, 11. März 2021
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Stich ins Herz

Aus dem Saiten-Februarheft zum Thema «Auf Nadeln»: Sie war Konfektionsschneiderin, er Tätowierer, beide selbständig. Jetzt sind sie pensioniert und nach über 50 Jahren immer noch glücklich zusammen. Besuch bei Nigi und Pablo Bänziger in Berneck.

Pablo eröffnete seine Tattoo-Stube in Berneck 1990.

Nigi Bänziger hat schon ihr ganzes Leben Nadeln um sich. Ihre Mutter hat früher viel genäht, in der Primarschule half Nigi manchmal bei einem Schuhmacher im Dorf aus, der seine Nadeln tagein, tagaus durchs dicke Leder trieb. Nach der Sek hat sie Konfektionsschneiderin gelernt – und ihr Mann Pablo, mit dem sie seit 52 Jahren zusammen ist, hat bis 2017 als selbständiger Tätowierer gearbeitet. «Offenbar hänge ich an der Nadel», sagt sie und lacht.

Wir sitzen am grossen Holztisch in ihrem Haus in Berneck. «Hier lebt, liebt und lacht Familie Bänziger», steht auf einer handbemalten Schiefertafel neben der Haustür. Darüber ein ovales «TATTOO»-Schild mit einer Rose, einer Schwalbe und einer alten Tätowiermaschine drauf. Jahrelang war Pablos Studio im Dachgeschoss des Hauses, das halbe Rheintal und auch Leute von weiter her gingen hier ein und aus, um sich vom bekannten Tattoo-Künstler und Dorforiginal stechen zu lassen. Die Wohnung der beiden befindet sich im zweiten Stock. Rundherum viel Grün, buddhistische Fähnlein und eine einladende kleine Terrasse.

Nach der Geburt gleich wieder an die Nähmaschine

Hier werden zwei zusammen alt, die schon sehr jung zueinander gefunden haben. Begonnen hat alles in der Badi Berneck, im Sommer ’69. Sie in der Sek, er im ersten Lehrjahr. «Da hat man sich halt getroffen», erzählt Nigi. «Ich habe Pablo und seine Clique von Anfang an interessant gefunden. Die langen Haare fand ich cool, und dass er Gitarre spielt – und schon an einem Konzert von Jimi Hendrix war. Bei uns zuhause lief ja nur Ländler.» – «Aber du hattest doch einen Freund damals!», wirft Pablo ein. – «Das stimmt, aber den habe ich ja ganz schnell abserviert für dich. Ausserdem warst du der, der mit allen Mädchen rumgeschäkert hat. Ich war damals sogar eifersüchtig auf deine Mutter, weil ich nicht kapiert habe, dass das deine Mutter ist, weisst du noch?» Breites Grinsen am Holztisch.

Der Sommer ’69 verging, die junge Liebe hielt. Lange blieb das Paar aber nicht allein, denn kaum hatte Nigi die Lehre als Schneiderin begonnen, wurde sie schwanger. «Damals ist die Pille ja gerade erst aufgekommen», erzählt sie, « und wir haben uns kaum Gedanken um die Verhütung gemacht. Erfreut waren unsere Eltern natürlich nicht, zumal ich erst 17 war und meine grosse Schwester erst vor wenigen Monaten schon ein lediges Kind zur Welt gebracht hatte. Trotzdem haben wir uns dafür entschieden. Meine Mutter ist zwar fast umgekippt im ersten Moment, aber sie sagte auch, dass man dazu stehen muss – und am Ende ist alles gut gekommen. Die Zeiten haben sich ja damals gebessert, wir steckten nicht mehr in den konservativen 50er-Jahren.»

Nigi Bänziger, 1953, ist in Berneck aufgewachsen, Pablo Bänziger, 1952, in Uzwil und im Rheintal. Geheiratet haben sie 1971. Nach der Pensionierung 2017 haben sie sich einen VW-Bus gekauft, mit dem sie nun regelmässig unterwegs sind. (Bild: Samuel Bänziger)

Nigi sagt, ihr sei schon immer klar gewesen, dass sie Mutter werden will. Oliver ist 1971 geboren, ihre Lehre hat sie trotzdem fertiggemacht, auch wenn sie das im ersten Moment nicht wollte – was ihre Eltern aber nicht goutierten. «Du machst diese Lehre unter allen Umständen fertig», lautete die Bedingung. Und so sass Nigi drei Monate nach der Geburt bereits wieder an der Nähmaschine und holte die verpasste Arbeit auf. «Das hat mich schon etwas geplagt am Anfang», sagt sie, «denn Oli war ständig bei Pablos Mutter, das machte mich eifersüchtig.»

Zusammen gewohnt haben Nigi und Pablo in dieser Zeit noch nicht. Er in Widnau, sie in Berneck. Das führte teilweise zu wilden Aktionen, wie die beiden vergnügt erzählen. «Um schnell von einem Ort zum andern zu kommen, sass ich bei Pablo auf die Vespa und Oli haben wir im Kinderwagen hinten nachgezogen. So sind wir dann übers Feld Richtung Rosengarten gedüst. Als er älter wurde, haben wir ihn dann huckepack auf den Töff genommen. Mein Gott, heute käme grad die KESB, wenn das jemand sähe!»

Die frühen 1970er-Jahre am Bodensee, die viele als so legendär in Erinnerung haben: Hat ihnen diese «wilde Jugend» nicht gefehlt? «Vielleicht ein bisschen», sagen Nigi und Pablo. «Wir waren nur selten am Tanzen, im Kino, an Partys oder auf Reisen. Rückblickend gesehen, haben wir vermutlich schon einiges verpasst, aber wir haben nie etwas bereut.»

Die «Hippiezeit» bei den Bänzigers, wenn man so will, kam erst Mitte 20, als Oli etwas älter war. Inklusive Dreierbeziehungskiste und Kiffen. «Das gab dann schon manchmal Gschnorr im Dorf», sagt Pablo, «aber eigentlich hielt es sich erstaunlich in Grenzen. Am Schluss haben sie uns akzeptiert, wie wir sind.» – «Das glaubst du!», widerspricht Nigi. «Mich haben sie immer blöd angeredet, du hast das einfach verdrängt.» Beide lachen.

Nigi, die Trendsetterin

Ende der 80er-Jahre war dann Schluss mit der Dreiecksbeziehung, fast zeitgleich ist Tochter Schirin zur Welt gekommen. Vier Jahre zuvor war Samuel gekommen, der Mittlere. Viel zu tun also im quirligen Hause Bänziger. Nigi hat darum schon früh auf Heimarbeit umgesattelt, zwischenzeitlich hat sie noch Bademäntel am Fliessband genäht, aber nur kurz. Und in der Dorfmetzg und beim Bäcker ausgeholfen.

Konfektionsschneiderin sei ein idealer Beruf, wenn sich frau die Zeit selber einteilen will, sagt sie. Ständig kamen Leute zu ihr, «die voll breiten und die ganz dünnen – einfach alle, die nicht in die gängige Kleidernorm passten.» Ihre Konditionen waren günstig. Alle konnten sich ein Kleidungsstück von Nigi leisten. «Ich arbeitete auch relativ zackig, gab immer Vollgas», sagt sie, «dann halten sich auch die Preise in Grenzen. Und die Leute wollten ja auch keine aufwendigen Deux-Pieces, sondern passende Alltagskleider.»

Wenn Oli geweint hat, hat sie ihn geschaukelt, wenn er geschlafen hat, hat sie weitergenäht, Teile geflickt, Reissverschlüsse repariert, Säume herumgenommen – Arbeiten, die heute wieder voll im Trend sind. Reparieren und Selbermachen statt ständig Neues kaufen, das unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt wird. Aber das Schönste am Schneiderinnenberuf, sagt Nigi, sei, dass er so vielseitig ist. «Ich konnte immer das nähen, was gerade in Mode war: Schlaghosen, Leder- und Schaffellmäntel, Wildwestjacken, Mokassins, Latzhosen, Puppen und Stofftiere für die Kinder» – «Ja, das war oft lustig», bekräftigt Pablo. «Manchmal hat sie etwas genäht und im Jahr darauf hatten es alle an.»

Nigi, Pablo und die Kinder sind mit ihren trendigen Looks auch durchaus aufgefallen im beschaulichen Berneck. «Hippies» wurden sie nicht selten genannt. Pablo trägt seit über 40 Jahren keine Jeans mehr, Nigi näht ihm die Hosen bis heute. Er steht auf farbige, psychedelische Stoffe. «In Wahrheit ist Pablo der Auffälligere von uns beiden», sagt sie lachend. «Wer läuft schon mit so kunterbunten Hosen umher!» Anfangs seien die Leute in Berneck manchmal noch irritiert gewesen, aber mittlerweile hätten sich alle daran gewöhnt.

Aufgefallen ist die Familie auch, weil Pablos Geschäft allerhand Leute von ausserhalb anzog. Ursprünglich ist er gelernter Buchdrucker, doch der Beruf wurde ihm schnell langweilig und er träumte schon früh davon, von zuhause aus zu arbeiten. «Schon mit 20 sagte ich, dass ich mit 40 daheim arbeiten will», erinnert sich Pablo. «Damals wusste ich nur noch nicht als was.» Hätte ihm mit 20 jemand gesagt, dass er einst einer der ersten und bekanntesten Tätowierer im Rheintal sein werde, hätte er ihn oder sie vermutlich ausgelacht. Doch genau so kam es.

Tattoo-Künstler Pablo: Learning by Watching

Heute findet man gefühlt an jeder Ecke ein Tattoo-Studio. Früher war das anders, die grosse Schwemme kam erst Ende der 90er-Jahre. Der erste, der in der Schweiz einen Tattoo-Laden eröffnet hat, war ein gewisser «Tischi». 1972 in Rheineck. Pablo eröffnete seinen Laden im Bernecker Dachgeschoss 1990. Zuvor hat er «noch eine Woche kurz gelernt», wie er sagt. «Beim Varesi in Sissach. Da habe ich aber nur zugeschaut.» Kennengelernt hat er den Basler Tattoo-Pionier durch einen Kumpel, der sich regelmässig dort tätowieren liess. Irgendwann liess sich auch Pablo sein erstes Tattoo stechen. Varesis Arbeit faszinierte ihn und so fragte er eines Tages, ob er bei ihm lernen dürfe.

Varesi war nicht wirklich scharf darauf, weil Konkurrenz und so. Er schickte Pablo heim mit der Bemerkung, er könne ja mal ein paar Sachen zeichnen. Was Pablo gemacht hat. Und zurück bei Varesi wollte dieser die Sujets gleich kopieren – so kamen die zwei ins Geschäft. Pablo schaute aufmerksam zu und lernte auch, wie man Nadeln lötet. Einer- und Dreiernadeln vor allem, weil er meist nur die brauchte, aber es gibt auch Nadeln mit bis zu 15 kleinen Nadeln darin. Heute bestellen die meisten Tätowierer ihre Nadeln im Internet, Pablo hat seine bis zur Pensionierung immer selber gemacht.

All die Jahre sei das Geschäft «wie die Sau gelaufen», sagt er. Etwas vom Schönsten an diesem Beruf sei das Zeichnen, das habe er immer schon gerne gemacht. Und – das klingt vielleicht paradox – die Vergänglichkeit: «Du machst ein Bild und weisst, dass es irgendwann weg ist», sagt Pablo. «Das hat mich immer fasziniert. Mit dem Tod verschwindet das Werk, anders als bei einem Gemälde.»

Er liebte das Tätowieren, trotzdem war er froh, konnte er 2017 aufhören. «Tattoos wurden mehr und mehr zum Trend. Irgendwann haben die Leute Tattoos eingekauft wie ein Paar Schuhe. Sie hatten keine Bedeutung mehr, wurden zum Konsumgut.»

Die Sujets kamen stets in Wellen, erklärt Pablo. Zuerst die Delfine, dann die Indianer, dann die Wölfe und irgendwann Schriften; Geburtsdaten und Namen. Er hat sich aber immer geweigert, jemandem den Namen des Partners oder der Partnerin zu tätowieren. Und in den Nullerjahren kam dann der Arschgeweih-Boom – «die sind mir mit der Zeit total auf den Wecker gegangen». Nigi war auch hier eine Trendsetterin: Sie war die erste in der Region, die eines hatte. Gestochen von Pablo natürlich. Und im Sommer darauf wollten alle so eins.

Die Bodenständige und das Scheidungskind können gut streiten

Wir reden lang und lachen viel. Oft beginnt Pablo zu erzählen, dann fällt Nigi ihm ins Wort, macht die Geschichte fertig. Ihr geht das alles zu langsam. «Bei mir muss es laufen, wie beim Nähen», sagt sie. «Pablo ist da anders. Er kann sich viel mehr verweilen und vor sich hin träumen, da bekomme ich manchmal fast Vögel.»

Wenn die zwei so in Erinnerungen schwelgen, wäre man gerne dabei gewesen. Auf der Vespa mit Oli, beim Latzhosen-Nähen für die Rasselbande, in der Tattoo-Stube im Dachgeschoss, aber auch mal am Stammtisch in der «Mitte» in Berneck, wenn die Nachbarn sich das Maul über «die Hippies» zerrissen haben. Und natürlich in der Badi Berneck, wo die Liebe ihren Lauf nahm.

«Ich war damals eigentlich überhaupt kein Weiberheld», sagt Pablo zu Nigi. «Mich hat nur die Musik interessiert. Als ich dich sah, dachte ich: Das ist eine Bodenständige.» – «Du bist halt ein Scheidungskind, vielleicht hast du unterbewusst nach Halt gesucht?», fragt sie – «Keine Ahnung, mich hat einfach keine andere mehr interessiert, nachdem ich dich kennengelernt hatte. Du warst so natürlich, hast dich nicht mit Schminke und Lippenstift zugekleistert, wie die anderen, das gefiel mir. Schwer zu sagen, was die Anziehung zwischen zwei Menschen ausmacht…»

52 Jahre – was ist das Rezept der beiden? «Wir haben einfach gesagt, dass wir durch dick und dünn gehen zusammen», meint Pablo. Und Nigi ergänzt: «Man muss vor- und nachgeben können, einander Freiheiten lassen. Die wichtigen Dinge – Familie und Arbeit – haben wir trotzdem immer zusammen gemacht. Wir haben das gemeinsam aufgebaut und jedes hat seinen Beitrag geleistet. Und wir können gut streiten.»

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