, 3. Oktober 2017
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«Tagblatt»-Strategie made in Cirih

Die Kommentare reichten von bedauernd bis hämisch: Die NZZ-Regionalmedien lagern ihr Korrektorat nach Bosnien aus. Es gibt aber Widerstand, sogar im eigenen Laden. Riskiert das «Tagblatt» seine sprachliche Glaubwürdigkeit? Der publizistische Leiter Pascal Hollenstein relativiert.

«Korrektorat ist gleich nebenan», titelt «Der Rheintaler» in der letzten Donnerstags-Ausgabe auf seiner lokalen Frontseite. Und behauptet sich damit als «gallisches Dorf» innerhalb der Kopfblätter des «Tagblatts»: Das Korrektorat bleibe nämlich im Rheintal erhalten, und dies «keine zehn Schritte» weg von der Redaktion. «Rheintaler» und «Rheintalische Volkszeitung» hätten schliesslich immer mal wieder Auftragsvergaben ins Ausland kritisiert – und blieben dieser Haltung treu, auch wenns ums eigene Blatt geht, schreibt Chefredaktor Gert Bruderer.

«Der Rheintaler» kann das tun, weil er als Verlag selbständig geblieben ist. Alle anderen «Tagblatt»-Regionalausgaben gehören der NZZ und unterstehen damit dem neuen Regime, das Zürich vor zwei Wochen bekanntgegeben hatte: Das Korrektorat werde teilweise ausgelagert an einen externen Anbieter im bosnischen Banja Luka; neun Stellen gingen verloren, vier davon durch Frühpensionierungen, fünf durch Entlassungen. Die Gewerkschaft Syndicom hat protestiert und gefordert, dass auch bei einer Auslagerung der Arbeit ins Ausland die hiesigen GAV-Standards eingehalten werden müssten.

Auf Anfrage bekräftigt der zuständige Syndicom-Mann Roland Kreuzer die Forderung, räumt aber zugleich ein, dass sie schwierig durchzusetzen sei. Die Differenzen sind denn auch beträchtlich: Der Mindestlohn gemäss GAV beträgt laut Syndicom 4200 Franken brutto, inbegriffen die üblichen Sozialleistungen und Ferienansprüche. In Banja Luka wird ein Stundenlohn von 13.50 Franken bezahlt.

Den Job übernimmt die in Griesheim bei Darmstadt beheimatete Firma tool-e-byte GmbH. Neben ihrem Hauptsitz in Deutschland betreibt sie Tochterfirmen in Banja Luka (Bosien-Herzegowina) und Madrid. Die Website gibt zudem einen Ableger in Indien an. «Mit mehr als 75 Mitarbeitern unterstützen wir deutsche Firmen (Verlage, Online Shop Anbieter) bei der Verbesserung ihres Contents», schreibt das Unternehmen über sich.

«Korrektorat ist auch Faktenprüfung»

Banja Luka? Kommt das gut? Pascal Hollenstein, der publizistische Leiter der NZZ-Regionalmedien, hat den Entscheid verteidigt, unter anderem auf Facebook: Die Auslagerung mache es möglich, keinen «Kahlschlag in der Redaktion» durchzuführen. Der Entscheid sei hart, aber «clever» angesichts der Alternative, ganz aufs Korrigieren zu verzichten. Unter den künftigen Korrektorinnen seien viele ehemalige Flüchtlinge, die während des Jugoslawienkrieges in deutschsprachigen Ländern Zuflucht gefunden haben, viele hätten Germanistik studiert. Und würden jetzt mit den Eigenheiten des Schweizer Hochdeutsch vertraut gemacht.

Ob das ausreicht, bezweifelt etwa Markus Schütz, langjähriger Korrektor des «Bund», in der «Medienwoche». Korrektorat lebe noch immer von der physischen Nähe zu Redaktion und Layout, schreibt Schütz. Und es leiste über die sprachliche Fehlerkontrolle hinaus auch Faktenprüfung. Etwa bei Namensschreibungen, bei falschen Bildlegenden und all den lokalen Eigenheiten, die nur kennt, wer einigermassen heimisch ist. «In der Sprache ist man der Leserschaft nahe.» Dafür reiche der Duden oder ein Crashkurs in Helvetismen nicht aus.

Zweifel kommen einem auch, wenn man die Stellenausschreibung des Unternehmens liest: «Von einem namhaften deutschsprachigen Zeitungsverlag wurden wir beauftragt, das Korrektorat von bis zu 30’000 Seiten, 365 Tage im Jahr, zu übernehmen», heisst es dort. Gesucht würden deshalb geeignete Leute: «Sie haben idealerweise in der Schweiz oder im deutschsprachigen Raum mehrere Jahre gelebt und vielleicht sogar Germanistik oder Journalismus studiert? Ihnen macht es Spass, Texte zu lesen und  zu korrigieren? Dann sind Sie bei uns genau richtig.»

«Nicht aus Jux und Tollerei»

Aufgesetzt worden ist die Ausschreibung am 7. September, knapp zwei Wochen, bevor die NZZ ihr Outsourcing bekanntgegeben hat, im gleichen Atemzug mit der Nachricht, dass die «Ostschweiz am Sonntag» ab November nur noch in elektronischer Form erscheint. Das «internationale Team» für das künftige Korrektorat muss also erst noch aufgebaut werden? Und was bedeutet es, dass das Korrektorat «teilweise» ausgelagert wird, wie es in der NZZ-Mitteilung heisst?

«Wir machen das nicht aus Jux und Tollerei», sagt Pascal Hollenstein auf Anfrage von Saiten. Aber der Spardruck sei da – und unter diesen Voraussetzungen sei ihm eine Einbusse beim Korrektorat lieber als beim Inhalt. Andere Regionalzeitungen hätten das Korrektorat ganz gestrichen, ohne dass ein «Aufschrei» durch die Medien ging wie jetzt im Fall der NZZ-Blätter. «Ich mache mir keine Illusionen: Hundertprozentig die gleiche Qualität wie bisher werden wir vermutlich nicht erreichen. Aber es ist viel besser, als gar nicht mehr zu korrigieren.»

Die Auslagerung betrifft die Lokal- und Regionalseiten. Der Mantelteil wird weiterhin in Luzern und St.Gallen korrigiert. Und auch die Schlussrevision aller Seiten passiere weiterhin hier, verspricht Hollenstein. Konkret: Texte werden im 4-Augen-Prinzip in der Redaktion gelesen und vom Auto-Korrektursystem auf Rechtschreibung geprüft. Dann gehen sie an die Korrektorin in Banja Luka oder auch sonstwo, die bei Zweifelsfällen rückfragt. Ihre Aufgabe: Orthografie und Grammatik zu kontrollieren. «Stilistisches Lektorat oder Faktenprüfung wäre eine Überforderung des Korrektorats», sagt Hollenstein; das sei Sache der Redaktion. Hingegen seien Helvetismen und regionale Sonderschreibungen lern- und kontrollierbar, auch dank einem ausführlichen «Vademecum» der Redaktionen. Die Schlussrevision (Kontrolle von Titeln, Leads und Bildlegenden) geschieht dann wieder in St.Gallen und Luzern.

«Kein Anlass zu Jugowitzen»

Jeder Schreibfehler mehr bedeutet einen Glaubwürdigkeitsverlust für die Zeitung: Das ist eine alte Erfahrung. Die Sprache ist das Transportmittel nicht nur von Inhalten; ist sie fehlerhaft, traut man auch den Fakten nicht mehr. Hollenstein weiss das und macht sich auch darauf gefasst, dass man künftig jeden Tippfehler «Banja Luka» anlasten wird. Unfair, findet er und ärgert sich, dass in den sozialen Medien die geplante Auslagerung als «Steilvorlage für jugofeindliche Kommentare» missbraucht worden sei. Er sei in Banja Luka gewesen und habe einen ausgezeichneten Eindruck von den Mitarbeiterinnen dort gewonnen. «Das sind topausgebildete Leute.»

Über den genauen Spareffekt gibt die NZZ keine Auskunft. Über eine halbe Million Franken jährlich dürften es aber sein. Ob sich dies lohnt im Verhältnis zum Image- und Qualitätsverlust, den die Auslagerung bedeutet, wird man sehen. Hollenstein sieht sie als «kreative Lösung» im finanziell schwierigen Umfeld.

Und wie steht das Unternehmen zur Forderung der Gewerkschaft Syndicom, auch bei einer Auslagerung auf der Einhaltung der Schweizer GAV-Standards zu bestehen? «Wir bezahlen diese Löhne nicht, aber wir haben vertraglich sichergestellt, dass überall standortgerechte Löhne bezahlt werden», antwortet die Leiterin der NZZ-Kommunikation, Myriam Käser. Die Umstellung werde im übrigen rollend geschehen: «Die Korrektoratsabteilung in Banja Luka ist in Betrieb. Die Organisation der Korrektoratsdienstleistung obliegt unserem deutschen Partner.»

Zweifel bleiben. Schöne Aussichten für das «St.Gallener Tagblatt» und seine «Züricher» Besitzer, kommentierte etwa ein Leser auf Facebook bissig. Und man könnte frotzeln, der Entscheid sei «typisch Cirih» (so schreibt sich die Stadt auf serbokroatisch). Aber im Ernst und bei allem Respekt für die zweifellos hoch motivierten künftigen Korrektorinnen, die in Bosnien dem «Tagblatt» den letzten Schliff geben werden: Es wird nicht leicht sein, die Zeitung sprachlich und orthografisch auf ihrem (schon jetzt nicht fehlerfreien) Niveau zu halten. Und dies ausgerechnet im Regionalteil, der nah bei den Leuten und damit auch bei ihren Sprach-Sensibilitäten sein will und sein muss.

Die Stadtredaktion muss zügeln

Allerdings ist es mit der Nähe auch geografisch bald zu Ende: Das «Tagblatt» zieht seine Stadtredaktion voraussichtlich im Frühling aus dem Gebäude am Oberen Graben ab in die Zentrale an der Fürstenlandstrasse. Damit geht nicht nur ein Stück Erreichbarkeit verloren, sondern auch ein Stück Geschichte: In diesem Haus arbeitete die Redaktion der «Ostschweiz» bis zu deren Untergang 1997 . Danach übernahm das «Tagblatt» die Räumlichkeiten. Bald bleibt vom einstigen lokalen Neuigkeiten-Zentrum nur noch das Cafè namens «News» (immerhin nicht «Bad News») übrig.

1 Kommentar zu «Tagblatt»-Strategie made in Cirih

  • Pia Ammann sagt:

    Hallo Saiten! Vielleicht sollte man abklären, wem genau diese Firma tool-e-byte GmbH in Deutschland gehört? Also wer der oder die Kapitalgeberin ist? Würde mich nicht wundern, wenn diese Firma einem/einer Schweizer/Schweizerin gehört..

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