, 11. April 2015
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Sternstunde einer Nation und eines Narrengerichts

Für die  Schweiz ist sie die Mutter aller Schlachten, und für das Städtchen Stockach im Landkreis Konstanz der Ursprung der berühmten schwäbischen Fasnet: Die Schlacht am Morgarten 1315.

Es ist nicht einmal sicher, ob sie überhaupt stattgefunden hat, die Schlacht am Morgarten, und ob der Hans Kuony von Stocken wirklich dabei war. Aber trotz der Ungewissheit hat die Schlacht noch immer grosse Symbolwirkung und wird zum 700-Jahr-Jubiläum gross abgefeiert, in der Schweiz und auch in Deutschland, genauer in Stockach. Wie aber kommen die Stockacher in der westlichen Bodenseeregion eigentlich zum Gedenken an das massenhafte Habsburger-Versenken im Ägerisee?

Für die Schweiz die Unabhängigkeit, für Stockach die Narren

«Die Entstehung des Hohen Grobgünstigen Narrengerichts in Stockach geht auf den Unabhängigkeitskampf der Schweizer Eidgenossenschaft mit den Habsburgern zurück», heisst es in der Chronik des schwäbischen Fasnet-Städtchens. Als das Habsburger-Heer von Zug am Vierwaldstättersee gen Morgarten zieht und im Ort Sattel das letzte Nachtlager vor der erwarteten Schlacht bezieht, ist wahrscheinlich Hans Kuony von Stocken, Hofnarr bei Herzog Leopold von Österreich, der einzige, der nüchtern ist.

Man darf sich das so vorstellen: Die Ritter der Habsburger legen all ihr Eisenzeug ins Gras und nehmen die Würste aus den Lunchtaschen, um sie an den Lagerfeuern an den langen Ritter-Spiessen zu bräteln. Dabei schütten sie aus lauter Vorfreude auf die Schlachtgaudi am Ägerisee reichlich Alkohol in die Birne. Auch Herzog Leopold hat einen sitzen und torkelt zur vorgerückten Stunde an das Ohr seines Hofnarren mit der Frage: «Was meinst du …hicks… Kuony, werden wir die Eidgenossen …hicks… gehörig verdreschen?»

Kuony soll nach der Überlieferung weise geantwortet haben: «Ihr ratet alle, wie Ihr wollet in das Land Schwyz hineinkommen, Euer keiner aber hat geraten, wie Ihr wollet wieder herauskommen.»

Nach der verlorenen Schlacht durfte der beamtete Hofnarr laut Stockacher-Chronik für seinen besonnen Rat einen Wunsch äußern. So wünschte er sich die Gründung eines Narrengerichts in seiner Vaterstadt Stockach. Diese Bitte wurde ihm von Herzog Albrecht dem Weisen, dem Bruder Leopolds, während der Belagerung von Zürich 1351 gewährt. Leopold selbst war schon 1326 gestorben, ohne dass die Angelegenheit geregelt worden wäre.

Morgarten: Nur eine Metapher?

«Von den zeitgenössischen Chronisten berichtet insbesondere Johannes von Winterthur ausführlich über die Schlacht», heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz über Morgarten. «Sein Text lehnt jedoch an alttestamentliche Geschehen, vor allem aus den Büchern Judith, Esther und Jeremias, an. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Herausschälen originaler Elemente. In der eidgenössischen Chronistik des 15. und 16. Jahrhunderts fällt auf, dass die Schlacht am Morgarten und der Morgarten im Weissen Buch von Sarnen unerwähnt bleiben».

Ob da nicht ein eher unbedeutendes Ereignis im Laufe der Zeit und mit der sich in späteren Jahrhunderten ausbreitenden Befreiungstradition nicht etwas allzu sehr aufgeblasen und pathetisch überbewertet worden ist, darf man sich fragen.

Jedenfalls hat Morgarten im Nachgang doch auch sehr viel Komik in sich: Sternstunde einer Nation und zugleich auch eines die Geschichte parodierenden Narrengerichts. Und Morgarten ist völkerverbindend: Die Schweizer und die Stockacher aus Deutschland besuchen sich gegenseitig in diesem Jahr an ihren Morgarten-Jubiläums-Anlässen.

Den Hans Kuony, der seit den 1980er Jahren im Zentrum des Städtchens Stockach als Brunnenfigur sitzt, wird das sicher mächtig freuen.

Brunnen

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