Gallen, insbesondere fühlen sich so die darstellenden Künste Theater, Tanz und Performance. Seit Jahren verhallt ihr Ruf nach einem eigenen «Haus für die Freien», in dem sie ihre Stücke aufführen, aber auch einstudieren und proben, sich vernetzen und inspirieren können.
Dieser Ruf verhallt nicht ungehört, die Stadt hat sich ein «Haus für die Freien» sogar ins «Kulturkonzept 2020» geschrieben. Doch passiert ist nichts. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es mangelt an passender freier Infrastruktur, und wenn man sie mal findet, wie im Beispiel des Kulturraums Pool in der Lachen, tauchen andere Hürden auf, betrieblicher oder behördlicher Art. Dieses Auf-der-Stelle-Treten liegt teilweise aber auch an der freien Szene selbst. Sie ist zu wenig organisiert, zu wenig geeint, vielleicht auch zu wenig aktiv.
Ein Blick in andere Schweizer Städte zeigt: Andernorts ist die freie Szene schon ein paar Schritte weiter. Es gibt diverse Beispiele für Kulturstätten, an denen sich die freie Szene entfalten kann: das Merker-Areal in Baden, das Centre Culturel Régional in Delémont, das Theater am Gleis und die Alte Kaserne in Winterthur, die Kaserne in Basel, die Alte Reithalle und das Theater Tuchlaube in Aarau, ganz zu schweigen von der Gessnerallee in Zürich, ein Ort für Theater, Tanz, Performance, Musik und Communityprojekte, wo es nebst Auftrittsmöglichkeiten auch Proberäume und Residenzangebote gibt und wo die Vernetzung auch spartenübergreifend gelebt wird.
Fruchtbarer Boden in Luzern
Auch in Luzern findet die freie Szene fruchtbaren Boden vor. Grundsätzlich sei das Angebot an Probe- und Auftrittsorten gut, sagt Marco Sieber. Er ist Vorstandsmitglied bei «t.» (ausgesprochen «T-Punkt») Zentralschweiz, der Regionalgruppe von «t. Theaterschaffen Schweiz», dem Berufs- und Branchenverband aller Akteur:innen des professionellen freien Theaters. Dort laufen im Grossraum Luzern die Fäden der freien Theaterszene zusammen. «t. Zentralschweiz» ist aus dem Zusammenschluss «Forum Freies Luzern» entstanden und als einzige der zehn Regionalgruppen als Verein organisiert. Bis zu diesem fruchtbaren Boden sei es ein «sehr langer und stetiger Prozess» gewesen, sagt Sieber. Angefangen hat er in den späten 80er-, frühen 90er-Jahren, als etwa auch das alternative Kulturzentrum Boa entstand.
Heute habe die freie Theaterszene mit dem Südpol, der aus der 2007 geschlossenen Boa hervorgegangen ist, und dem Kleintheater zwei «Stammhäuser», die sehr nahe an der freien Szene seien, sagt Sieber. Auch im Theater Pavillon Luzern oder im Chäslager Stans fänden viele Produktionen statt. Wobei der Südpol und das Kleintheater den Vorteil hätten, dass dort Koproduktionen möglich, die Kollektive also organisatorisch und finanziell entlastet seien. Natürlich gebe es aber auch Kompanien, die durch das Raster fielen und Absagen bekämen. Und es sei «sehr harzig», Gastspiele in anderen Schweizer Städten zu bekommen. «Viele kommen kaum aus der Zentralschweiz heraus.» Das habe auch mit gegensätzlichen Vorgaben der Behörden zu tun: So habe beispielsweise die Rote Fabrik von der Stadt Zürich die Auflage, vor allem Zürcher Ensembles zu verpflichten, während der Kanton Luzern seine Förderstrategie auch auf Tourneeförderung ausrichte.
Die freie Theaterszene in Luzern wurde auch selber aktiv: Im vergangenen Jahr schlossen sich sieben Theaterensembles zum Verein «Das Theaterkolleg» zusammen, einem Produktionsbüro, das nebst Produktionsaufgaben auch Künstler:innen bei der organisatorischen und administrativen Arbeit unterstützt, also etwa Fundraising betreibt und sich um das Booking kümmert. «So ist ein neuer Drive entstanden», sagt Sieber. Ein eigenes «Haus für die Freien» sei allerdings seines Wissens aus der Szene heraus noch nie gefordert worden. Zum einen wegen der bestehenden Angebote. Und zum anderen: «Es ist ein Problem der Ressourcen. Die freie Szene hier ist dafür zu klein.» Doch nicht nur die Szene sei überschaubar, sondern auch die Fördergelder. Es sei elementar, dass diese auch weiterhin der freien Szene zuflössen.
Den Platz in der Berner Kulturszene erobert
Interessant ist auch ein Blick nach Bern. Die Bundeshauptstadt verfügt über eine grosse und vielfältige Alternativkultur und dabei auch über eine florierende freie Theaterszene, die sich ihren Platz längst erobert hat. Und zwar im wörtlichen Sinn: Kulturstätten wie die Dampfzentrale, das Schlachthaus Theater oder das Progr, aber auch das autonome Kulturzentrum Reitschule und das darin untergebrachte Tojo-Theater wurden auch durch Besetzungen, Zwischennutzungen und Abstimmungen in teils jahrelangen Kämpfen für die Kultur gesichert. «Diese Prozesse kamen immer aus der Kulturszene und aus der Bevölkerung. Vereinfacht gesagt musste die öffentliche Hand nicht viel aufbauen, nur unterstützen», sagt Giulia Meier, Fachspezialistin Theater, Tanz und Literatur beim Stadtberner Kulturamt.
Voraussetzung für eine solche Entwicklung sei, dass die jeweiligen Sparten in sich organisiert seien, sagt Meier. So habe auch in Bern die freie Theaterszene dank der Regionalgruppe von «t.» eine starke Stimme und einen guten Draht zur Lokalpolitik. Dasselbe gelte für die Tanzszene dank «Beta», dem Verein der Berner Tanzschaffenden.
Politik und Stadtverwaltung würden der freien Szene eine hohe Bedeutung beimessen, sagt Meier. «Ein starkes kulturelles Leben und vielfältiges Angebot sind sehr wichtig für die Attraktivität der Stadt.» Als die Stadt vor zwei Jahren ihre Ausgaben reduzieren musste, sei zwar klar gewesen, dass auch die Kultur ihren Beitrag leisten müsse. «Aber ebenso klar war, dass die Sparmassnahmen nicht in erster Linie die freie Szene betreffen sollen, sondern insbesondere die Grossen.» Mit anderen Worten: Jene, die bereits das grösste Stück vom Finanzkuchen bekommen, mussten am meisten hergeben.
Die Stadt fördert die alternative Kultur, indem sie auch fordert: Mit den grösseren Kulturlokalen schliesst sie, wie andere Städte auch, Leistungsverträge ab, die einerseits die Höhe der Subventionen definieren, andererseits auch die Bedingungen, an die die Fördergelder gebunden sind, beispielsweise dass den auftretenden Künstler:innen Richtgagen bezahlt werden müssen.
Bessere Strukturen für bessere Infrastruktur
Zurück nach St.Gallen. Und zurück zur Frage, ob sich die hiesige freie Szene nicht (bessere) Strukturen geben müsste, um ihr Anliegen von besserer Infrastruktur zu verwirklichen. Während beispielsweise in Bern und in Luzern die jeweilige Regionalgruppe von «t. Theaterschaffen Schweiz» als wichtiger Player gegenüber den Behörden auftritt, ist von der Regionalgruppe Ostschweiz wenig bis gar nichts zu hören, gerade wenn es um Kulturpolitik geht wie bei den aktuellen Diskussionen. Wäre denn das nicht das ideale Vehikel, um die Anliegen nach aussen zu tragen und den Forderungen Nachdruck zu verleihen? Ann Katrin Cooper, Co-Leiterin der IG Kultur Ost und Initiantin des Kulturraums Pool, räumt ein, dass man diese Frage diskutieren müsse. Das Ziel sei, die Zusammenarbeit in den nächsten Wochen zu intensivieren.
Und die Frage nach dem «Wo(hin)» wird die freie Szene auch weiterhin beschäftigen, unabhängig davon, ob sich eine temporäre Nutzung des Theaterprovisoriums realisieren lässt oder nicht. Auch das Zeughaus wurde ins Spiel gebracht. Wenn dereinst das Amt für Militär und Zivilschutz und das eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, die heute darin untergebracht sind, ausgezogen sind, wäre das Gebäude geradezu prädestiniert für eine kulturelle Nutzung, etwa durch die darstellenden Künste. Schon 2016 wurde darüber diskutiert, ob die Schule für Gestaltung des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS) in absehbarer Zeit dort einziehen könne. Sie konnte nicht, aus verschiedenen, teilweise nicht nachvollziehbaren Gründen, obwohl die Regierung selber zum Schluss gekommen war, dass das Gebäude dafür geeignet wäre.
Wir wollten es uns im Hinblick auf dieses Heft mal von innen anschauen, versuchen, ein paar Visionen ins Innere zu projizieren. Doch die Anfrage für einen Rundgang wurde vom Amt für Militär und Zivilschutz letztlich abgelehnt. «Die Diskussion über eine allenfalls geänderte Nutzung hat zwischen den Departementen im Jahr 2016 zu erheblichen Verwerfungen geführt. Eine erneute Berichterstattung über mindestens aktuell gegenstandslose Vorstellungen bezüglich der Nutzung des Gebäudes ist in keiner Weise zielführend – insbesondere auch nicht, falls es in späterer Zukunft tatsächlich zu einer neuen Beurteilung hinsichtlich einer Umnutzung kommen sollte», hiess es in der schriftlichen Absage. Nun denn, harren wir der Dinge, die da kommen mögen. Und vielleicht sollte es St.Gallen Bern gleichtun: einfach mal das Zeughaus besetzen.
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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