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Stabile Solidarität

Drei grosse Tabus der arabischen Welt behandelt Samir in «Baghdad in my Shadow». Der dichte Film punktet aber auch mit zarteren, ebenso wichtigen Zwischentönen. Am Mittwoch ist die Vorpremiere im Kinok St.Gallen.
Von  Corinne Riedener
Amal und Aro im Café Abu Nawas. (Biler: pd)

Da kommt jemand aus einem anderen Land, sagen wir aus einem im Nahen Osten, und lässt sich in Europa nieder. Allerspätestens jetzt kennt er oder sie all die Kants, Bacons und Virginia Woolfs der hier propagierten Leitkultur, die intellektuell und kulturell wichtigen Sterne des sogenannten Westens. Wird schliesslich auch erwartet, weil Integration und so. Und es ist auch ein Stück weit normal, weil Kolonialismus und so. Und umgekehrt? Ist der Horizont leider relativ beschränkt, wenn es um die kulturelle Vielfalt im Nahen Osten (oder anderen Regionen dieser Welt) geht.

Das stellt auch der Schriftsteller und Museumswärter Taufiq (Haytham Abdulrazaq) im neuen Film Baghdad in my Shadow von Samir (Drehbuch/Regie) und Furat al-Jamil (Drehbuch) fest. Er geniesst mit seiner Freundin Maud (Kerry Fox) einen intimen Moment, während sie auf einem Schiff durch den Londoner Moloch treiben und das Gedicht Ozymandias von Percy Bysshe Shelley rezitieren. «Du findest es normal, dass wir alle eure Dichter kennen», sagt er zur peinlich berührten Maud, die ihm kurz zuvor erklären musste, dass ihr Verlag seinen Gedichtband nicht veröffentlichen will.

Taufiq.

Taufiq ist eine Schlüsselfigur des Films. Hat oft ein Lächeln im Gesicht, das man nicht recht deuten kann, ist Atheist, kennt gerade deswegen den Koran in- und auswendig, hat ein Plakat von Che Guevara in seinem Arbeitszimmer hängen – und kümmert sich seit dem gewaltsamen Tod seines Bruders um seinen halbwüchsigen Neffen Nasseer (Shervin Alenabi), der ziemlich verzweifelt auf der Suche nach Halt ist und dabei an den radikal-islamistischen Prediger Yassin (Farid Elouardi) gerät.

Dreh- und Angelpunkt: Abu Nawas

Am liebsten kehrt Taufiq beim kurdischen Aktivisten Zeki (Kae Bahar) ein, der das Café Abu Nawas führt, zusammen mit seiner Frau Samira (Awatif Naeem), die ständig an ihrer E-Zigi nuckelt und mit der man gerne zusammen jung gewesen wäre. Aro (Taro Bahar) ist der Sohn der beiden, mit dem man jetzt gerne jung wäre. Dann sind da noch Amal (Zahraa Ghandour), die vor ihrem Ex-Mann aus dem Irak geflüchtet ist und nun im Abu Nawas arbeitet, weil ihr Architekturstudium in London nicht anerkannt wird und der Informatiker Muhanad (Waseem Abbas), der wegen seiner Homosexualität aus Bagdad flüchten musste, diese aber auch in London erst zaghaft auslebt.

So sitzt die kleine Wahlfamilie aus Exil-Irakis fast täglich zusammen im kommunistischen Café Abu Nawas, welches nach dem gleichnamigen Dichter (757–815) benannt ist, der die Männer und den Alkohol innig liebte und diese ebenso innig beschrieb. Sie schmücken den Christbaum, essen, singen, lachen, schwelgen in Erinnerungen und diskutieren über Allah und die Welt. Vor allem Taufiq und sein Neffe Nasseer, der nach einem rassistischen Angriff auf ihn an der westlichen Gesellschaft und ihren Gepflogenheiten zweifelt und sein Hirn bereitwillig an der Moscheetür zur Wäsche abgibt.

Nasseer.

Diesem prallen Treiben im Restaurant könnte man stundenlang zusehen, doch so einfach macht es uns Samir nicht. Eines Tages taucht Amals Ex-Mann Ahmed Kamal (Ali Daim Maliki) im Café auf, früher Geheimagent unter Saddam Hussein, heute irakischer Kulturattaché in London, wo die irakische Diaspora sehr gross und lebendig ist. Er legt sich nicht nur mit seiner selbstbewussten Ex-Frau Amal an, sondern versucht auch Nasseer auf Linie zu bringen und stochert zudem in Taufiqs schmerzlichen Erinnerungen. So nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Drei Baustellen: Glaube, Liebe, Geschlecht

Mit Baghdad in my Shadow will Samir drei grosse Tabus der arabischen Welt aufbrechen: das ungleiche Verhältnis zwischen den Geschlechtern, mit dem Amal kämpft, die weit verbreitete Homophobie, unter der Muhanad zu leiden hat und die Haltung zur Religion, die Scheich Yassin bei seinen halbwüchsigen Anhängern zu radikalisieren versucht.

«Religion kennt keinen Zwang», sagt Taufiq einmal zum radikalen Prediger, als dieser ihn fragt, warum er nie in die Moschee komme. So stehe es in der zweiten Sure, die Religion sei eine Sache zwischen ihm und seinem Schöpfer. Scheich Yassin, der optisch durchaus modern daherkommt, sieht das freilich fundamental anders – und hetzt die Gläubigen munter auf gegen alles, was seiner Meinung nach «haram» (etwa: verboten) ist.

Baghdad in my Shadow: ab 30. November im Kinok St.Gallen.

Vorpremiere in Anwesenheit des Regisseurs Samir, in Zusammenarbeit mit dem Institut Neue Schweiz (INES): 27. November, 20 Uhr, Kinok.

kinok.ch

Glaube, Liebe, Geschlecht – das sind drei offensichtliche Baustellen der arabischen Welt, auf denen gerade auch nicht-muslimische Menschen mit Vorliebe herumtrampeln. Der Film hat aber auch zarte Zwischentöne, die ebenso wichtig sind. Vorurteile und Rassismus sind ein Thema, aber auch die stabile Solidarität untereinander. Man hilft sich gegenseitig beim Ankommen, sich Zurechtfinden und Emanzipieren in der fremden Stadt, man verschafft sich Jobs, geht zusammen feiern.

Einer dieser wunderbaren Momente im Film ist das Konzert von Zekis Londoner Ex-Frau Kate (gespielt von der Sängerin Hazel O’Conor), mit der er auch ein gemeinsames Kind hat. Überhaupt die Musik: Im Abu Nawas laufen ständig irakische Clips aus den 50er- und 60er-Jahren, der Blütezeit der arabischen Moderne. Sie stehen auch für eine gewisse Melancholie, fürs Schwelgen im Vertrauten der verlorenen Heimat.

Bleibt die Tatsache, dass Menschen aus anderen Kulturen die unsrige sehr viel besser kennen als wir umgekehrt. Was natürlich mit der europäischen Kolonialherrschaft zusammenhängt, aber auch mit einer grossen Portion Ignoranz. Würden wir es schaffen, dieses ungleiche Verhältnis etwas aufzulösen, würde Amals Traum vielleicht in Erfüllung gehen: «Eines Tages werden wir viele Kinder haben, mit dunkler Haut und krausen Haaren. Andere sehen aus wie du. Wir werden überall auf der Welt leben. Es wird keine Angst mehr geben. Niemand wird uns für das verurteilen, was wir sind.»

Dieser Beitrag erscheint im Dezemberheft von Saiten.

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Reingard Dirscherl,  

Ihrer Kritik schliesse ich mich gerne an, besonders, da sie nicht das Schrille in den Vordergrund stellt. Es ist bekannt. Auch für mich sind es die stillen Töne, die den Film zusammenhalten, dort, wo es um wirkliche Bereitschaft geht, endlich auch aus dem Sumpf eines kolonialen Denkens aufzutauchen und einander zuzuhören.

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