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St.Mangen wird zur Kathedrale

Die Konzertreihe Alte Musik St.Gallen startet diesen Sonntag. von Bettina Kugler
Von  Gastbeitrag

Seit dem verheerenden Brand im April 2019 ist die Pariser Kathedrale Notre-Dame eine Grossbaustelle – Betreten streng verboten. Im Jahr 1200 war sie Zentrum der geistlichen Musik und Schauplatz epochaler Neuerungen: Die Komponisten Leonin und Perotin experimentierten hier mit drei- bis vierstimmigen Gesängen, deren rhythmischer Verlauf eine Weiterentwicklung der Notenschrift erforderte.

Fremd und faszinierend wirken diese Motetten des Hochmittelalters; in ihrer Zeitlosigkeit begeistern sie noch heute – und da sie gerade nicht am Ort ihres Entstehens erklingen können, bringt sie das Ensemble Gilles Binchois unter der Leitung von Dominique Vellard zur Eröffnung der diesjährigen Konzertreihe Alte Musik St.Gallen in die reformierte Kirche St.Mangen.

Das Ensemble Gilles Binchois.

Dass Alte Musik ein weiter Begriff ist und auch Komponisten jenseits von Mittelalter, Renaissance und Barock einschliessen kann, beweist das Programm der insgesamt sechs Konzerte mit international renommierten Musikern und Ensembles.

Zu Gast sind etwa die Sopranistin Dorothee Mields, das Marais-Consort und der Organist Wolfgang Zerer; sie werden über den Auftritt hinaus auch Workshops und Kurse geben. Die hermetische Konzertsituation aufzubrechen und Nähe zwischen ausführenden Künstlern und Publikum herzustellen, ist erklärtes Ziel der Veranstalter. Umso mehr, als das gespielte Repertoire sich abseits des Mainstreams bewegt, auch abseits der bekannteren Werke Alter Musik.

Deshalb gibt es vor jedem Konzert eine Einführung und im Anschluss einen Apéro, bei dem das Publikum in lockerer Atmosphäre mit den Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt und ins Gespräch kommen kann.

Alte Musik St.Gallen:
2. Februar bis 1. März, 17 Uhr, Evang. Kirche St.Mangen

amsg.ch

Mit dem kommunikativen Ansatz und der Möglichkeit zur Begegnung hat Alte Musik St.Gallen zum Stammpublikum früherer Jahre neue Hörerinnen und Hörer hinzugewonnen. Alle Konzerte finden bei freiem Eintritt statt, auch der Orgelkurs und die Workshops. Ermöglicht wird der niederschwellige Zugang für alle durch die Unterstützung der Dietschweiler Stiftung – verstanden als Kulturförderung, nicht als Sponsoring; darauf legt der Stifter Wert.

Vielfalt und Abwechslung seien der rote Faden und ein Erkennungsmerkmal der Konzertreihe, betont Michael Wersin, zusammen mit der Organistin Verena Förster in der künstlerischen Leitung von Alte Musik St.Gallen. Es solle nicht Sonntag für Sonntag ähnlich klingen – dazu sind die noch unergründeten Schatzkammern Alter Musik zu reich gefüllt.

So kann man nach dem vokalen Auftakt aus dem Hochmittelalter mehrchörige Musik nach venezianischem Vorbild für Posaunen und Orgel hören, zwei lateinische Messen von Johann Sebastian Bach in solistischer Besetzung (mit Miriam Feuersinger, Terry Wey, Daniel Johannsen, Lisandro Abadie und dem Collegium Instrumentale der Kathedrale St.Gallen) sowie Orgelmusik von Robert Schumann auf den Spuren Bachs.

Ausserdem erklingen ein kaum bekanntes Stabat Mater aus der Feder von Luigi Boccherini (1743–1805) und die Leçons de ténèbres, Lamentationen für die Karwoche von François Couperin: dies in einem Gesprächskonzert mit dem Marais-Consort.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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