Glück für das Publikum: Die Bühnenanstalt ist keine Irrenanstalt. Wir finden den Weg nach zwei pausenlosen Stunden einigermassen unbeschädigt wieder ins Freie. Anders als Wachtmeister Studer – ihn verstrickt es von den ersten Merkwürdigkeiten und «Imponderabilien» weg, wie Doktor Laduner sie nennt, in eine Anderswelt, wo die Wahrheit immer weiter weg rutscht, das Irre normal scheint und die Realität ein Irrtum. Herbestellt in die Heil- und Pflegeanstalt, um das rätselhafte Verschwinden von Direktor Borstli und Patient Pieterlen aufzuklären, gerät Studer immer tiefer in den Strudel von Verschwiegenem, von Macht und Zwang.
Studer (Hans Jürg Müller) in Mattos Reich.
Beim Eintreten sieht es erst zwar nur ein bisschen irr aus. Schwere Vorhänge auf drei Seiten umschliessen einen leeren Raum, ein umgestürzter Sessel deutet ein Gerangel an, Portier Dreyer (Matthias Albold) hält knapp Ordnung, bietet dem Kommissar «öppis Inwendigs» an und parliert halbwegs schweizerisch; aber rasch wird klar, dass ihm wie allen Figuren nicht zu trauen ist.
Verschiebungen, Anspielungen
Auf der Vorderbühne ein Riesentelefon: Studers Apparat, mit gigantischer Wählscheibe und mannshohem Hörer ins Verrückte vergrössert, ist der Vorbote für das Verschoben-Verschrobene, Bedrohliche und Verquere in dieser Inszenierung.
Zum Telefon kommen die Bilder hinzu: Riesige, selbst für ein Museum zu grosse Helgen sind an die Wand gelehnt, verhüllt, bis Portier Dreyer das schwarze Tuch wegzerrt. Der Maler: unverkennbar Hodler, vorne links prangt eine Bergstudie ähnlich der unter Raubkunstverdacht stehenden, in St.Gallen befindlichen Stockhornkette mit Thunersee. Das Sujet gibt Glausers aus der «notwendigen Vorrede» zum Roman stammenden Sätzen einen doppelten Boden: Eine Geschichte zu erzählen, die in der Schweiz spiele, sei gefährlich, aber «noch gefährlicher ist das Unterfangen, eine Geschichte zu erzählen, die in einer bernischen Heil- und Pflegeanstalt spielt». Die Idylle trügt.
Das Beerdingungschörli für Pfleger Gilgen (Tobias Graupner).
Mit der Zeit kommen hinter den schweren Vorhängen weitere Bilder zum Vorschein, darunter das Porträt des Psychiaters Max Müller, Anstaltsdirektor in Münsingen, der Glauser gestützt hat und der ihm als Vorbild des Dr. Laduner in Matto regiert diente. Auf der Hinterbühne ein Männerakt, wieder hodlernd, diesmal symbolistisch.
Alles bloss Kulisse? Die Bilder bleiben einem im Kopf, ebenso wie das Telefonmonster oder die Badewannen und Bahren, die immer wieder aus den Vorhangwänden auftauchen und quer über die Bühne gefahren werden. Manchmal fährt auch ein Klavier, dann setzt sich Dorothea Gilgen, die musizierende Souffleuse, dran, und der Chor der Patienten und Pfleger gibt ein Stück der Comedian Harmonists: «Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück». Randlingen, die Spinnwinde, ist definitiv nicht dieses Stück Welt.
Matto regiert, nächste Vorstellungen: 19., 21., 31. Januar Theater St.Gallen theatersg.ch Bilder: Iko Freese
Es ist vielmehr eine Welt, wo Pfleger und Ärzte mit bizarren Frisuren und zuckenden Leibern um ihren Chef Laduner (Marcus Schäfer) und dessen Frau (Birgit Bücker) scharwenzeln. Wo Stimmen und Knarrgeräusche von nirgendwoher zu kommen scheinen, anschwellen und verschwinden. Wo graugekleidete Patienten als Arbeitstherapie einen grotesken «Prinzenzug» über die Bühne ziehen. Wo Geld verschwindet und Patienten am Laufmeter das Zeitliche segnen. Da kann eine wie Frau Schmocker (Diana Dengler) nur noch epileptisch ausrasten. Da kommt ein Angstneurotiker wie Capaul (Tobias Graupner) nie mehr raus. Da schwingt Pfleger Jutzeler (Oliver Losehand) so agil wie vergeblich die Revoluzzerfahne. Da ist der Mensch, wie Pieterlen, zum psychiatrischen «Demonstrationsobjekt» degradiert.
Kurzum, so erzählt es Bruno Riedl als Schül, der Patient mit der grausigen Kopfverletzung: Da regiert einer, der lange grüne gläserne Nägel an den Fingern hat und mit ihnen in die Hirne seiner Peiniger fährt – Matto. Theater, die uralte Illusionsmaschine, in der alles scheint und nichts ist, wie es ist: Das ist der ideale Ort, um «Mattos Reich» abzubilden.
Jeder ist verdächtig
In diesem Reich hat auch ein mit allen Wassern gewaschener Kriminaler wie Studer keine Chance. Hans Jürg Müller spielt den Alten brissagorauchend und gemütlich, mit auf die Dauer nervigem Bernerhochdeutsch, unfähig, dem Irrsinn etwas entgegenzusetzen. Wo Matto regiert, ist jeder verdächtig, und als sich Pfleger Gilgen nach einem fragwürdigen Geständnis umbringt, wird Studer selber zum Mittäter und Mitschuldigen.
Wachtmeister Studer (Hans Jürg Müller) umgeben von traurigen Clowns (Tobias Graupner, Birgit Bücker, Marcus Schäfer).
Einmal tragen die Ärzte, Pfleger und Patienten plötzlich Affenmasken und bewegen sich darin so perfekt choreografiert, als wärs das Normalste von der Welt. Es ist aber alles andere als ein Affentheater, was die Schwestern Christine und Franziska Rast, die eine als Regisseurin, die andere als Ausstatterin, in St.Gallen anrichten. Es ist vielmehr ein bildstarkes, assoziativ vielschichtiges und atmosphärisch beklemmendes Psychiatrie- und Gesellschaftspanorama.
Regisseurin Rast und Dramaturg Armin Breidenbach haben Glausers Roman in eine zupackende Theaterfassung gebracht, die auf Aktualisierung verzichtet und den Autor wertschätzt, allerdings auch Hintergründiges wegkürzt, vor allem die Beziehung zwischen Mörder Pieterlen und seinem Therapeuten Laduner. Umso unerbittlicher dreht, je länger der Abend dauert, die Droh- und Angstspirale. Mittendrin der, bei allem Phlegma, sehr präsente Hans Jürg Müller als Studer. Ihm spielt das fast vollständige Schauspielensemble, oft in Doppelrollen, übel mit.
Nicht nur, was die Grossbesetzung betrifft, ist das Stück eine Hommage an das (eigene) Theater. Technik und Werkstätten greifen ins Volle. Die Auf- und Abtritte, die Bewegungsmuster, die Bilder sind minutiös komponiert. Andreas Enzlers Licht lässt ganze Szenen flirren und kippen. Von überall her tönt es (Sounddesign Martin Hofstetter); selbst Portier Dreyers Besen wischt mikrofoniert, verriet Schauspieldirektor Jonas Knecht an der Premierenfeier. Die Maske leistet nicht nur bei Schüls kriegsversehrtem Gesicht ganze Arbeit. Die Kostümabteilung liefert neben Anstaltsweiss und -grau clowneske Verkleidungen für die Matto-Revue. Jessica Cuna und Anna Blumer spielen traurige Melodika-Melodien (Musik Patrik Zeller). Und der Malsaal brilliert mit täuschend echten Hodler-Kopien.
Ein Lob auf die Werkstätten
Die Glauser-Produktion wird damit, wie der Mörder Pieterlen, ihrerseits zum «Demonstrationsobjekt»: für die Arbeit, die an einem Theater hinter den Kulissen geleistet wird. Jonas Knecht lobte an der Premierenfeier die Leute in Technik und Werkstätten denn auch an erster Stelle. Und erinnerte daran, dass es am 4. März bei der Theaterabstimmung in erster Linie um sie gehe: um mehr Licht, bessere Luft und mehr Platz an den Arbeitsplätzen im Untergrund des Gebäudes.
Pech nur, dass die Bühnenanstalt keine Irrenanstalt ist. Denn wäre das Theater eine Klinik, ob medizinisch oder psychiatrisch: Die Renovation wäre politisch unbestritten und vermutlich längst passiert.
Jessica Cuna, Anna Blumer.
Aus dem Januarheft: Nach Prosatexten von Tim Krohn, Friedrich Dürrenmatt und Thomas Hürlimann bringt das Theater St.Gallen erneut einen Roman auf die Bühne, «Matto regiert» von Friedrich Glauser.
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