Die ganze Region (oder zumindest ein paar Dutzend Kommentatoren) diskutiert wieder einmal um die bei den aktiven Fans – kurz Aktiven – beliebten Notsignalfackeln. Auslöser für die durch das «Tagblatt» angefeuerte Hexenjagd auf die Aktiven war wohl unter anderem der Trailer zum neuen Film des Espenblocks «immer ä Facklä i dä Hand», der unter anderem vom Dachverband 1879 auf Facebook geteilt wurde.
Später regte das Lokalblatt mit einer tendenziösen Recherche die Stimmung noch weiter an, indem Diffamierungen von Einzelpersonen im Titel seines Berichts verankert wurden («Dümmer geht es fast nicht» – Zitat eines Forumsusers).
Die Berichterstattung erinnert stark an die Zeit, als sich eine St.Galler Regierungsrätin mit verdrehten Fakten erfolgreich als Hardlinerin gegen die Fans positionierte und sich so den Weg nach Bundesbern ebnete.
Bei genauer Betrachtung der Daten (Stand: 24. September, mittags) zeigt sich jedoch: Die öffentliche Meinung ist keineswegs so klar, wie es einige Journalistinnen und Politiker gerne hätten. Während das «Tagblatt» sich für seinen reisserischen Bericht einiger weniger Zitate aus dem FCSG-Forum bediente, habe ich alle Forums-Beiträge und auch sämtliche Facebook-Kommentare zum «Tagblatt»-Artikel kategorisiert und einer Gefühlsanalyse unterzogen. (Dabei bezieht sich das ausgedrückte Gefühl immer zuerst auf die 10-Jahres-Choreo des Fanclubs Saint Brothers. Falls mindestens ein User auf den Beitrag oder Kommentar antwortete, wurden auch die Reaktionen auf diese Userbeiträge miteinbezogen.)
Da Beiträge im FCSG-Forum nur beantwortet und zitiert, nicht aber mit einem Gefühlsausdruck (z.B. gefällt mir) versehen werden können, wurden Antworten auf Originalbeiträge nach bestem Wissen und Gewissen durch den Autor auf der Gefühlsskala kategorisiert (Bsp.: User «Peter» sagt: «Ich mag Pyro.», «Hans» antwortet auf seinen Beitrag mit «Ich mag Pyro nicht». Ergibt ein «gefällt mir» und ein «traurig» gegenüber dem Einsatz von Pyrotechnik). Bei Facebook wird jeder Beitrag separat bewertet.
11 Mal Liebe, 42 Mal gefällt mir und 3 Mal traurig
Um eine Vergleichsbasis für Forumsbeiträge und Facebook-Kommentare zu schaffen, wird einerseits folgend einheitlich der Begriff «Posts» für Beiträge und Kommentare verwendet. Andererseits kommt die auf Facebook übliche Gefühlsskala zur Anwendung. Diese weist sechs ausdrückbare Gefühle aus:
Auf den «Tagblatt»-Artikel selbst und die im Post gestellte Frage «Und was ist eure Meinung über Pyros im Stadion?», reagierten die User mit 11 Mal Liebe, 42 Mal gefällt mir, einmal Haha, 3 Mal traurig und 57 Mal wütend.
Da viele User trotz sechsstufiger Gefühlsskala bei Facebook meist einfach «gefällt mir» drücken, könnte dieses Bild verzerrt sein. In der Betrachtung sämtlicher Userbeiträge (also FCSG-Forum und Facebook) zur Choreo von vergangenem Samstag kristallisieren sich jedoch einige Trends heraus:
Die Zustimmung gegenüber dem Einsatz von Pyrotechnik in der öffentlichen Debatte ist also höher, als zu erwarten wäre, wenn nur die Pyrozünder selbst ihr Verhalten gutheissen würden. Andererseits tiefer, als wenn nur unter Fussballfans diskutiert würde.
Ausserdem hinkt der Vergleich zwischen öffentlicher Zustimmung und öffentlicher Ablehnung: Es ist nicht so einfach, öffentlich zu verbotenen Pyros zu stehen, wenn man beispielsweise einen kritischen Arbeitgeber hat. Das spielt der Stimmungsmache des «Tagblatts» in die Karten.
Ein Teil der 10-Jahres-Choreo der Saint Brothers vom vergangenen Heimspiel. (Bild: espenblock.ch)
Viele User drücken ihr Unbehagen über die Choreo und der damit einhergehenden Verwendung von Notlichtfackeln aus. Ebenso stossen viele User ins gleiche Horn und beleidigen die Aktiven als dumm, idiotisch oder einfach ungebildet. In diese Kategorie fallen 32 Einträge. Diese quittieren die anderen User mit: 0 Liebe, 65 gefällt mir, 16 Haha, 2 Wow, 1 traurig, 2 wütend.
Die Userbeiträge zielen dabei in grosser Mehrheit auf die folgenden drei Unterstellungen an die Aktiven: Fehlende Schulbildung, ein beeinflusster Gemütszustand (z.B. durch Alkohol) und fehlender Intellekt. Im Umkehrschluss heisst das wohl: Wer gebildet und nicht dumm ist, kann Pyro nicht gut finden. Das wage ich zu bezweifeln.
Sehr beliebt bei den Usern ist immer auch der Hinweis auf die Gefährlichkeit der Notsignalfackeln. Aus elf Jahren Auswärts- und Heimspielen und dem Beiwohnen unzähliger Pyroshows ist mir dabei nur eine einzige, geringfügige Verletzung bekannt. Dabei brach ein Teil des Materials einer minderwertigen Fackel ab und fiel dem davorstehenden Aktiven auf die Schulter.
Verschiedene User bringen auch Lösungsvorschläge ein, die wohl gewissermassen konstruktiv zu verstehen sind, in der Realität aber durchs Band ihre Wirkung verfehlen würden (z.B. Rückkehr zu ausnahmslosen Sicherheitskontrollen wie am Flughafen, Boykott der Spiele, Steinigung der Aktiven).
Ebenfalls beliebt unter den Internetexperten sind Exkurse in andere Sportarten, Länder oder komplett andere Zusammenhänge, wie zum Beispiel den Falklandkriegen. Eine weitere, gerne verwendete Aussage: «Es sind ja nur einige wenige. Wenn die ‹echten Fans› diese Hooligans nicht mehr schützen würden, wäre das Problem gelöst.» Oder anders ausgedrückt: «Verratet endlich eure Freunde!»
Besuch des Stadtpolizei-Kommandanten
Ich habe mich ebenfalls an der Diskussion auf Facebook beteiligt. Zwei Resultate daraus waren einerseits Fragen an meine Familie, ob ich ein Hooligan sei (zur Unterscheidung von Hooligans und Ultras (oder Aktive) gibt es Fachbücher), und andererseits ein Besuch des Stadtpolizei-Kommandanten Ralph Hurni auf meinem LinkedIn-Profil.
Doch was ist nun das Resultat dieser Choreo? Einerseits der Streitpunkt, ob sich gewisse Fans nicht zu wichtig nehmen. Eine Frage, die man natürlich stellen darf und auch soll. Die Leuchtspuren ausserhalb des Stadions waren wohl wirklich übertrieben, auch wenn die einzigen Folgen eine kurzzeitige Verlangsamung des Verkehrs und eine kaputte Lampe waren.
Andererseits bleiben aber viel Rauch, kein Spielunterbruch und unnötig hohe Polizeikosten. Und ja, es gibt nun ein Choreo-, Doppelhalter- und Fahnenverbot im Espenblock für das nächste Heimspiel. Das Verbot wird eine Gruppe am härtesten treffen, die in solchen Diskussionen gerne mal vergessen geht: Die Spieler.
In diesem Sinne möchte ich mit den Worten Betim Fazlijis schliessen. Das ist einer unserer jungen, wilden Spieler, die das herrliche Spiel des aktuellen FC St.Gallen ausmachen: «Gratulation an FC Sangallä und allnä Fans. Dankä für diä super Stimmig, es isch schön gsi zum Spielä.»
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