, 26. März 2018
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Tango statt Auto

Die Appenzeller Bahnen fahren künftig im Takt des Tango. So heissen die neuen Züge. Der erste rollte am Montag testhalber aus dem Depot Speicher. Er soll noch mehr Pendler auf die Schiene holen.

Bilder und Video: Erich Gmünder/Tüüfner Poscht. Titelbild: Su.

Die Bezüge seien strapazierfähig auch bei Ketchup- und Hotdog-Attacken, verspricht der Bahndirektor. Auch andere Vorzüge von der Klimaanlage bis zum Brandsicherheit sieht man den neuen Wagen nicht auf Anhieb an. Was man jedoch sieht: Die von Stadler Rail produzierten Züge sind mit 52,6 Meter deutlich länger als die heutigen Wagen, sie bestehen aus zwei aneinandergekoppelten Halbzügen (mit 147 Sitzplätzen, davon 12 in der 1. Klasse, und 218 Stehplätzen), haben bequeme Niederflureinstiege und die gewohnte knallrote Farbe.

 

Modernisiert wird umfassend. Elf Züge haben die AB in Bussnang bestellt, sie werden circa im Dreiwochentakt ankommen und kosten 96 Millionen Franken. Dazu werden weitere 90 Millionen verbaut, der weitaus grösste Betrag für den Ruckhaldentunnel, daneben für den Durchmesserbahnhof, für Perronverlängerungen, Gleisausbauten, den Depotumbau in Speicher, neue Betriebsgebäude in Teufen und Appenzell und weiteres.

Es sei «keine Selbstverständlichkeit», dass im Appenzellerland ein solches Infrastrukturprojekt realisiert werden könne, sagt Verwaltungsratspräsident Fredy Brunner. Die ersten neuen Züge werden ab August 2018 unterwegs sein und laufend in den Fahrgastbetrieb genommen. Bis dahin werden die Fahrzeuge getestet.

Das dreifache Ziel umschreibt AB-Direktor Thomas Baumgartner an der Medienorientierung so: Der Kundennutzen soll steigen, dank neuen Zügen und dichterem Fahrplan. Betrieb und Unterhalt sollen effizienter und die Sicherheit vor allem an Bahnübergängen verbessert werden.

Am Montag zeigt sich bei der Medienbesichtigung: Der Tango fährt, er pfeift ausgesprochen laut, er ist bequem und wirbt auf witzigen Einnähern im Polster damit, dass die Appenzeller Bahnen in allen Lebenslagen nützlich seien: AB i d Stadt, AB in Alpstee, AB a d Ärbet, a d Olma, an Mätsch und is Theater, aber auch AB a s Meer oder AB is Bett.

Die «Charmeoffensive» (Baumgartner) kann die Bahn tatsächlich brauchen. Zum einen hat sie im Zug der Modernisierung auch unpopuläre Entscheide gefällt: Die Bahnschalter in Speicher und Teufen gibt es nicht mehr, zudem ist in Trogen der Abbruch und Neubau des alten Bahnhofs umstritten.

Millionen für Material, und kein Geld für Personal? Die Bahnleitung sieht das anders. Was kaum noch nachgefragt werde, könne nicht aufrechterhalten werden. Die Schliessung sei eine Reaktion auf das veränderte Kundenverhalten, Stichwort Swiss-Pass, und die Digitalisierung, sagt Fredy Brunner. Die Ticket-App sei stark gefragt. Und insgesamt gebe es keine Angebotsverschlechterung: In Speicher ersetzt künftig (wie in Teufen schon jetzt) ein Laden mit Billetausgabe den bisherigen Schalter.

Blick zurück nach vorn: Fredy Brunner, Verwaltungsratspräsident, und AB-Direktor Thomas Baumgartner.

Zum andern hofft die Bahn auf zusätzliche Umsteigerinnen und Umsteiger – Städter Fredy Brunner richtete seinen Appell ausdrücklich an die Appenzeller Autopendler, mit Blick vor allem auf den Engpass an der Teufenerstrasse. Dieser wird im nächsten Halbjahr auch die Bahnpassagiere beschäftigen: Am Ostermontag, 2. April um 21.40 Uhr fährt der letzte Zug via Ruckhalde, danach verkehren bis zur Tunneleröffnung am 7. Oktober Busse. Sie brauchen vier Minuten länger – dafür verkürzt sich danach die Reisezeit nach Teufen um sechs Minuten.

Das Ziel, Ende 2021, wenn auch die Durchfahrt durch Teufen doppelspurig realisiert sein wird, heisst: In 31 Minuten und im Viertelstundentakt von Appenzell nach St.Gallen. Heute sind es 44 Minuten.

Zukunftsmusik bleibt vorerst noch die selbstfahrende Appenzellerbahn. Das wäre technisch zwar bereits heute denkbar, sagt Fredy  Brunner auf Nachfrage, aber noch fehle die gesellschaftliche Akzeptanz. Die Testfahrt des ersten Tango, gesteuert von einer leibhaftigen Lokomotivführerin, fand aber auch so viel mediale Aufmerksamkeit.

1 Kommentar zu Tango statt Auto

  • Remo sagt:

    Jetzt müssen die Appenzellerbahnen nur noch ihre Bahnhöfe langsam mal schöner gestalten.

    Der in Herisau ist ja optisch eine einzige Schande.

    Und auch die Stufen der neu (!) erstellten Unterführung können sie dann gleich mal rausmeißeln.

    Sie sind so schmal, daß nicht mal 2/3tel eines Schuhes bzw. der Schuhsohle Platz haben dort.

    Was soll das, eine neue Unterführung zu bauen und solche Stufen (das sowas überhaupt erlaubt ist? – ist es das?) zu bauen.

    Das ist gefährlich. Man stürzt total schnell. Wer schonmal nach einem Sturz im Spital war, weiß, wovon ich spreche…

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