, 7. März 2018
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St.Galler Wohnungsfragen

Warum sinkt in der Stadt St.Gallen in den letzten Jahren die Einwohnerzahl leicht? Warum stehen wir bei verschiedenen Indikatoren der wirtschaftlichen Dynamik im Vergleich zum gleich grossen Luzern schlechter da? Die Antworten an der jüngsten Veranstaltung des Architekturforums Ostschweiz am Montag waren kontrovers.

Der Architekt und Immobilienentwickler der Implenia, Christian Wick, befürchtet, St.Gallen verliere generell an Bedeutung. Als Rezept dagegen forderte er klassisches Wachstum. Dazu will er «die Ränder der Stadt füllen». Am liebsten jene mit den kürzesten Distanzen zum Zentrum, zum Beispiel im Tal der Demut, am Birnbäumenhang oder auf der Notkersegg. Solche Forderungen – Wick bezeichnete sie als bewusste Provokation – reizten in der nachfolgenden Publikumsdiskussion zu Widerspruch: Die Stadt muss den Rest ihres grünen Rings behalten!

Von der Innenverdichtung, wie sie das Raumplanungsgesetz verlangt, war an diesem Abend kaum die Rede. Christian Wick machte klar, dass er lieber auf der grünen Wiese bauen will als auf der Brache in St.Fiden. Nur attraktive Wohnungen für Familien könnten die Abwanderung in die Agglomeration stoppen. Doch angesichts des tiefen Mietzinsniveaus sei es für Investoren in St.Gallen schwierig, rentable Bauten zu erstellen. Statt Mietzuschüsse zu zahlen – so eine weitere Provokation – würde die Stadt besser Investoren unterstützen. Und er gab gleich noch eins drauf: Bei Besprechungen zwischen Behörden und Stadt sässen oft «zu viele oder die falschen Leute mit am Tisch».

Ob wirklich nur Provokation oder herkömmliches Investorendenken hinter solchen Forderungen stand, wurde an diesem Abend nie ganz klar. Wann immer ex-Regierungsrätin Kathrin Hilber und Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner dem Immobilienentwickler widersprachen, relativierte er prompt seine Aussagen.

Kathrin Hilber und Hansueli Rechsteiner entgegneten dezidiert. Investoren würden besser in Qualität, statt Quantität investieren, forderte Hilber. Einfach nur bauen weil im Moment zu viel Geld zirkuliert, mache keinen Sinn. Und dass St.Gallen im schweizerischen Vergleich in den Statistiken als «abgehängt» aufscheine, sei nicht zuletzt selbst verschuldet. Die von der rechtsbürgerlichen Mehrheiten diktierte Sparpolitik des Kantons habe zu schmerzlichen Abbaumassnahmen geführt – auch in der Stadt: Kreativlehrgänge wurden gestrichen, in der Kultur muss gespart werden – kein Wunder wanderten Leute ab. Und weil die es zulässt, dass in Mörschwil der Steuerfuss fast nur halb so hoch ist wie in der Stadt, sei ja klar, dass Leute dort wohnen wollen – in der Steueroase, in der man von allen Angeboten der nahen Stadt profitiert – erst noch verbunden mit einer direkten Buslinie.

Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner stellte klar, dass beklagte, hohe Leerwohnungsziffer in der Stadt als Standortindikator wenig tauge. Man müsse schon genauer hinschauen, welche und wo Wohnungen leer stehen. Man könne aber auch nicht erwarten, dass St.Gallen im sozialen Wohnungsbau und bei neuen Wohnformen an Zürich aufschliessen könne. Die Zürcher Wohnbaugenossenschaften seien aus der Arbeiterschaft heraus entstanden, «St.Gallen aber war damals schon eine Stadt der Angestellten». Diese historischen Unterschiede wirkten nach – bis heute auch im Wohnungsbau. Dennoch versuche die Stadt die Situation zu verbessern. In den Legislaturzielen 2020 wird eine Wohnbaustrategie erwähnt – daran werde bereits gearbeitet. Vom «histerischen Bauen» halte er allerdings nichts, meinte der Stadtbaumeister an die Adresse es Investorenvertreters.

Am Rand der Veranstaltung war zu erfahren, dass die Stadt das bisherige Liegenschaftenamt neu organisiert – nicht zuletzt um mit der neuen Dienststelle Liegenschaften eine aktivere Bodenpolitik zu lancieren.

 

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