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Szenarien für die Voliere im St.Galler Stadtpark

Nach der Renovation realisiert das Grüne Gallustal in der Voliere die «Maison des œufs». (Bilder/Visualisierungen: pd)

Nach der Renovation realisiert das Grüne Gallustal in der Voliere die «Maison des œufs». (Bilder/Visualisierungen: pd)

Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.

1879 grün­de­te sich in St.Gal­len die Or­ni­tho­lo­gi­sche Ge­sell­schaft und aus ihr ging die Vo­lie­re­ge­sell­schaft her­vor. Ein ers­ter Bau ent­stand 1892 als acht­ecki­ges Vo­gel­ge­he­ge mit ei­nem Turm in der Mit­te. Für ei­ne Gar­ten­aus­stel­lung von 1938 ent­warf der da­ma­li­ge Stadt­bau­meis­ter Paul Trü­di­ger den ak­tu­el­len Bau am öst­li­chen Rand des Stadt­parks. Er gilt als wich­ti­ge Klein­bau­te im Stil des «Neu­en Bau­ens». Die ak­tu­el­le Vo­lie­re ist des­halb ein ge­schütz­tes Bau­denk­mal. 

Weil sich die Vo­lie­re­ge­sell­schaft und die Stadt nicht auf ei­nen tier­schutz­ge­rech­ten Wei­ter­be­trieb und auf des­sen Fi­nan­zie­rung ei­ni­gen konn­ten, wur­den im ver­gan­ge­nen Herbst 84 Tie­re an an­de­re Stand­or­te ge­bracht. Als Zwi­schen­nut­zung be­wil­lig­te die Stadt St.Gal­len für drei Som­mer die ak­tu­el­le Bu­vet­te. Der Bar­be­trieb mit ei­nem klei­ne­ren Ver­pfle­gungs­an­ge­bot funk­tio­niert – auch dank des ak­tu­el­len Som­mer­wet­ters. Die Gar­ten­wirt­schaft ist hoch­wer­tig mö­bliert, die Be­trei­ber ha­ben ei­ne stim­mungs­vol­le At­mo­sphä­re ge­schaf­fen. 

Bis 2028 ist in der ehemaligen Voliere eine Buvette. (Bild: René Hornung)

Bis 2028 ist in der ehemaligen Voliere eine Buvette. (Bild: René Hornung)

Nach der Zwi­schen­nut­zung will die Stadt im Herbst 2028 die Vo­lie­re re­no­vie­ren. Sie such­te Vor­schlä­ge für ein neu­es Kon­zept ab 2029, das sich in die «Ziel­set­zun­gen des ur­ba­nen Le­bens­raums» ein­glie­dert. Ei­ne wich­ti­ge Vor­ga­be war ein Zu­gang für die Öf­fent­lich­keit. Al­ler­dings wird die Stadt die­se künf­ti­ge Nut­zung fi­nan­zi­ell nicht un­ter­stüt­zen. Ver­langt wur­de ein selbst­tra­gen­des Pro­jekt über meh­re­re Jah­re. Dies und das ge­for­der­te Bau- und Fi­nan­zie­rungs­kon­zept wa­ren für ein­zel­ne In­ter­es­sier­te ei­ne un­über­wind­ba­re Hür­de. Ei­ne Grup­pe von En­ga­gier­ten aus der nicht-kom­mer­zi­el­len Sze­ne – der Gra­ben­hal­le, dem En­gel und der Kul­tur – dis­ku­tier­te über ei­nen Mit­tags­tisch bei­spiels­wei­se in Kom­bi­na­ti­on mit ei­nem Kul­tur­bü­ro, reich­te aber letzt­lich we­gen der ho­hen An­for­de­run­gen kei­nen Vor­schlag ein.

Ein Dut­zend Ideen aber gin­gen ein. Ei­ne da­von um­fass­te grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen oh­ne ein kon­kre­tes Kon­zept. Von den elf ver­blei­ben­den konn­te mehr als die Hälf­te die fi­nan­zi­el­len Vor­ga­ben nicht er­fül­len. In die­ser ers­ten Be­wer­bungs­pha­se wa­ren nur be­schrei­ben­de Kon­zep­te ver­langt, so dass es nur für je­ne fünf Pro­jek­te Bil­der gibt, die in die zwei­te Run­de ka­men.

Vie­le Vor­schlä­ge, aber kei­ne Bu­vet­te

Über­rascht war die Ju­ry, dass kein Vor­schlag die ak­tu­el­le Zwi­schen­nut­zung als Bu­vet­te auf­nahm, kom­men­tiert Stadt­bau­meis­ter Chris­tof Helb­ling, der die Ju­ry lei­te­te. Lu­kas Hof­stet­ter, Mit­in­iti­ant des ak­tu­el­len Be­triebs, er­klär­te da­zu schon frü­her, dass er und sei­ne Grup­pe sich ganz auf die Vor­be­rei­tun­gen des ak­tu­el­len Be­triebs kon­zen­trie­ren muss­ten und ih­nen 2029 zu weit weg war.

Die Jury für die künftige Nutzung der Voliere

  • Cé­li­ne Bes­si­re, Ar­chi­tek­tin, Zü­rich
  • Mar­kus Busch­or, Stadt­rat, St.Gal­len
  • Chris­tof Helb­ling, Stadt­bau­meis­ter St.Gal­len, Vor­sitz
  • Ni­na Keel, Kunst­his­to­ri­ke­rin und Ku­ra­to­rin, St.Gal­len 
  • Sa­mu­el Zu­ber­büh­ler, Lei­ter Stand­ort­för­de­rung, St.Gal­len
  • Rag­nar Scher­rer, Lei­ter Port­fo­li­o­ent­wick­lung / Stv. Lei­ter Hoch­bau­amt Stadt St.Gal­len (Er­satz)

In der ers­ten Run­de sind un­ter an­de­rem Ideen für ein Ate­lier aus­ge­schie­den, in dem Ma­te­ria­li­en und Werk­zeu­ge hät­ten aus­ge­lehnt wer­den kön­nen. Auch ein Tex­til­ate­lier oder ein of­fe­ner Ort für den Kul­tur­aus­tausch und ein nie­der­schwel­li­ges An­ge­bot mit ei­ner han­dy­frei­en Be­geg­nungs­zo­ne schaff­ten es nicht in die en­ge­re Aus­wahl. Die Vor­schlä­ge für ei­ne Vo­lie­re­nut­zung als Ta­ges­schu­le oder für ei­nen Be­geg­nungs­ort für Kin­der und Ju­gend­li­che ka­men bei der Ju­ry eben­falls nicht durch, weil sie teils grös­se­re bau­li­che Ver­än­de­run­gen nö­tig ge­macht hät­ten, was beim denk­mal­ge­schütz­ten Ge­bäu­de nicht mög­lich ist.

Auch die in ei­ner Ein­ga­be pos­tu­lier­te For­de­rung, die Stadt müs­se sich selbst um die Vo­lie­re küm­mern und dür­fe die Ver­ant­wor­tung für die­ses Bau­denk­mal nicht Drit­ten auf­bür­den, fand kein Ge­hör. Die Aus­schrei­bung ha­be ja aus­drück­lich ei­nen Be­trieb oh­ne De­fi­zit­de­ckung durch die Stadt ver­langt, so Stadt­bau­meis­ter Helb­ling.

Vom Gla­cé­stand über Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung bis zum Mu­se­ums­ate­lier

Fünf der ein­ge­reich­ten Kon­zep­te blie­ben in der en­ge­ren Wahl: Kom­mer­zi­ell durch­ge­rech­net prä­sen­tier­te sich die Ein­ga­be der Ge­la­te­ria da Ber­na, ei­nes Gla­cé­pro­du­zen­ten, der in­zwi­schen mehr als zwei Dut­zend Stand­or­te in der gan­zen Schweiz hat und zwei mo­bi­le Ver­kaufs­stän­de be­treibt. Ne­ben dem Gla­cé­an­ge­bot soll­te auch Kul­tur Platz ha­ben, mit Ki­no und Kon­zer­ten. Für den Win­ter war ein Ma­ro­ni­stand vor­ge­schla­gen, aber auch Ker­zen­zie­hen. Die­ses Kon­zept war der Ju­ry dann aber zu pri­vat und zu kom­mer­zi­ell. 

Skizze der Gelateria di Berna ... 

Skizze der Gelateria di Berna ... 

... und Visualisierung des Kollektivs Vogelfrei. 

... und Visualisierung des Kollektivs Vogelfrei. 

Ein aus St.Gal­ler Ar­chi­tekt:in­nen be­stehen­des Kol­lek­tiv mit dem Na­men Vo­gel­frei woll­te aus der Vo­lie­re ein Zen­trum für Stadt­ge­stal­tung ma­chen. Hier hät­ten Ar­chi­tek­tur und Bau­kul­tur ver­mit­telt wer­den kön­nen. Zu­sätz­lich soll­te die Vo­lie­re auch Raum für künst­le­ri­sche und kul­tu­rel­le Ak­ti­vi­tä­ten bie­ten. Das Kol­lek­tiv Vo­gel­frei ar­bei­te­te die Ge­schich­te der Vo­lie­re de­tail­liert auf und zeig­te, dass die Ron­del­le auf dem Markt­platz ei­ne gros­se Ähn­lich­keit mit der ers­ten Vo­lie­re auf­weist, dem Rund­bau mit Turm. Des­halb schlug das Kol­lek­tiv vor, die Ron­del­le vom Markt­platz in die Nä­he der Vo­liè­re in den Stadt­park zu ver­le­gen und dort ei­ne Gas­tro­nut­zung ein­zu­rich­ten. Das de­tail­liert aus­ge­ar­bei­te­te Kon­zept hat­te auch die Un­ter­stüt­zung der Ar­chi­tek­tur­ver­bän­de, aber die Ju­ry konn­te sich nicht für die­sen Vor­schlag ent­schei­den.

Ein wei­te­res Pro­jekt woll­te mit der Tex­til­fach­schu­le zu­sam­men­ar­bei­ten und ei­ne Aus­leih­sta­ti­on für Out­door-Kis­sen ein­rich­ten. In­dus­trie­fir­men für die Stoff­her­stel­lung, die Kis­sen­fül­lun­gen und den Druck der Über­zü­ge wur­den be­reits an­ge­fragt. Al­le Ma­te­ria­li­en soll­ten Kreis­lauf­wirt­schaft-taug­lich sein und mit dem Ver­kauf der Kis­sen soll­te der Be­trieb fi­nan­ziert wer­den. Die­ses Pro­jekt be­ur­teil­te die Ju­ry wirt­schaft­lich als zu we­nig trag­fä­hig.

Der Vorschlag des Kulturmuseums für eine Keramikwerkstatt. 

Der Vorschlag des Kulturmuseums für eine Keramikwerkstatt. 

Auch das an­gren­zen­de Kul­tur­mu­se­um be­warb sich mit ei­nem Pro­jekt und nann­te es Tsu­ru, das ja­pa­ni­sche Wort für den Kra­nich als Be­zug zur Vo­lie­re: Mit ei­ner Ke­ra­mik­werk­statt, in der Roh­lin­ge be­malt und nach­her ge­brannt wer­den. So woll­te das Mu­se­um tra­di­tio­nel­le Hand­werks­tech­ni­ken ver­mit­teln. Zu­sätz­lich soll­te ein klei­nes Kaf­fee ein­ge­rich­tet wer­den. Ei­ne schö­ne Idee, be­fand die Ju­ry, doch das Kul­tur­mu­se­um könn­te dies ja im ei­ge­nen In­nen­hof an­bie­ten. Das Mu­se­um aber be­ton­te, dass es be­wusst ein An­ge­bot aus­ser­halb der Mu­se­ums­mau­ern auf­bau­en woll­te. 

Hüh­ner fol­gen auf Vö­gel

Ent­schie­den hat sich die Ju­ry für die «Mai­son des œufs», das Ei­er­haus des Ver­eins Grü­nes Gal­lus­tal. In ei­nem er­wei­ter­ten Ge­he­ge mit ei­nem deut­lich grös­se­ren Vo­lu­men als die frü­he­ren Vo­gel­kä­fi­ge sol­len künf­tig Ap­pen­zel­ler Spitz­hau­ben­hüh­ner oder an­de­re hei­mi­sche Hüh­ner­ras­sen le­ben und haut­nah be­ob­ach­tet wer­den kön­nen. In Zu­sam­men­ar­beit mit Pro Spe­zia Ra­ra soll auch Nach­wuchs ge­züch­tet wer­den. Die Hal­tung wird tier­ge­recht sein, samt ei­ge­ner Kom­pos­tie­rung. Zur Fi­nan­zie­rung des Pro­jekts wer­den Ei­er, aber auch Pflan­zen­setz­lin­ge ver­kauft. 

Ge­tra­gen wird der Be­trieb von ei­nem noch zu grün­den­den Ver­ein, ana­log je­nem, der sich ums Are­al Bach küm­mert, in das Grü­nes Gal­lus­tal eben­falls in­vol­viert ist. Das Kon­zept sieht für den Un­ter­halt des Hüh­ner­ho­fes und den Hof­la­den ei­ne 40-Pro­zent-Stel­le vor. Die Vo­lie­re wer­de so zum Lern­ort für Schü­ler:in­nen. Leh­rer:in­nen des Spel­te­ri­ni-Schul­hau­ses und der Ta­ges­be­treu­ung Ger­hal­den ha­ben be­reits ihr In­ter­es­se an der Mit­ar­beit be­kun­det. Zu­sätz­lich schlägt die­ses Kon­zept vor, den Teich na­tur­nah um­zu­ge­stal­ten und die Be­ton­mau­ern rund­um zu be­sei­ti­gen. Ob dies an­ge­sichts der stren­gen Kos­ten­vor­ga­ben der Stadt ge­lin­gen wird, ist aber of­fen.

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