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Tanz durch die Einsamkeit

Am 4. September hat das Debut-Solotanzstück «EINSamkeit» von Nadika Mohn in der Lokremise St.Gallen Premiere. Die junge Tänzerin zeigt eine berührende Auseinandersetzung mit einem durch die Pandemie noch verstärkten Gefühl. Ein Probenbericht von Sandra Cubranovic.
Von  Gastbeitrag

Der Tanzsaal ist in helles warmes Licht getaucht. Auf einer Seite erstreckt sich über die ganze Länge des Raums ein Ballettspiegel. Elektronische Musik klingt aus einer Ecke: klirrend, fein, leicht verspielt und doch klar strukturiert.

Mitten im Raum liegt eine junge Frau auf dem Boden. Sie ist zierlich, das dunkle Haar umrahmt ihr feines Gesicht. Mit rundem Rücken, Kafkas Käfer gleich, versucht sie mit schaukelnden Bewegungen ihren Körper aufzurichten. Hin und her und vor und zurück. Geschafft! Nun sitzt sie in der Hocke, richtet sich langsam auf und schleicht zaghaft, wie ein Tier, das vor dem Fressfeind auf der Hut ist, durch den Raum. Sie streckt die Arme, läuft in Richtung Spiegelwand, schaut mit weit geöffneten Augen und durchdringendem Blick in ihr Ebenbild.

Ein gellender Schrei erklingt, ruckartig rennt sie los, in schnellen, tippelnden Schritten, sich zeitgleich immer wieder abwechselnd mit beiden Handinnenflächen über den Brustkorb wischend. Sie wird schneller, breitet die Arme wie Flügel aus, flattert, schneller, immer schneller, um dann jäh in sich zusammenzubrechen. Immer wieder versucht sie die Flügel zu spannen, doch die vergeblichen Anläufe verpuffen nur kostbare Energie.

Eins mit sich selbst

Nadika Mohn steht auf, ihre Gesichtszüge entspannen sich schlagartig. Lachend gibt sie bei unserem Probenbesuch Anfang August zu verstehen: «Bis zu diesem Punkt ist das Stück schon ziemlich, wie es sein sollte. Der Rest ist noch in Arbeit.» Seit geraumer Zeit trainiert die aus Trogen stammende Bühnentänzerin im Athletikzentrum an der Performance ihres Stücks EINSamkeit.

Nadika Mohn. (Bilder: Andreas Lott)

In der Entwicklung ihres Debut-Solos wurde sie von Marco Santi begleitet, im Rahmen von dessen Coaching- und Vernetzungs-Projekt für die freie Tanzszene in St.Gallen. «Marco Santi sorgte unter anderem dafür, dass meine Performance und Choreografie nicht zu abstrakt werden und verständlich bleiben. Er war eine grosse Hilfe für mich. Es ist mir wichtig, dass die hintergründige Botschaft beim Publikum ankommt», sagt die 26-Jährige.

Die Idee zum Stück hat sich aus unterschiedlichen Beweggründen entwickelt und nach und nach zu einem Ganzen geformt. Nadika Mohn hatte gerade die Ausbildung zur Bühnentänzerin, die sie in Berlin und Rom absolvierte, abgeschlossen und keine weiteren Projekte in unmittelbarer Aussicht. Zuvor betrieb die 26-jährige eine erfolgreiche Spitzensportkarriere in der Rhythmischen Gymnastik, wofür sie eng mit Marianne Fuchs, der ehemaligen Ballettleiterin der Companie St. Gallen, zusammenarbeitete.

Mit der Pandemie war auf einmal sehr viel Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. «Für mich bedeutet Einsamkeit, sich nicht verstanden zu fühlen, nicht zu wissen, was anzufangen mit der Zeit. Einsamkeit stellt eine Leere dar, die zugleich auch Raum für eine Transformation bieten kann. Ich habe das Gefühl, dass durch die Pandemie das Erleben von Einsamkeit für viele sehr präsent war und darum mittlerweile mehr Verständnis dafür besteht», sagt Mohn.

Die Beschäftigung mit dem Selbst, als sozusagen kleinste Einheit, liess sie an Milian Mori denken. Die beiden hatten zu einem früheren Zeitpunkt für einen Tanz- und Choreografiewettbewerb in Brüssel zusammengearbeitet.

Formeln, die Rhythmen generieren

In der Mathematik ist die Eins ein Synonym für Einheit. Die Zahl Eins ist Identitätselement und Hüterin der Ordnung. Als kleinste, positive, ganze Zahl steht sie in Relation zum Tanzstück, sowohl als eine symbolische Metapher – im Sinne von eins sein mit sich selbst sein – als auch als Werkzeug.

Aufführungen:
4., 5., 7. September, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen,
24./25. September 20 Uhr Schulhaus Nideren Trogen,
2. Oktober, 20 Uhr, Lindensaal Teufen

nadikamohn.ch

Der 27-jährige Komponist und Künstler Milian Mori, der für Nadika Mohn die Musik komponiert hat, benutzt Zahlen als Werkzeuge. «Es war nicht einfach eine Sprache zu finden, die Authentizität besitzt und eine Stunde lang konsequent und kompromisslos funktioniert. Nach wochenlanger Suche habe ich mich dann für eine kurze rhythmische Struktur entschieden, der ich stundenlang zuhören konnte», sagt er.

Seine Kompositionen setzen sich zusammen aus Minimal Music, Serialismus und zeitgenössischer Musik, welche mit Codes, Pixeln und Frequenzen funktioniert. Mori hat mit einem eigens programmierten Instrument, das mittels Formeln Klänge und Rhythmen erzeugt, die Struktur für die Tanzmusik gefunden.

Kindliche Emotionen als Inspiration

Nadika Mohns Arbeitsprozess hingegen basiert auf Inspiration aus dem Alltag und Beobachtung ihrer Selbst. Auf die Frage, wie sie die Choreografie entwickelt hat, lächelt sie verschmitzt: «Ich lasse mich immer wieder inspirieren. In den Workshops für Kinder, die ich geleitet habe, sehe ich, wie Kinder affektiv agieren, ohne sich zu viele Gedanken zu machen. Diese Beobachtungen nutze ich für meine Choreografie. Ich gehe Schritt für Schritt vor, mich im Spiegel kontrollierend, die Musik miteinbeziehend, und erhalte so nach und nach eine Struktur.»

Nadika Mohn schafft es, ihr erstes Solotanzdebut in einer sehr essenziellen, abstrakten Sprache zu erzählen. Schwierig sei jetzt der noch zu entwickelnde Teil, der sich humoristischer und fröhlicher gestalten soll: die Reise aus der Einsamkeit hinaus.

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