, 4. März 2017
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Stiftsbibliothek in Splittern

Thomas Hürlimanns «Fräulein Stark», vor 16 Jahren Anlass für einen Literaturstreit, feiert Wiederauferstehung in der St.Galler Lokremise – als Hör-Collage.

Fräulein Stark (Maja Stolle) liest dem Bub (Fabian Müller) die Leviten.

«…heute war alles anders, um ihre Füsse wucherten Geruchsblüten, es rochen die nassen Strümpfe, es rochen die feuchten Röcke… Es war stärker als ich, ein lautloser Sturm, das Herz klopfte, raste jetzt, die Nase roch, und die Augen, ob ich wollte oder nicht, kletterten hinauf in den zwielichtigen, taubenzartgrauen Abgrund ihrer Stoffglocke.»

So und ähnlich packt es den «Nasenzwerg», den «Bub», wie ihn das Fräulein nennt, bei seinem sommerlichen Pantoffeldienst im Flur vor der «Bücherkirche» und «Seelen-Apotheke», der St.Galler Stiftsbibliothek. Es ist, für den pubertierenden Neffen des allmächtigen Stiftsbibliothekars, Monsignore Katz, eine geheimnisvolle Welt, «fremd und voller Reize» – Frauengeheimnisse, Büchergeheimnisse, das immer gegen Mittag erlahmende Schreibmaschinenklappern der Hilfsbibliothekare, die «plüschrote Höhle» namens Studierzimmer. Oder ein Karteikartenlabyrinth, in dem sich «schlicht und einfach alles, von Aristoteles bis Zyste» an Wissen verbirgt. Und mittendrin, beim Buchstaben «K», die eigene, dem «Nepos» bisher verheimlichte Familiengeschichte der «Katzen».

Dorothea Gilgen und Jonas Knecht, hinten Hans Jürg Müller.

Die Bühne in der Lokremise, in der das Theater St.Gallen jetzt Hürlimanns Novelle Fräulein Stark als Hör-Drama uraufführt, ist dagegen geheimnislos. Ein technoider Raum voller Mikrofone und Kabel, mit verschiebbaren Akustikwänden, Leuchtschrift, allerhand Stühlen und Tischen und fahrbaren Treppchen. Ausstatter Markus Karner hat ein veritables Hörstudio gebaut, dessen Mobiliar sich bei jedem «Setwechsel» zu einem anderen Schauplatz herrichten lässt.

Packende Ton-Spur

Wir sind also nicht im Stiftsbezirk, sondern im Radiostudio, in dem eine versierte Sprecher- und Technikercrew Hürlimanns in Ich-Form erzählten Prosatext in eine vielstimmige Partitur verwandelt. Erst wird geprobt, dann geht es los, die Fäden ziehen Regisseur Georg Scharegg und Schauspieldirektor Jonas Knecht als Sound-Ingenieur.

Knechts Ton-Einfälle sind fast grenzenlos – wunderbar, wie die Gummischuhe in Überlautstärke heranknirschen und dann filzpantofflig über das «hautzarte» Kirschbaum- und Tannenholz-Parkett der Barockbibliothek schlurfen. Grandios der Orgelsturm, nachdem Monsignore in Frohlaune sein «Ite-missa-est» gedonnert hat. Schauerlich die knarrenden Knochen der Türgreise, die die Bibliothek bewachen. Und ohrenbetäubend die Detonationen, die im Zweiten Weltkrieg von Friedrichshafen her bis nach St.Gallen schallen und die Bevölkerung auf die Drei Weieren hochtreiben, wo Grossvater Katz den Kiosk betreibt und seine Bombengeschäfte macht.

Keck gesplitterte Text-Collage

Bunt treiben es Regie und Spieler auch mit dem Hürlimann’schen Text. Er wird in seine Einzelteile zerlegt, man spricht mal solo, mal im Duett oder im Kollektiv, repetiert und fällt sich ins Wort in perfekter Mechanik. Dazu gesellen sich eingespielte Stimmen anderer Ensemblemitglieder, auch das Publikum wird – leider nur einmal – zum Mitraunen animiert. Rasche Setwechsel, witzige Leuchttitel, slapstickartige Derbheiten wie die Saufrunde im «Porter» oder der wundersame Choralgesang von Souffleuse Dorothea Gilgen tragen weitere Bruchstücke zu einem lustvollen Theater der Dekonstruktion bei.

Maja Stolle, Fabian Müller und Anna Blumer.

Fels in der Brandung ist dabei Maja Stolle. Die 73jährige, aus Schweizer Filmen wie Sennentuntschi oder aus der SBB-Werbung populäre Schauspielerin spielt Fräulein Stark als Lady mit spitzer Zunge, rabiaten Manieren und grossem Herz. Hans Jürg Müller hat ihr als Monsignore nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen; er wie auch, in wechselnden Rollen, Fabian Müller, Anna Blumer und Matthias Albold bewältigen die Tücken der Sprechpartitur bravourös, bleiben aber auch in ihr gefangen.

Verpasste Sprachkunst

Das ist einerseits ehrenwert: Das Theater zeigt (und erweitert) seine Mittel und gaukelt nicht, wie das Musical, eine Welt vor, die es nicht ist. Auf der Strecke bleibt andrerseits manches, was zumindest jene Zuschauerinnen und Zuschauer entbehren werden, die das Original gelesen haben.

Es fehlt der unwiderstehliche Sog von Hürlimanns Satzkaskaden.

Es fehlt der Duft, den nicht nur der reale Stiftbibliothekar und Hürlimann-Onkel bekanntlich im Namen trug, sondern der auch den Nepos immer wieder «in schwindelerregende Glückstiefen» hinab- und hinaufkatapultiert.

Hans Jürg Müller, Matthias Albold.

Es fehlen, durch die Soundspur teils wettgemacht, die Atmosphäre, der Mief und die Pracht der Bücherarche – auch wenn Monsignore Duft in seinen Bemerkungen und Berichtigungen gegen das Buch damals, 2001 mehrfach betont hatte, dass er kein «eitler Geck» sei und nie seidene Soutanen getragen habe, wie sie der Neffe im Buch fröhlich flunkernd beschreibt…

Versäumte Themen

Wenig Kontur erhält auch das für das Buch und dessen spätere kontroverse Diskussion zentrale Thema von Katz‘ jüdischer Herkunft, die er mit antisemitischen Allüren verdrängt. Das könnte im Rückblick gelassen neu besichtigt werden, ebenso die Frage nach den Grenzen der künstlerischen Freiheit. Johannes Duft hatte sie damals mit seiner Protest-Broschüre aufgeworfen; im Hör-Drama gibt es dazu nur eine kurze, allerdings sprühende Episode. Ehrgeizig wäre schliesslich der Versuch wert gewesen, mit Fräulein Stark den Niedergang des katholischen Milieus, samt dem Bröckeln seiner einst mächtigsten Säule, der St.Galler CVP, in den Blick zu nehmen.

So aber bleibt am Ende unsicher, was über die Erprobung der Schaubühne als Hörbühne hinaus mit dem Stück eigentlich verhandelt werden soll.

Anna Blumer, Hans Jürg Müller.

Bref (wie Monsignore sagen würde, ohne sich jedoch daran zu halten): Das Hör-Drama in der Lokremise kommt wie eine protestantisch spröde Kopie des katholisch sinnenfrohen Originals daher. Oder mit einem schieferen Vergleich: Hürlimanns barocke Erzählkunst ist durch die Discokugel der Postmoderne geschleudert worden. Im besten Fall lässt man sich beides gefallen – und greift nach dem Besuch in der Lok zum Buch.

Nächste Vorstellungen: 8., 10., 11., 19. März; am 19. März mit anschliessendem Gespräch mit dem Autor Thomas Hürlimann. theatersg.ch.

Bilder: Jos Schmid

 

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