, 18. Februar 2016
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St.Gallens ewige Autobahn(alp)träume

Am 28. Februar wird über die Güterbahnhof-Initiative abgestimmt – an einem Info-Anlass im Palace am Dienstag wurde diskutiert, wie ein neuer Autobahnanschluss dort aussähe. Und welch kurvenreiche Vorgeschichte er hat.

So könnte es aussehen – wenn dereinst am St.Galler Güterbahnhof der neue Autobahnanschluss aus der Röhre kommt. Zur Orientierung: Die Visualisierung zeigt links das Malik-Geschäftshaus, rechts steht das Lagerhaus, dahinter gehts Richtung Bahnhof und Leonhardsbrücke, nach vorn zum Güterbahnhofareal.

Das Bild ist im Auftrag des Komitees für die Güterbahnhof-Initiative entstanden (Renderings: Markus Tofalo), massstabgetreu aufgrund der vorliegenden Pläne. Über die Initiative stimmt die Stadtbevölkerung am 28. Februar ab. Sie verlangt, dass sich der Stadtrat gegen den künftigen Autobahnanschluss einsetzt. Wird die Initiative abgelehnt, so gibt es im Stadtzentrum vielleicht dereinst ein weiteres vierspuriges Loch vergleichbar dem heutigen Tunnelanschluss in der Kreuzbleiche – und nur ein paar Steinwürfe davon entfernt.

Das Bild wurde am Dienstagabend im Rahmen der Erfreulichen Universität im St.Galler Palace der Öffentlichkeit präsentiert. Journalist René Hornung hatte zuvor die St.Galler Autobahn-Planungen seit den 70er-Jahren Revue passieren lassen und kritisch kommentiert. Im Zeitraffer ging das ungefähr so:

  • In den 70er-Jahren kommen parallel zur Planung der Stadtautobahn Vorschläge zu einer weiträumigen Nordumfahrung auf; im Komitee «Durchfahrt nie – Nordumfahrung ja» engagieren sich auch bürgerliche Politiker, die Opposition gilt nicht zuletzt dem umstrittenen Splügenanschluss.
  • Die Splügengegner reichen eine Petition mit 15’000 Unterschriften beim Bundesrat ein. Die Stadtautobahn mit Splügenanschluss ist jedoch nicht mehr zu verhindern.
  • Die «Aktion Tunnelierung» erreicht zumindest, dass im Neudorf das Strassentrassee einen Tunnel erhält. Darauf soll dereinst der Garten neben dem neuen Naturmuseum wachsen.
  • Parallel zur Autobahnbau wird die Südumfahrung diskutiert. Die Stadt hatte dafür zahlreiche Häuser am Damm aufgekauft. Eine vierspurige Schnellstrasse soll die historische Altstadt südlich umfahren. Ein erstes Haus fällt.
  • Die Pläne lösen eine eigentliche Bürgerbewegung aus. 1975 findet der erste Pic-o-Pello-Zirkus statt, es kommt ein Umdenken in Gang und eine offene Planung. Die Südumfahrung wird nun als kleinere Umfahrung Gallusplatz untertunnelt geplant, eine Initiative setzt sich dafür ein.
  • 1987 wird die Stadtautobahn eröffnet. In die gleiche Zeit fallen die Hiobsbotschaften zum Waldsterben, Umweltverschmutzung ist das grosse Thema, und der Stadtrat schubladisiert weitere Strassenpläne, bis man erste Erfahrungen mit der neuen Autobahn gesammelt hat.
  • 1992 brennt es an der Gallusstrasse, sie wird fast drei Monate gesperrt – und man stellt fest, dass der Verkehr deswegen nicht zusammenbricht. Eine lange Phase der Auseinandersetzungen um die Verkehrslenkung am Gallusplatz setzt ein – sie mündet in Verkehrsbeschränkungen, in die Pflästerung des Platzes und 2014 in das Fahrverbot für den Individualverkehr.
  • 2007 taucht die Südspangen-Idee wieder auf. Der «Bypass» wird vorerst gross gedacht, vom Schoren bis ins Neudorf. Nach und nach schrumpft das Projekt, weil zu teuer, auf die heute diskutierte Lösung mit einer dritten Röhre durch den Rosenberg und einer Teilspange mit Ausfahrt im Güterbahnhof und Tunnel ins Riethüsli.
  • 2010 sagt die Stadtbevölkerung Ja zum Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung, das die Stadt dazu verpflichtet, den öV und Langsamverkehr zu favorisieren. An der Diskussionsrunde im Palace fiel von Heinz Brunner der bedenkenswerte Satz: Für diese Umverkehr-Forderung wäre inzwischen eigentlich eine Durchsetzungsinitiative fällig.

 

Was am Podium auch klar wurde: Die grosse Verkehrszunahme hat in den letzten Jahren im innerstädtischen Netz nicht stattgefunden. Infos dazu findet man hier. Und wie es am Knoten Güterbahnhof-Geltenwilenstrasse nach Eröffnung eines allfälligen neuen Autobahnzubringers aussehen könnte, sieht man, polemisch zugespitzt, hier:

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