Sonnenschein am Güterbahnhof, im Hintergrund der gelbe Lattichcontainer und davor Fahrräder en masse: Das Kollektiv Klimastreik Ostschweiz hat zur Velodemo gerufen, gekommen sind knapp hundert Menschen mit ihren Drahteseln.
Zwischen Velos, E-Bikes, Kickboards und einem Tandem wird die neuste Patentlösung für Demos präsentiert: A4-Blätter, bedruckt mit den altbekannten Forderungen des Klimastreiks, die Mensch sich dann auf den Rücken oder ans Fahrrad kleben kann. «Pfui!» hört man schon die Klimastreikkritiker rufen; den Schülerinnen und Schülern scheint das egal zu sein. Längst ist hier ein Bewusstsein dafür entstanden, dass der Klimawandel allein durch individuelle Konsumentscheide nicht aufgehalten werden kann.
«Es ist zwölf, es ist nicht mehr fünfvorzwölf, es ist zwölf», dringt zu hartem Bass aus den Boxen. Einer von vielen Tracks aus der «Fridays for Future»-Spotify-Playlist.
Solihupen & Veloklingeln
Die 20-jährige Ornella schreitet zum Mikrofon und gibt einen Poetry Slam zum Besten. «Mir laufed durch d’Stadt, es isch Klimastreik, es isch kein Spass, (…) es isch en Fakt wo me sött ghöre – s’Lebe uf dere Welt wird irgendwenn ufhöre. Jetzt isch Ziit, mir müend handle.»
Und gehandelt wird hier heute. Das Megafon ready, die Transpis ausgepackt und das Cargo-Bike vollgeladen mit Boxen und Vuvuzela, fährt der Tross los vom Güterbahnhof hinein in die Stadt.
Den Zungenbrecher «system change not climate change» brüllen die Streikenden regelrecht bei der Fahrt durch die Marktgasse, fast alle Leute bleiben verdutzt stehen, schauen den Velos nach, viele zücken das Smartphone.
Die Autos an den zu passierenden Kreuzungen haben auch jetzt wieder stehenzubleiben – im Gegensatz zum riesigen Frauen*streik vom letzten Freitag jedoch wesentlich kürzer. Dafür gibt es auch heute wieder ein erfreuliches Solidaritätshupen.
«Unkooperativ & unfähig»
Nach gut zwanzig Minuten ist die Fahrt vorbei, die Menge hält beim Vadian in der Marktgasse, wohlbehütet von der st.güllischen Stadtpolizei, welche sich – mal abgesehen vom einem Polizist mit Motorrad – ebenfalls vorbildlich mit Velos hinter der Demo herbewegte.
Weniger gesittet hingegen scheint es zwischen Klimastreikenden und der Polizei im Hintergrund zu- und herzugehen. Einzelpersonen des Klimastreikkollektivs seien gemäss eigener Aussage immer wieder Zielscheibe von Repressalien.
Mensch erinnere sich an den letzten Streik vom 24. Mai 2019: Der Demonstrationszug lief über den Kornhausplatz und besetzte anschliessend für eine knappe Viertelstunde die Kreuzung zwischen St.Leonhard- und Kornhausstrasse. Dort wurde Musik gehört und zusammen gesungen. Ein utopischer Moment. Und ein schöner Ausblick darauf, wie vielfältig der durch Strassen beschlagnahmte Platz genutzt werden könnte, würden nicht so viele Autos die Stadt verstopfen.
Dominic Truxius, Mitglied des Kollektivs und an jenem Tag Inhaber der Demonstrationsbewilligung, bezahlte diese Aktion hingegen mit einer Anzeige durch die Stadtpolizei. Nicht die erste, wie er nach der Velodemo erzählt. Mittlerweile seien ihm vier Anzeigen aufgebrummt worden. Drei wegen Übernutzung des öffentlichen Raumes, eine wegen Zuwiderhandlung polizeilicher Anweisungen, wobei zwei Anzeigen «kulanterweise» zu einer zusammengefügt wurden.
Man merke sich aus Selbstschutz folgendes: Hänge niemals ein Transparent an eine Brücke; stehe niemals in einer Gruppe am Kornhausplatz und halte dabei ein Transparent in den Händen; verteile niemals zu viert (sic!) Flyer am gleichen Ort in St.Gallen; sei niemals Bewilligungsinhaber einer Demonstration, die auf einer Strassenkreuzung verweilt.
Des Weiteren darf Truxius nach eigener Angabe nun keine Demonstrationen mehr organisieren. «Die Stadtpolizei betitelte mein Verhalten nach der letzten Demo als ‹unkooperativ und unfähig›», sagt Truxius. Man fragt sich zurecht, wer genau hier eigentlich unfähig ist, wenn sich die Stadtpolizei auf solch hohle Paragrafen wie «Übernutzung des öffentlichen Raumes» bezieht. Derartig gesuchte «Vergehen» sind nichts weiter als klassische Beispiele staatlicher Delegitimierungs- und Illegalisierungsstrategien von politischem Aktivismus.
Für Truxius ist indessen klar: «Es ist nicht relevant, ob etwas als legal oder illegal gilt, es geht darum, Mittel zu finden, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.» Und auch Anna Miotto, ebenfalls Mitglied des Kollektivs und an der gestrigen Demo in der Funktion der Medienkontaktperson, verurteilt das Verhalten der Polizei: «Wir finden das total daneben, insbesondere dass sich die Repressionsversuche gegen Einzelpersonen richten. Wir sind ein Kollektiv und agieren nur als solches.»
Ein Halbjahresjubiläum?
«Dreimaldrei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune, ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt…» – «…bis sie zerfällt!», rufen Paula und Belinda ins Mikrofon unter dem Vadian. 2080 werden die beiden 79 Jahre alt sein, der Regenwald abgeholzt, die Arktis winzig klein und die Nutelladose leer.
«Wir warten auf den Richtungswechsel, warum ist davon nichts zu sehen?», fragen sie. «Kohlekraftwerke stünden still, wenn die Politik das so will, auf Kerosin gäbe es eine Steuer, Fliegen wäre teuer, Biogemüse würde zum Standard, was ihr alles in der Hand habt! Ich dachte immer, ich wär’ allein, die da so gross und wir so klein. Doch heute sehe ich, dass das nicht stimmt, denn wir sind viele und wir sind laut. Ja, wir sind gross und die Welt ist so klein. Und was wir mit ihr machen, bestimmt niemand allein. Wir fordern eine Welt, die uns in fünfzig Jahren noch gefällt!»
Genau auf den Tag ein halbes Jahr ist es her – damals am 21. Dezember 2018 – als die Schülerinnen und Schüler an der Kantonsschule am Burggraben das erste Mal den Klimastreik ausriefen.
Die Bewegung in der Ostschweiz hat sich seither etabliert, ist lauter, stärker, sichtbarer geworden, übt Druck aus auf Politik und Gesellschaft. Und trägt ihren Protest voller Selbstvertrauen auf die Strasse. Das ist gut so, denn für den Kampf gegen die Ausbeutung und letztliche Zerstörung der Erde bleibt – wir wissen es alle – nicht mehr viel Zeit.
Mein Sohn bevor ich zur Demo ging: "Häsch än Uswis debi?"
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.