, 1. Juli 2020
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St.Gallens höchster Holzbau ersetzt Konsulat

Vermutlich noch diesen Herbst wird das ehemalige italienische Konsulat an der Frongartenstrasse, seit dreieinhalb Jahren als Kulturkonsulat und Saitenbüro zwischengenutzt, abgebrochen. An seine Stelle kommt ein sechsgeschossiger Neubau aus Holz – der erste in der Innenstadt.

Visualisierung der Büros im Dachgeschoss des Neubaus. (Bilder: pd)

2017 wurde das Neubauprojekt der AHV-Ausgleichskasse Medisuisse erstmals vorgestellt. Medisuisse betreut über 22’000 Ärztinnen, Zahnärzte, Tierärztinnen und Chiropraktiker und führt zusätzlich eine Pensionskasse. Bisher sind die beiden Institutionen in der Nachbarschaft am Oberen Graben eingemietet. «Ein eigenes Haus war eines unserer Ziele», sagt Kassenleiter Marco Reichmuth.

Medisuisse hatte das ehemalige italienische Konsulat 2014 gekauft und es nach Monaten des Leerstandes für eine kulturelle Zwischennutzung zur Verfügung gestellt. Saiten, Nextex und die vielen Kunstschaffenden im Haus mussten nur für die Nebenkosten aufkommen. Klar war aber immer: Eines Tages wird hier der Bagger auffahren. Mehrmals wurde die Frist dann verschoben, denn der Neubau brauchte einen Überbauungsplan, und es gab Einsprachen. Bei Redaktionsschluss lag auch noch keine Baubewilligung vor, doch Marco Reichmuth ist zuversichtlich, dass in diesem Herbst Baustart sein wird.

In bester Bau-Gesellschaft

Begonnen hat die Planung für den Neubau mit einem eingeladenen Wettbewerb unter sechs Architekturbüros. Die Jury entschied sich für das Projekt mit dem Namen «Plug & Play» des Basler Architekturbüros Harry Gugger Studio. Im Wettbewerb war eine «stärkere Anbindung an den Blockrand» gewünscht worden. Der Neubau will das mit einem zurückhaltenden Auftreten erreichen: «In sich ruhend markiert das Gebäude seine Unabhängigkeit, fügt sich aber gleichzeitig ohne überflüssige Gestik selbstverständlich in den Blockrand ein», lautet der Projektbeschrieb auf der Internetseite des Architekturbüros.

Im Studio Harry Gugger ist Harald Schmidt Projektleiter des St.Galler Neubaus. Er stammt aus Bayern und ist ein ausgewiesener Holzbaufachmann. Er hatte ursprünglich eine Schreinerlehre absolviert und danach Architektur und Holzbau studiert. Während Bürochef Harry Gugger früher Partner im Architekturbüro Herzog & de Meuron war, arbeitete auch Harald Schmidt von 2006 bis 2013 dort. Nach weiteren Stationen in der Schweiz ist er seit 2018 im Studio Harry Gugger tätig.

Der Neubau hat prominente und architektonisch sorgfältig gestaltete Nachbarn. Nebenan das Verwaltungsgebäude des Kantons, dessen Erweiterung vom Basler Architekturbüro Jessenvollenweider stammt und 2012 eingeweiht wurde. Büromitinhaberin Anna Jessen ist inzwischen auch Leiterin der Architekturwerkstatt der Fachhochschule St.Gallen.

Der andere Nachbar ist das renovierte Gebäude des Katholischen Konfessionsteils. Und gegenüber wurde vor einem Jahr an Stelle der beiden letzten kleinen Bleicheli-Häuser der Neubau von Rüsch & Weh bezogen. An diesem Bau plante ursprünglich auch St.Gallens Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner als früherer Partner des Büros mit. Die Neubauten nehmen jene Gebäudehöhen auf, die schon im Jugendstil neue Massstäbe gesetzt hatten. Das gilt auch für den Medisuisse-Neubau.

Holz: hoch und feuersicher

Das künftige Bürogebäude wird aber auch der erste Holzneubau in der St.Galler Innenstadt. Er wird auf zwei betonierten Parkgaragen-Geschossen stehen. Auch der Liftschacht und der Installationskern des Neubaus werden betoniert. Die ursprünglich dafür vorgesehene Holzkonstruktion wäre zu aufwendig geworden, stellt Harald Schmidt fest.

Möglich sind heute hohe Holzbauten dank der revidierten Brandschutzvorschriften. Hier gilt die Schweiz als Pionierland. Und mit den neuen technischen Methoden gelingt es, mit Holz auch eine hohe Stabilität zu erreichen. Mit Ausnahme eines Geschosses können die Etagen des Neubaus als offene Räume genutzt werden. Sie sind damit frei unterteilbar. In der Statik sind auch sogenannte Abbrand-Toleranzen eingerechnet, so dass das Haus hält, selbst wenn ein Feuer Beschädigungen verursachen sollte.

Die Holzkonstruktion erkennt man erst auf den zweiten Blick.

Dank Vorfabrikation in den Hallen der Holzbaubetriebe wird der Neubau sehr rasch in die Höhe wachsen. Grosse Bauteile mit Fenstern und Stützen und Bodenelemente werden mit dem Kran aufeinandergesetzt. Die kürzere Bauzeit kommt allen zugut: weniger Lärm, weniger Lastwagenfahrten, kürzere Störungen. Der Holzbauer ist aber noch nicht bestimmt. Die Ausschreibungen laufen noch.

Für Medisuisse hat die Flexibiliät des Neubaus nach den Corona-Erfahrungen mit der Home-Office-Situation eine ganz neue Bedeutung bekommen, erklärt Marco Reichmuth. So könne man sowohl auf einen Zuwachs als auch auf einen Rückgang der Arbeitsplätze reagieren. Bei der Planung ging man von rund 70 Arbeitsplätzen aus. Dafür würde man das ganze Haus – mit Ausnahme des Erdgeschosses – selber brauchen. Im Erdgeschoss sind Ladenflächen geplant. Ob dann nicht doch noch Drittmieter Platz haben, werde man erst später sehen.

Während im Innern mit den Holzwänden die Konstruktion erlebbar sein wird, zeigt sich der Holzbau von aussen, an der Fassade, nicht. Die Fassade wird aus Faserbetonplatten bestehen, die mit einer fein geriffelten Struktur und einem grünlichen Farbton lebendig wirken wird. Der Vorteil dieses Materials sei dessen Langlebigkeit, so Harald Schmidt. Damit passe sich das Haus auch gut ins Quartier ein.

Ein Neubau bedeutet heute auch neue Haustechnik. Man baue zwar kein «Low-Tech»-Gebäude, wie es zuletzt der Kanton St.Gallen in der Landwirtschaftsschule Salez umgesetzt hat. Aber an der Frongartenstrasse wird es nur belüftete, aber keine vollklimatisierten Räume geben. Geheizt wird mit Erdwärme, dazu gibt es eine Rückkühlung auf dem Dach. Medisuisse habe sich grosse Fensterflächen für möglichst viel Tageslicht gewünscht, schildert der Architekt, und diese Fenster bekommen Lüftungsflügel, die man öffnen kann.

Holz im Wohnungsbau

Holzkonstruktionen sind stark im Kommen. Vor allem im Wohnungsbau. Auch politisch gibt es entsprechende Forderungen. So fördert die Stadt St.Gallen aufgrund eines überparteilichen Postulats «bei öffentlichen und privaten Bauvorhaben ökologische und nachhaltige Bauweisen (zum Beispiel Holzbau).» Das Postulat wurde im Februar dieses Jahres mit nur drei Gegenstimmen an den Stadtrat überwiesen.

Ein Holz-Mehrfamilienhaus ist in St.Gallen bereits realisiert. Es steht an der Röschstrasse. Gebaut wurde es auf dem Fundament seines zweigeschossigen Vorgängers und hat nun fünf Stockwerke. Geplant haben es Forrer Stieger Architekten, St.Gallen. Der Neubau wurde 2018 mit dem Prix Lignum ausgezeichnet.

Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen hat zwei grosse Holz-Wohnbauprojekte in Arbeit: Die Überbauung Waldacker des Zürcher Architekturbüros Burkhalter Sumi ist mit 113 Wohnungen geplant. Auf dem Areal der Stadtsäge soll – ebenfalls in Holz – eine Überbauung entstehen, die hauptsächlich Studentenwohnungen anbieten will. Rund 240 Personen sollen dort wohnen können.

Das wohl aufsehenerregendste Holzgebäude der Schweiz ist im Moment der zehngeschossige Büroturm auf dem «Suurstoffi»-Areal in Rotkreuz von Burkard Meyer Architekten aus Baden.

Flucht in den Konsulatsgarten

Gebaut wurde das nun dem Abbruch geweihte Haus an der Frongartenstrasse 9 für einen Schlosser mit Namen Tobler. Zuvor lag hier, dicht am Stadtgraben, bis 1807 ein der geistlichen Herrschaft gehörender «Frongarten» – daher die Namen Garten-, Sonnengarten- und Frongartenstrasse. Die Pläne sind mit 1875 datiert und stammen vom Bauunternehmen Wartmann & Schlatter, St.Gallen. Sie zeigen, dass das Haus auf der Strassenseite nie stark verändert wurde. Anders der Anbau auf der Rückseite: Er war eine ursprünglich eingeschossige Schlosserwerkstatt.

Bereits 1882 gehörte das Haus dann der Textilhandelsfamilie Neuburger Söhne, die den Werkstattanbau um eine Etage aufstocken liess und auf dessen neuem Dach später auch ein Wintergarten stand. Auch für ein hübsches Waschhäuschen im Hinterhof gibt es eine Eingabe im Bauarchiv.

1943 kaufte der italienische Staat das Haus und zügelte das – schon zuvor bestehende – Konsulat von der Rosenbergstrasse ins Bleicheli-Quartier. Vor dem Umzug wurden Umbaupläne für das «königl. ital. Konsulat» eingereicht. Es ging um Dachaufbauten für die Einrichtung einer Abwartwohnung sowie um weitere innere Veränderungen. 1971 wurde das erste Obergeschoss nochmals verändert und 1978 wurde das Haus aussen renoviert. 2014 schloss der italienische Staat trotz vehementen Protesten das Konsulat und verkaufte das Haus an Mediduisse.

Eine besondere politische Bedeutung hatte der Vorgarten des Konsulates. Bei einzelnen Demonstrationen flüchteten vor allem Jugendliche mit italienischem Pass vor der Polizei in diesen schmalen Grünstreifen und waren damit vor einem Zugriff sicher. Man befand sich hier ja auf italienischem Hoheitsgebiet und war damit vor einem Zugriff der St.Galler «Schmier» geschützt, erinnert sich ein Beteiligter.

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