Der Tanzsaal ist in helles warmes Licht getaucht. Auf einer Seite erstreckt sich über die ganze Länge des Raums ein Ballettspiegel. Elektronische Musik klingt aus einer Ecke: klirrend, fein, leicht verspielt und doch klar strukturiert.
Mitten im Raum liegt eine junge Frau auf dem Boden. Sie ist zierlich, das dunkle Haar umrahmt ihr feines Gesicht. Mit rundem Rücken, Kafkas Käfer gleich, versucht sie mit schaukelnden Bewegungen ihren Körper aufzurichten. Hin und her und vor und zurück. Geschafft! Nun sitzt sie in der Hocke, richtet sich langsam auf und schleicht zaghaft, wie ein Tier, das vor dem Fressfeind auf der Hut ist, durch den Raum. Sie streckt die Arme, läuft in Richtung Spiegelwand, schaut mit weit geöffneten Augen und durchdringendem Blick in ihr Ebenbild.
Ein gellender Schrei erklingt, ruckartig rennt sie los, in schnellen, tippelnden Schritten, sich zeitgleich immer wieder abwechselnd mit beiden Handinnenflächen über den Brustkorb wischend. Sie wird schneller, breitet die Arme wie Flügel aus, flattert, schneller, immer schneller, um dann jäh in sich zusammenzubrechen. Immer wieder versucht sie die Flügel zu spannen, doch die vergeblichen Anläufe verpuffen nur kostbare Energie.
Eins mit sich selbst
Nadika Mohn steht auf, ihre Gesichtszüge entspannen sich schlagartig. Lachend gibt sie bei unserem Probenbesuch Anfang August zu verstehen: «Bis zu diesem Punkt ist das Stück schon ziemlich, wie es sein sollte. Der Rest ist noch in Arbeit.» Seit geraumer Zeit trainiert die aus Trogen stammende Bühnentänzerin im Athletikzentrum an der Performance ihres Stücks EINSamkeit.
Nadika Mohn. (Bilder: Andreas Lott)
In der Entwicklung ihres Debut-Solos wurde sie von Marco Santi begleitet, im Rahmen von dessen Coaching- und Vernetzungs-Projekt für die freie Tanzszene in St.Gallen. «Marco Santi sorgte unter anderem dafür, dass meine Performance und Choreografie nicht zu abstrakt werden und verständlich bleiben. Er war eine grosse Hilfe für mich. Es ist mir wichtig, dass die hintergründige Botschaft beim Publikum ankommt», sagt die 26-Jährige.
Die Idee zum Stück hat sich aus unterschiedlichen Beweggründen entwickelt und nach und nach zu einem Ganzen geformt. Nadika Mohn hatte gerade die Ausbildung zur Bühnentänzerin, die sie in Berlin und Rom absolvierte, abgeschlossen und keine weiteren Projekte in unmittelbarer Aussicht. Zuvor betrieb die 26-jährige eine erfolgreiche Spitzensportkarriere in der Rhythmischen Gymnastik, wofür sie eng mit Marianne Fuchs, der ehemaligen Ballettleiterin der Companie St. Gallen, zusammenarbeitete.
Mit der Pandemie war auf einmal sehr viel Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. «Für mich bedeutet Einsamkeit, sich nicht verstanden zu fühlen, nicht zu wissen, was anzufangen mit der Zeit. Einsamkeit stellt eine Leere dar, die zugleich auch Raum für eine Transformation bieten kann. Ich habe das Gefühl, dass durch die Pandemie das Erleben von Einsamkeit für viele sehr präsent war und darum mittlerweile mehr Verständnis dafür besteht», sagt Mohn.
Die Beschäftigung mit dem Selbst, als sozusagen kleinste Einheit, liess sie an Milian Mori denken. Die beiden hatten zu einem früheren Zeitpunkt für einen Tanz- und Choreografiewettbewerb in Brüssel zusammengearbeitet.
Formeln, die Rhythmen generieren
In der Mathematik ist die Eins ein Synonym für Einheit. Die Zahl Eins ist Identitätselement und Hüterin der Ordnung. Als kleinste, positive, ganze Zahl steht sie in Relation zum Tanzstück, sowohl als eine symbolische Metapher – im Sinne von eins sein mit sich selbst sein – als auch als Werkzeug.
Aufführungen: 4., 5., 7. September, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen, 24./25. September 20 Uhr Schulhaus Nideren Trogen, 2. Oktober, 20 Uhr, Lindensaal Teufen
nadikamohn.ch
Der 27-jährige Komponist und Künstler Milian Mori, der für Nadika Mohn die Musik komponiert hat, benutzt Zahlen als Werkzeuge. «Es war nicht einfach eine Sprache zu finden, die Authentizität besitzt und eine Stunde lang konsequent und kompromisslos funktioniert. Nach wochenlanger Suche habe ich mich dann für eine kurze rhythmische Struktur entschieden, der ich stundenlang zuhören konnte», sagt er.
Seine Kompositionen setzen sich zusammen aus Minimal Music, Serialismus und zeitgenössischer Musik, welche mit Codes, Pixeln und Frequenzen funktioniert. Mori hat mit einem eigens programmierten Instrument, das mittels Formeln Klänge und Rhythmen erzeugt, die Struktur für die Tanzmusik gefunden.
Kindliche Emotionen als Inspiration
Nadika Mohns Arbeitsprozess hingegen basiert auf Inspiration aus dem Alltag und Beobachtung ihrer Selbst. Auf die Frage, wie sie die Choreografie entwickelt hat, lächelt sie verschmitzt: «Ich lasse mich immer wieder inspirieren. In den Workshops für Kinder, die ich geleitet habe, sehe ich, wie Kinder affektiv agieren, ohne sich zu viele Gedanken zu machen. Diese Beobachtungen nutze ich für meine Choreografie. Ich gehe Schritt für Schritt vor, mich im Spiegel kontrollierend, die Musik miteinbeziehend, und erhalte so nach und nach eine Struktur.»
Nadika Mohn schafft es, ihr erstes Solotanzdebut in einer sehr essenziellen, abstrakten Sprache zu erzählen. Schwierig sei jetzt der noch zu entwickelnde Teil, der sich humoristischer und fröhlicher gestalten soll: die Reise aus der Einsamkeit hinaus.
Das «Rote Velo» rollt wieder an: Die Tanzkompanie um Exequiel Barreras und Hella Immler spielt in der Grabenhalle ihr neues Stück «Uppercut». Und will die freie Szene in St.Gallen beleben.
Das Schicksal brachte die mexikanische Malerin zu ihrer Kunst. Am Samstag hatte das Tanzstück «Frida Kahlo» von Philipp Egli am Theater St. Gallen Premiere. Stefan Späti war beeindruckt.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.