Saiten: Worum geht es in Pablos Reise?
Julia Heier: Vordergründig taucht man ein in die Geschichte des kleinen Strassenhundes Pablo, der durch unglückliche Umstände seine Mutter verliert, sich im chaotischen Gemenge einer Grossstadt verirrt und schliesslich durch die Freundschaft zum Mädchen Karla eine abenteuerliche Reise an den Bodensee unternimmt. Dabei trifft er immer wieder auf Personen, die ihm helfen, weiterzukommen. Die Themen, die hinter der Erzählung stehen, sind der Verlust von Heimat, die Trennung von den eigenen Eltern, die Kraft der Freundschaft und die treibende Sehnsucht nach Geborgenheit.
Meistens spielen Kinderbücher ja an neutralen Orten. Sie hingegen beschreiben Neapel und den Bodensee unverwechselbar. Wie kam diese Wahl zustande?
Der Bodensee ist für mich mein Zuhause, meine zweite Heimat, ein idyllischer Ort – ein kleines Paradies, das es zu hüten gilt. In Pablos Reise schreibe ich von grünen, weiten Wiesen, einem kristallklaren See, unzähligen Blumen und Apfelbäumen – nach denen sich der Protagonist allein durch die Erzählungen eines Kindes sehnt.
Die harmonisch geordnete Heimat steht in der Erzählung in Kontrast zu vielen anderen, wilderen und chaotischeren Orten auf dieser Welt, die ebenso wunderschön sind – beispielsweise das Eingangsbild, das sich von Süditalien abzeichnet, einem Ort des bunten Treibens, unendlicher Widersprüche und von einzigartiger Schönheit. Man braucht nur die erste Seite lesen, um zu merken, wie viel ich mit Neapel verbinde. Diese Erinnerungen stammen zu einem grossen Teil aus Reisen in meiner Kindheit, aus Goethes Italienischer Reise und auch aus den Jahren, in denen ich in Italien gelebt habe.
Wie kamen Sie auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben?
Ich habe Germanistik und Romanistik studiert und unterrichte seit acht Jahren an der Kantonsschule Trogen und an der Universität Konstanz. Zudem bin ich Mutter einer dreijährigen Tochter und somit allabendlich mit dem Vorlesen von Kinderbüchern beschäftigt. Die ersten Texte zu Pablos Reise habe ich bereits vor der Geburt meines Kindes, auf einer Reise durch Sizilien entworfen. Ich hatte schon immer einen engen Bezug, eine grosse Bewunderung für die Kindheit und das Kindsein im Allgemeinen. Die Aufgabe, als Autorin die Menschen durch Geschichten in eine andere, in diesem Fall in eine wunderschön unberührte Welt, zurück zu führen, hat mir gefallen.
Für wen haben Sie Pablos Reise geschrieben?
Für all jene Kinder, deren Zuhause nicht immer der schönste Ort im Leben ist und sich aus irgendeinem Grund von Eltern, Heimat oder bekannten Strukturen trennen und irgendwo ganz neu anfangen müssen. Pablos Reise soll zeigen, dass dies auch ganz schön gut ausgehen kann…
Für welche Altersgruppe eignet sich Ihre Erzählung?
Im Besonderen eignet sie sich als Vorlesebuch für Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren. Darauf wurde auch die Gestaltung abgestimmt: Auf der linken Seite ist im Querformat jeweils der Text eines Kapitels platziert und auf der rechten Seite findet sich ein grosses, die ganze Seite ausfüllendes Bild. Durch diese klare Struktur kann sich das Kind auf die Bilder konzentrieren.
Pablos Reise: ab Ende August im Buchhandel. Vorbestellung mit kostenloser digitaler Version: lene-verlag.de
Gab es eine reale Vorlage für Pablo und Karla oder sind beide Figuren frei erfunden?
Pablo gab es wirklich, allerdings habe ich ihn als Jugendliche in einem neapolitanischen Tierheimzwinger entdeckt und ihn im Zug, zusammen mit meiner besten Freundin, einfach mitgenommen. Mit ihm habe ich viele Abenteuer erlebt.
Die Geschichte der Reise, die Pablo in der Erzählung ganz alleine antritt, und die den Hauptplot bildet, ist fiktiv. Ich habe darin allerdings viele Erzählungen aus meiner Arbeit mit unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten verwoben, die mich sehr berührt haben. Für mich war klar, dass die Reise über Wasser gehen muss und dass der kleine blinde Passagier trotz aller Widrigkeiten, Ängste und unüberwindbar scheinenden Hürden immer wieder auf Menschen trifft, die ihm helfen und die «gut» sind. Nur so schafft er es letztlich, heil an sein Ziel zu kommen und zu Karla zurückzufinden.
Sie haben Ihr Werk selbst verlegt. Warum?
Zum einen, weil ich so frei über meinen Text, die Bilder, die Gestaltung und die Buchform entscheiden konnte, zum anderen, weil ich damit einen grossen, unheimlich spannenden Einblick in die Arbeit der Illustratorin, der Gestaltungs- und Webagentur, den Buchdruck sowie in den Buchhandel allgemein bekommen habe – und mir nun zudem die Möglichkeit offensteht, weitere Bücher zu veröffentlichen.
Wie hat sich die Suche nach passenden Illustrationen gestaltet?
Ich habe einige Illustratoren angefragt und bin schliesslich doch bei einer befreundeten Künstlerin gelandet, Helena Haslach. Sie ist im Allgäu bereits für ihre Kalender bekannt, die sie jährlich mit viel Liebe gestaltet. In ihren wundervoll bunten, handgezeichneten und vor Details wimmelnden Bildern verlieren sich Kinder oft und gerne – und ihr ist es meiner Meinung nach am besten gelungen, die vielen verschiedenen Stimmungen auf Pablos Reise einzufangen und trotz allen Herausforderungen eine kleine und am Ende doch heile Pablo-Welt zu entwerfen.
Ist eine Fortsetzung geplant?
Ein Folgeband ist in Arbeit. Es geht um Pablos Ankunft, das Leben am Bodensee und die Ein- und Umgewöhnung in fremde Orte und Kulturen. Dass dies nicht immer auf Anhieb gelingt, muss auch Pablo erkennen…
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