, 16. Juni 2022
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St.Gallen tanzt isländisch

Der junge isländische Tänzer und Choreograf Frank Fannar Pedersen wird neuer Tanzchef am Theater St.Gallen. Fantasievoll und intelligent sei sein Stil, lobt Jan Henric Bogen, der künftige Direktor des Theaters. Und nachhaltig?

Ab Sommer 2023 neuer Tanzchef: Frank Fannar Pedersen. (Bild: Theater Basel)

Er scheint gerade zum Karrieresprung anzusetzen: Kurz vor der Wahl ans St.Galler Theater, die der Verwaltungsrat am Dienstag bekanntgegeben hat, ist Frank Fannar Pedersen auch zum Co-Kurator der nächsten Ausgabe des Tanzfestivals Steps ernannt worden. «Das zeigt, dass man ihn schweizweit wahrgenommen hat», sagt Jan Henric Bogen.

Dazu trug seine tänzerische Laufbahn bei: Pedersen war zuletzt acht Jahre Mitglied des Basler Balletts unter Richard Wherlock, zuvor tanzte er im Ensemble der Iceland Dance Company, bei IT Dansa in Barcelona und am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. 2015 zeichnete ihn das Jahrbuch Tanz als «Hoffnungsträger des Jahres» aus.

Aber ebenso fielen seine eigenen Arbeiten auf: Bereits 2012, mit damals 21 Jahren, choreografierte er til, ein Duo, das mehrere Preise gewann und in Island, Wiesbaden und Hannover gezeigt wurde. Rund ein Dutzend weitere Choreografien kamen seither dazu, für Basel, Wiesbaden, Mannheim und 2021 auch für das Toggenburger Klangfestival, wo er mit Schellenschöttern Tanz den Schött erarbeitete.

«Scheinbar unerschöpflicher Ideenreichtum»

Pedersens Tanzsprache beschreibt Jan Henric Bogen als «sehr heutig»: fantasievoll, poetisch, intelligent, musikalisch. Die Musik, sonst im zeitgenössischen Tanz manchmal eher vernachlässigt, inspiriere seine Arbeiten stark. Die Medienmitteilung des Theaters lobt Pedersens «scheinbar unerschöpflichen Ideenreichtum».

Einen Eindruck davon, vom Tänzer wie vom Choreografen Frank Fannar Pedersen, kann man sich etwa mit Seasonal Suite verschaffen, einer vom Lockdown inspirierten Tanzvideo-Serie, der er zusammen mit dem Tänzer Javier Rodriguez Cobos und dem Videokünstler Guillaume Musset geschaffen hat:

Auf Pedersens Website sind weitere Werke zu sehen, darunter eine kollektive choreografische Arbeit mit dem Titel Gloria am Theater Basel oder ein Tanzvideo, betitelt verdur.

Auf Augenhöhe mit dem Ensemble

Pedersen falle mit seiner kommunikativen, offenen Art und seinem freundlichen Umgang auf – Qualitäten, die auch für das Ensemble spürbar gewesen seien, dem sich Pedersen Anfang Woche vorgestellt hat. Er verkörpere ein partizipatives Miteinander, wie es Bogen dem Theater auf die Fahne geschrieben hat. «Für ihn stehen nicht einfach tanzende Körper auf der Bühne, sondern er spricht von Tanzkünstlern», sagt Bogen.

Wieweit Pedersen das Ensemble erneuern werde, sei noch offen. Wechsel werde es geben, aber keinen «Kahlschlag». Allerdings ist nach Bogens Auskunft bereits auf die kommende Spielzeit, die letzte unter Kinsun Chan, fast das halbe Ensemble neu besetzt. Zwei Tänzer:innen verlassen das Ensemble nach vier Jahren, zwei wurden nicht verlängert, drei Abgänge sind «institutionell»: Sie betreffen zwei Studierende der Tanzklasse der Zürcher Hochschule der Künste (eine regelmässige Kooperation mit St.Gallen) sowie eine weitere, privat finanzierte befristete Position für Nachwuchsförderung.*

Und Diversität im Ensemble, ein weiteres Leitmotto von Bogens Theater? Das Festival Steps hat gezeigt, was an Vielfalt und im Zusammenspiel von körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung und Körperperfektion im heutigen Tanz möglich ist, mehr dazu hier. Darüber habe er mit Pedersen auch diskutiert, sagt Jan Henric Bogen. Ihm gehe es um Persönlichkeiten auf der Bühne, auch «jenseits einer perfekten Körperlichkeit». Aber wie weit sich dies im künftigen Ensemble niederschlagen werde, sei offen.

Alles neu, alles neuer?

Bleibt die dritte Kernforderung Bogens: Nachhaltigkeit. Die neue Schauspielchefin Barbara-David Brüesch hat sich dazu im Saiten-Interview klar geäussert: Der Zwang zu Uraufführungen und einem rasch wechselnden Spielplan widerspreche dem Anliegen, nachhaltig mit Materialien, aber auch mit den menschlichen Ressourcen umzugehen.

Dies sei im Tanz ähnlich, pflichtet Bogen bei: Das Publikum erwarte, dass ihm neue Stoffe und Ästhetiken geboten würden. Kooperationen und Wiederaufnahmen von Choreografien der klassischen Moderne könnten ein Gegenmittel sein. Andrerseits sei gerade im Tanz die Ausstattung meist unaufwendig, weil die Bühne in der Regel frei von Mobiliar sein müsse.

Frank Fannar Pedersen. (Bild: Alfheidur Erla Gudmundsdottir)

Der neue Tanzchef, Spross einer Tanz- und Theaterfamilie, wie im «Tagblatt» zu lesen ist, wird der bisher jüngste am Haus sein und der erste, unter dem der Tanz den anderen Sparten gleichgestellt ist. Er hat seine Bewerbung unter das Motto gestellt: «Reflect the world we live in».

Tanz könne gesellschaftliche Themen behandeln in einer Sprache, die «ausdrücken kann, was in Worten unmöglich ist». Und so auch Kreise erreichen, die mit Tanz wenig vertraut sind, sagt er. Der Tanz müsse zugänglich und in der Stadt sichtbar sein – dazu könnten offene Proben, Workshops und andere Bildungs- und Vermittlungsformen beitragen.

16 Bewerbungen

Für die Stelle waren 16 Bewerbungen von sieben Frauen und zwölf Männern aus der Schweiz, Deutschland und vier weiteren Ländern eingegangen (darunter drei Teambewerbungen). Das interne Auswahlgremium mit Jan Henric Bogen und den beiden Musiktheater- und Tanzdramaturginnen Caroline Damaschke und Christina Schmidl wurde unterstützt von Jan Vandenhouwe, Artistic Director Royal Ballet of Flanders, Antwerpen, und Sonja Westerbeck, Chefdramaturgin am Staatstheater Mainz und ehemalige Dozentin an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden.

Beurteilt wurden gemäss Mitteilung des Theaters «die Verbindung eines hochstehenden künstlerischen Anspruchs mit einer wirksamen, auf das Theater St.Gallen bezogenen Publikumsansprache, choreografisches Potenzial, Vernetzung in der Tanzwelt, Kenntnis von Stadt und Kanton St.Gallen, der Ostschweiz und des Bodenseeraums, Teamfähigkeit und Führungsstil sowie die Haltung gegenüber den Kernwerten Diversität, Nachhaltigkeit und Partizipation».

Mit Island hat St.Gallen im übrigen gute Erfahrungen gemacht: Pedersens Landsmann Thor Örn Arnarsson hat hier am Theater 2009 Romeo und Julia und 2011 Jelineks Kontrakte des Kaufmanns inszeniert, zwei Produktionen, die mit ihrer furiosen Kraft in Erinnerung geblieben sind. Auch in Konstanz war Thor mehrfach zu Gast.

* Der Abschnitt wurde gegenüber einer früheren Fassung präzisiert.

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