Zuerst war die Absage: Tschaikowskys Vertonung des Jeanne d’Arc-Stoffs, Orleanskaja Deva, war dem Theater St.Gallen zu heikel. Gerade einmal zwei Monate vor der Premiere, «nach langem Ringen» (Werner Signer) war am 21. April der Entscheid gefallen, die russisch gesungene Oper durch Verdis italienische Giovanna d’Arco zu ersetzen. Ob zu recht, bleibt unentschieden – auf die Bühne kommt der kriegerische Stoff jetzt jedenfalls als Appell für Frieden.
Das ist brisant. Denn in Verdis Giovanna steckt zu weiten Teilen eine junge Frau, die den Krieg als ihre heilige Mission empfindet und schon als Mädchen das Schwert schwingt. Doppelt brisant an diesem Spielort, vor den Türmen der Kathedrale als Kulisse – im Namen Gottes zieht Giovanna in den Krieg, mit der Bibel vor der Brust will ihr Vater Giacomo in seinem religiösen Fanatismus ihre angeblichen Dämonen bannen, und Repräsentanten derselben Kirche verbrannten sie 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen als «Ketzerin».
Ania Jeruc als erwachsene, Eva Leippold als junge Giovanna.
In der Inszenierung ist Giovanna doppelt präsent, als erwachsene Frau (Sopranistin Ania Jeruc) und als Mädchen (Eva Leippold). Die beiden spiegeln sich aneinander, das Mädchen verkörpert mal prophetisch das künftige, mal rückblickend das kindliche Ich der Hauptfigur.
Das Trauma der Soldaten
Giovanna, die Kriegerin, streift im Prolog ihr Bäuerinnenkleid ab und bringt im Kettenhemd Carlo, den künftigen König Karl VII., wieder auf Kriegskurs. Er will entmutigt das Schwert niederlegen und England seinen Thron überlassen. Sie entflammt mit ihrem religiösen Patriotismus den Kampf von Neuem und sein Herz gleich mit.
Dagegen wiederum lehnt sich Giovannas Vater Giacomo auf. Er verdammt das kriegerische Tun und die vermeintlich «irdische Liebe» seiner Tochter, glaubt darin den Teufel am Werk und verrät sie an die Engländer.
Dass vom historischen Jacques Darc nichts dergleichen bekannt ist, hat Verdi und seinen Librettisten ebenso wenig gestört wie das reale Todesurteil gegen Johanna 1425 wegen Häresie. Sie spitzen das Geschehen auf die persönliche Dreieckskonstellation zu und opfern, darin Schillers Jungfrau von Orleans folgend, Giovanna statt auf dem Scheiterhaufen auf dem Schlachtfeld.
«Stop», sagt die St.Galler Inszenierung zu diesem politisch-religiös-familiären Zerstörungswerk. In Akt 1, nach dem Prolog, tritt eine Gruppe weissgekleideter Frauen auf, in der Hand einen Kanister mit der Aufschrift «Stop War», aus dem sie sich mit blutroter Farbe übergiessen. Zwischen ihnen die Männer, zerlumpte Uniform, schleppender Schritt, fahle Blicke: die Überreste der englischen Armee.
Einer der Veteranen hält sich die Pistole an die Schläfe, einer wiegt ein Felltier im Arm, einer tanzt irrgeworden mit dem Transistorradio am Ohr, einer kann nicht aufhören, um sich zu schlagen. Die Figuren, obwohl am Rand des Geschehens, ziehen den Blick auf sich. Männer, traumatisiert, zerrüttet, Opfer eines Kriegs, den man ihnen aufgezwungen hat, Opfer dieses sinnlosen Hundertjährigen Machtkampfs zwischen Englands und Frankreichs Adel. Und besiegt von einer jungen Frau, die auf Seiten der Franzosen Schlacht um Schlacht gewinnt. Gegen die «furia» und ihre Dämonen sei man machtlos, klagt der Soldatenchor.
Kinder als Kriegsopfer
Regisseurin Barbora Horáková Joly gelingen solche starken Bilder, die Symbolkraft haben über die Geschichte der Jeanne d’Arc hinaus. Statt anonymen Massenszenen sehen wir Individuen, das abstrakte Leid trägt ein persönliches Gesicht. So gleich im ersten Auftritt im Prolog: Frauen und Männer stossen und tragen Kinderwagen, Kindersitze, Tragetücher auf die Bühne. Die Wagen sind leer, die Kinder tot. Die zum Berg aufgeschichteten Kinderwagen bleiben den ganzen Abend da als stumme Klagewand.
Später die Prozession der Frauen, mit Grabsträussen und den Schuhen ihrer Männer, die sie vor der Bühne zum fast schon dekorativen Memento drapieren. Krönungspomp und nationalistische Parolen untergräbt die Regie so von Beginn weg.
Die Bühne von Susanne Gschwender – im Hintergrund Ruinen, vorn ein Stück Arkadien mit Bäumen und Teich, in der Mitte eine Art Altar – ist so ländlich-zeitlos wie die Kostüme von Annemarie Bulla. Tagesaktuell dagegen im Programmheft das Bild des zerbombten Theaters von Mariupol mit der russischen Aufschrift «DETI»: die vergebliche Warnung an die Bomber, dass hier Kinder seien.
In St.Gallen sind es eine junge Mutter und ihr Kind, die als erste die Bühne betreten. Dann die Kinderwagen, später ein Palast aus Bauklötzen, den die junge Giovanna baut und zerstört. Und auf dem Höhepunkt des Geschehens – Giacomo bereut und befreit Giovanni, diese packt noch einmal das Schwert und zieht, schon gebrochen, in ihre letzte Schlacht – marschiert ein Kindersoldat mit Maschinengewehr an ihrer Seite, stellvertretend für die Kriege aller Zeiten, in denen es, ob Kinder oder Erwachsene, nur Verlierer gibt.
Giovanna d’Arco: Klosterplatz St.Gallen, weitere Aufführungen 28. Juni, 1., 2., 6. und 8. Juli
stgaller-festspiele.ch
Verdis Musik stützt diese kriegskritische Deutung des Stücks: Sie setzt mehr auf intime als auf martialische Mittel und räumt den zweiflerischen Emotionen viel Platz ein. Chefdirigent Modestas Pitrenas lässt den lyrischen Passagen viel Raum. Das Sinfonieorchester füllt die instrumental einfallsreiche Partitur mit Farbe und Kontur, die Lamenti von Cello oder Klarinette tragen auch unter offenem Himmel, die Schlachttrompeten bleiben diskret.
Die Chöre aus St.Gallen, Winterthur und Prag samt Kinderchor halten leidenschaftlich mit, auf der Bühne mit variantenreichem Spiel, stimmgewaltig verstärkt aus der Tonhalle, von wo aus auch das Orchester übertragen wird.
Giovanna überragend
Eine starkes Solistentrio erlebte man in der Erstbesetzung. Der Giovanna, Jungfrau und Kriegerin, Heilige und angebliche «Frevlerin», Kämpferin und Zweiflerin, gibt Ania Jeruc eine sich in höchste Höhen aufschwingende Stimme und eine Statur zwischen Zerbrechlichkeit und Standfestigkeit. Ihre Pianissimi sind berückend, von den erschwerten Bedingungen des Openair-Musizierens ist nichts zu spüren.
Carlo (Mikheil Sheshaberidze) und Giovanna (Ania Jeruc), unten Giacomo (Evez Abdulla).
Mit mächtigem Bass und intensivem Spiel verkörpert Evez Abdulla ihren Gegenspieler-Vater Giacomo. Mikheil Sheshaberidze singt den zögerlichen Carlo mit Noblesse. In den Soldatenrollen Maxim Kuzmin-Karavaev und Christopher Sokolowski.
In einem betörenden Duett findet der Vater im dritten Akt zurück zu seiner Tochter – psychologisch unglaubwürdig, ideologisch ein Graus, weil sich sein ganzes verblendetes Denken um die «Reinheit» der Jungfrau dreht. Aber musikalisch frappant – solche Kippmomente kann nur die romantische Oper. Die Regie spielt sie sorgsam aus und hält zugleich tapfer dagegen. Vom Chorgerüst warnt ein Riesentransparent: «Blinder Idealismus ist reaktionär, gefährlich, tödlich».
Oper unter freiem Himmel braucht deutliche Mittel. In der diesjährigen Festspielproduktion nimmt man sie, obwohl manchmal etwas gar didaktisch, gern in Kauf. Weil die Inszenierung so konsequent wie paradox aus der Hauptfigur heraus entwickelt ist. Weil sie ganz im Sinn Schillers «den Weg zum Kopf durch das Herz» öffnet. Und weil der Krieg da ist, jetzt, aktuell, knapp 2000 Kilometer vom Klosterplatz entfernt.
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