«Mode», wusste schon Oscar Wilde, «ist eine Form von Hässlichkeit, die so unerträglich ist, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.» Regisseurin Susanne Schmelcher nimmt sich nun am Theater Konstanz mit dem Jelinek-Stück Das Licht im Kasten (Strasse? Stadt? Nicht mit mir!) dem Schein und Sein der Mode an.
Es wäre aber natürlich kein Text von Elfriede Jelinek, wenn es dabei nicht auch um tiefgreifende Systemkritik und philosophische Fragen nach der Vergänglichkeit und dem Sinn unseres Daseins ginge.
Bekannte Themen in neuem Gewand
Kaufrausch, Schönheitswahn und Markenfetisch sind jetzt keine brandneuen Spielfelder der Gesellschaftskritik, aber vielleicht gerade deswegen – weil sie nicht neu sind und weil sich nichts ändert – trifft Jelinek damit dennoch einen Nerv.
Sie bringt die schizophrene Psychologie der Mode auf den Punkt: «Es gibt alles nur einmal, dafür aber oft!» Und prangert scharf und unumwunden Missstände an, etwa mit Blick auf die 2013 eingestürzte Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch: «1000 Frauen haben im Schutz ihrer eigenen Fabrik ihr Leben gelassen. – Wär‘ sie ihre eigene Fabrik, hätten sie sie besser gebaut!»
Nächste Vorstellungen 25., 26., 27., 29. Januar, weitere Termine im Februar
theaterkonstanz.de
Trotzdem wird weiterhin Kleidung bei H&M, Zara & Co. gekauft. Vor allem viel davon, denn die Mode ist ja bekanntlich kurzlebig. Immer wieder werden die Zuschauer:innen mit der Tatsache konfrontiert, dass ein T-Shirt im Schnitt nur 1,4-mal getragen wird, «nicht in unserem Leben – in seinem Leben».
Man könnte dem Text vorwerfen, dass er ausser bekannten Fakten nichts Neues liefere, keinen Gegenentwurf, keinen Lösungsvorschlag. Doch er versucht uns einen Weg zu bahnen weg vom sinnlosen Konsum, indem wir uns fragen, ob wir dieses oder jenes wirklich brauchen und was es uns am Ende (des Lebens) bringt.
Griff in die Kostümkiste
Susanne Schmelchers Inszenierung haucht der pointierten, manchmal auch sperrigen, durchkomponierten Abrechnung mit der Mode und dem, was wir damit verbinden, Leben ein. Dabei entsteht ein in sich stimmiges Gesamtkunstwerk, das mehr und mehr den Charakter einer lebendigen, wilden Installation gewinnt.
Die Bühne von Ausstatterin Marion Hauer, in Schwarz und Holz gehalten, der hintere Teil mit einem hellen Vorhang abgetrennt, wirkt zunächst zurückhaltend und lässt die bisweilen schrillen Kostüme zur Geltung kommen. Als sich der Vorhang öffnet, wird der Blick frei auf ein drehbares Rondell in der Mitte, das an ein Jahrmarkt-Karussell erinnert. Nach aussen wird der Innenraum des Rondells von Stoffbahnen gleich den Abtrennern in einer Umkleidekabine abgeschirmt.
Die Darsteller:innen Hanna Eichel, Maëlle Giovanetti und Dominik Puhl gewähren uns gezielte Einblicke in Schaufenster, Schönheitskliniken und Kleiderschränke. Alles muss schnell gehen. Die Innenräume des Mittelteils werden in Windeseile umgebaut, umdekoriert und neu bestückt, die Spieler:innen wechseln ihre Kostüme so oft, wie man es laut Jelinek besser nicht machen sollte.
Zu Techno-Beats präsentieren sie sich im unförmigen, untragbaren «Laufsteg-Look», in der Jacke als Hose oder im Pappkarton, und werfen sich in überzeichnete Posen. Live gefilmte und auf das Drehteil projizierte Handkamera-Aufnahmen (Marie Luise Schönfeld) verleihen der Szenerie den surrealen Touch eines Panoptikums.
Feeling Myself
Im schwarzen Latex-Mantel, auf dessen Rücken in weissen Kapitalien «Feeling Myself» geschrieben steht, lässt uns Dominik Puhl in die Gedanken einer Person blicken, die sich ein Kleidungsstück gekauft hat, nur um so auszusehen wie das Model, das es auf dem Werbe-Plakat trägt. Wer hat sich nicht schon einmal etwas gekauft, um sich anders zu fühlen? Besser? Schöner? Sportlicher? Die Erkenntnis, dass Kleidung keinen anderen Menschen aus einem macht, mag bitter sein, aber sie ist nötig, um uns so annehmen zu können, wie wir sind.
Weiteres zum Thema:
Beitrag des SWR über die Konstanzer Inszenierung: hier.
Sonderausstellung im Landesmuseum Baden-Württemberg Stuttgart: „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“, bis 24. April.
Mit grosser Wandelbarkeit führt das Ensemble an diesen Kern des Jelinek’schen Texts heran und stellt immer wieder die Frage nach der eigenen Identität: Wenn uns Mode nicht zu besseren Menschen macht, was ist es dann? Am Ende haben wir die Wahl: uns mit der Frage auseinanderzusetzen oder zur Verdrängung in den nächsten Mid-term Sale zu stürzen.
Was das Stück am Theater Konstanz betrifft, findet sich in den Zeilen selbst eine Antwort: «Alles muss raus! Und Sie müssen dort rein!»
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröf fnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.