, 19. September 2015
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Starke Solidarität mit Flüchtlingen

Das Boot ist nicht voll. Und: Die Wohlstandsschweiz ist mitverantwortlich für die Flüchtlingsnot. Das war die Botschaft an der Demonstration zum Weltfriedenstag auf dem St.Galler Grüningerplatz.

In der Marktgasse drängt sich das Volk um die Essensstände. Hundert Schritte weiter, auf dem Grüningerplatz, erinnert die syrische Flüchtlingsfrau Donia Gudeh an den Hunger in ihrer kriegsversehrten Heimat. So nah stossen an diesem Samstagnachmittag die Welten aufeinander – hier die Solidaritätsdemonstration zahlreicher Organisationen unter dem Titel «Kriege verhindern – Flüchtlinge aufnehmen», dort der St.Galler «Genusstag».

demo2«Wir sind für das Elend mitverantwortlich»

Dass das eine mit dem andern zu tun hat, ruft an der Demonstration Samuel Brülisauer in Erinnerung. Der Co-Präsident der St.Galler Juso und  Nationalratskandidat appelliert an die Menschlichkeit des Westens – vor allem aber an dessen Verantwortung: Doppelt so viele Milliarden flössen aus der Dritten in die Erste Welt als umgekehrt, die Armut dort habe mit dem Reichtum hier direkt zu tun. Hinzu kämen Waffenexporte, eine verfehlte Nahrungsmittelpolitik und die Kooperation mit Unrechtsregimes wie Saudi-Arabien. «Wir sind für das Elend dieser Menschen zentral mitverantwortlich, denn wir bereichern uns an ihnen», redet Brülisauer den rund 500 Demo-Teilnehmern ins Gewissen.

Die verheerende Lage im Kriegsgebiet und insbesondere die Not der Kinder schildert die Syrerin Donia Gudeh in bewegenden Worten. «Viele hoffen auf Europa», heisst ihr Fazit. Ähnlich der eritreische Redner, Huruy Gherezghiher: Sein Land, das «Nordkorea Afrikas», stehe heute in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit an weltweit hinterster Stelle. Die Hoffnungen nach der Unabhängigkeit 1993 hätten sich zerschlagen, «heute hat jeder in Eritrea Fluchtgedanken, alle wollen weg». Der Westen müsste sich stark machen gegen die Unterdrückung der elementarsten Freiheitsrechte in seiner Heimat.

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Dragica Rajcic.

Solidarität statt Ignoranz: Davon spricht die Schriftstellerin Dragica Rajcic. Vor Jahrzehnten aus dem damaligen Jugoslawien nach St.Gallen gekommen, hält sie es mit dem seinerseits aus Nazideutschland emigrierten Autor Hermann Broch. Dieser kritisierte die «Schlafwandler» und «Schuldlosen», die Apolitischen, die mit dem Elend der Welt nichts zu tun haben wollen. Rajcic bringt es in einem ihrer Gedichte auf den Punkt: Die Warengesellschaft kennt für alles einen Preis – aber nicht für das Leid.

«Kriege wären nicht nötig»

Samuel Brülisauers skeptische Hoffnung gilt der Uno, in der er die vielleicht einzige Chance für eine internationale Friedenspolitik sieht: «Kriege sind menschengemacht – der Friede ist es auch». Gastrednerin Katharina Prelicz-Huber nimmt dagegen die Schweiz und die EU in die Pflicht. Die VPOD-Präsidentin und Zürcher Nationalrätin fordert zum einen die Entmilitarisierung der EU-Grenze. Zum zweiten soll die Schweiz 100000 Flüchtlinge aufnehmen; für sie sei «ohne Probleme» Platz, sagt sie unter dem Applaus des Publikums.

Die fast 600 Milliarden Franken, welche die 300 reichsten Schweizer besitzen, wären bei weitem genug, um die weltweite Armut auf einen Schlag zu besiegen und damit eine der Hauptursachen für Kriege aus der Welt zu schaffen, rechnet Prelicz vor. Entscheidend wäre momentan neben der grosszügigen Aufnahme von Flüchtlingen aber Hilfe vor Ort – die vom Parlament bewilligten 70 Millionen Franken seien ein Anfang, aber nicht ausreichend. Weiter fordert Prelicz die Wiedereinführung des Botschaftsasyls und das Ausländer-Stimmrecht in der Schweiz.

Aufmerksamer Zuhörer im Publikum: der St.Galler Stadtrat Markus Buschor. Er sagt nachher im Gespräch, der Stadtrat sei darin einig, sich für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge, insbesondere auch Familien, einzusetzen und dafür neben dem Aufnahmezentrum im Riethüsli zusätzlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Die aktuelle Solidarität mit den Flüchtlingen im Quartier und in der ganzen Bevölkerung sei grossartig, sagt Buschor.

«& zu weinen»

Zu Klängen von Café Deseado endet um 16 Uhr die Kundgebung. Wieder nur wenige Schritte entfernt, auf dem Gallusplatz, ist zu jener Zeit der literarische Anlass «Stadtlesen» im Gang. Unter anderen lesen Claire Plassard und Florian Vetsch aus ihrem 2014 erschienenen Doppel-Gedichtband «Steinwürfe ins Lichtaug». Im August 2013 schrieb Plassard:

 

In Sizilien stranden mittlerweile immer mehr Boote

mit syrischen Flüchtlingen, während man sich

Hierorts darüber streitet, ob Asylsuchende

ins Freibad gehören oder nicht

 

Und Vetsch antwortet zwei Wochen später:

 

Alles zu wissen, was auf der Welt

Vor sich geht, jetzt, würde bedeuten

sich besinnungslos hinzusetzen

& zu weinen.

 

Das ist zwei Jahre her und unverändert aktuell. Der Uno-Weltfriedenstag (21. September), der den äusseren Anlass zur Demonstration gab, sei dieses Jahr dringlicher denn je, hatte Moderator Josef Wirth zum Auftakt der Veranstaltung gesagt. Der grosse Zustrom bewies es.

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Weitere Informationen unter: frieden-ostschweiz.ch

Titelbild: Pia Hollenstein, übrige Bilder: Su.

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