«Wir müssen das bisherige Narrativ nicht übernehmen. Es heisst nicht Schweizer*innen gegen Ausländer*innen. Es ist mehr eine antirassistische, feministische, progressive Kraft gegen Ideen, deren Zeit schon lange abgelaufen ist», sagt der St.Galler Historiker Cenk Akdoğanbulut über die antirassistische Bewegung.
Im neuen Diskussions-Format «We Talk. Schweiz ungefiltert» sind Menschen mit Migrationsgeschichte Gäste, Gastgeber*innen und Produzent*innen. Die Plattform soll Raum für mehr Selbstermächtigung, Repräsentation, Mitsprache und politische Teilhabe schaffen.
Cenk Akdoğanbulut
In der ersten Online-Ausgabe diskutieren Cenk Akdoğanbulut, die Juristin Lejla Medii, die Black Lives Matter-Aktivistin Samantha Wanjiru und St.Gallens Stadtpräsidentin Maria Pappa mit Moderator Mardoché Kabengele, was es heisst, eine Migrationsgeschichte zu haben, über strukturellen Rassismus und darüber, dass Entscheidungen, die nicht gefällt werden, auch Entscheidungen sind.
Gesellschaftspolitische Ohnmacht und Spaltung überwinden
Empowerment ist der Begriff der unausgesprochen in der Luft schwebt – es geht um den Prozess der Selbstermächtigung. «Wir möchten nicht mehr vage skizziert werden, warten oder sogar darauf hoffen, dass wir nach unserer Meinung gefragt werden oder diese korrekt wiedergegeben wird», sagt das Kollektiv.
Samantha Wanjiru
Mehr als ein Drittel der in der Schweiz lebenden Menschen haben Migrationsgeschichte, zeitgleich wird dieses Drittel im öffentlich gesellschaftlichen Leben oder in den Medien unterrepräsentiert oder stereotypisiert dargestellt. Die Initiant*innen von «We Talk. Schweiz ungefiltert» – ein Zusammenschluss der Initiative Berner Rassismusstammtisch, dem Kollektiv Ostwind – Ostschweiz mit Migrationsvorsprung und dem Förderverein des Instituts Neue Schweiz – wollen das ändern.
Ziel der Bestrebungen ist es, den Diskurs in die Richtung von Diversität und dem damit verbundenen Gewinn an Reichtum von Wissen, Erfahrungen und Begabungen zu lenken.
«Verschiedenste Menschen aus unserem Kollektiv sind in den Bereichen Antirassimus, Migration und Feminismus lokal und national breit vernetzt. Seit der Ermordung von George Floyd und der Black Lives Matter-Bewegung ist eine neue antirassistische Selbstverständlichkeit da, welche dank jahrzehntelanger Vorarbeit von Aktivist*innen, Forscher*innen und Menschen in Politik, Bildungs- und Kulturarbeit gegen den zunehmenden Rechtspopulismus nun spürbar und breiter gelebt wird», erklärt das Kollektiv.
Legitimierter Rassismus in Institutionen
«Seien es Universitäten, die SBB, Polizei, Kitas, Spitäler oder Verwaltungen – keine dieser Institutionen würde von sich behaupten, institutionell oder gar strukturell rassistisch zu sein oder dementsprechend zu handeln. Dennoch lässt sich feststellen, dass Menschen mit Migrationsvorsprung und -geschichte, weniger an Universitäten vertreten sind, häufiger von der Polizei kontrolliert werden und durchschnittlich länger auf Zusagen, sei es für den Job oder eine neue Wohnung, warten müssen oder sie schlichtweg nicht als ‹richtige› Schweizer*innen gelten», so das Kollektiv.
Moderator Mardoché Kabengele
Reale Praxis in der Schweiz ist etwa das Racial Profiling. Es bezeichnet ein nach Stereotypen und äusserlichen Merkmalen basierendes Agieren von Polizeibeamt*innen, nachdem eine Person aufgrund nationaler Herkunft, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit als verdächtigt eingestuft wurde.
Bezüglich der Chancen auf dem Arbeitsmarkt wurde mit einer Studie der Neuenburger Universität von 2020 bestätigt, dass Schweizer*innen mit ausländischer Herkunft 30 Prozent mehr Bewerbungen einreichen müssen, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Besonders zwei Gruppen sind davon betroffen: Menschen mit balkanischen und afrikanischen Namen.
«We Talk. Schweiz ungefiltert» ist ab sofort zweiwöchentlich mit immer neuen Themen als Video- und Audiopodcast online.
we-talk.ch
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Die alte Idee der Differenz
Struktureller Rassismus, auch institutionalisierter Rassismus genannt, ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Er äussert sich unter anderem durch ein gesellschaftlich legitimiertes Klassifikationssystem, in Form von Gesetzen und Normen, das Menschen, einer binären Logik folgend, für dazugehörig oder nicht einstuft. Diese Ausschlussmechanismen bieten oder verbieten Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen.
«Es gilt zu verstehen, dass diese tief verankerte und verinnerlichte gesellschaftliche Struktur, diese Denk- und Handlungsweisen des Ungleichmachens – die wir alle kennen – von wenigen Privilegierten geschaffen und von uns allen akzeptiert wurden», sagen die Mitglieder des Kollektivs We Talk.
Und genau darum braucht die Schweiz mehr Geschichten aus migrantischer Perspektive. Um diese alten Ideen, von denen Akdoğanbulut spricht, deren Zeit wirklich schon lange abgelaufen ist, endgültig in die Tonne zu hauen.
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Theater
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Musik
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