, 1. April 2020
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Tasten // Notizen

Montag, 16. März 2020: So sind die Notizen datiert, die die Schriftstellerin Laura Vogt fürs Corona-Aprilheft von Saiten geschrieben hat. Am St.Galler Wortlaut-Festival vom vergangenen Wochenende hätte ihr zweiter Roman «Was uns betrifft» Buchvernissage gehabt. Jetzt betrifft uns alle: «Geplantes aufgeben, mich ergeben, mich sortieren in dem was ist …».

Endlich wieder schreiben, nachdem mir das tagelang unmöglich war; ich schreibe in dieser seltsamen Blase oder aus ihr heraus, hebe kurz den Kopf und schaue aus dem Fenster in den Garten unserer kleinen Genossenschaft. Vieles scheint hier auf dem Land wie zuvor, aber so fühlt es sich nicht an…

 

Wir wohnen mit Blick auf den Wald, in unserem Wohnzimmer keimen Broccoli & Blumenkohl und nun streckt auch der erste Fenchel seine Keimblättchen aus der Erde; ich wässere die Pflänzchen mit der bunten Giesskanne, mit der die Kinder für gewöhnlich in der Badewanne plantschen…

 

14 frischgedruckte Bücher stehen auf dem Kachelofen nebenan, verpackt in einem Karton; 14 Mal Was uns betrifft, mein zweiter Roman, der unlängst beim Zytglogge Verlag erschien, aber neuerdings wird mir unwohl, wenn ich die Bücher betrachte. Die Vernissage am Wortlaut: abgesagt. Auch alle weiteren Lesungen bis mindestens Ende April: abgesagt. Das bedeutet: kein Geld, kein Austausch mit Leser*innen, keine Gespräche mit Literaturinteressierten; vorübergehend keine Sichtbarkeit meiner jahrelangen Arbeit im stillen Kämmerchen…

 

Mit den Kindern im Garten; sie mischen Suppe aus Sandwasser & Primeln & wildem Schnittlauch; ein kühler Stein liegt in meiner Hand, ich platziere ihn neben dem Eimer mit dem sogenannten Unkraut; eben habe ich das Karottenbeet-in-spe umgegraben, zig Regenwürmer habe ich dabei entdeckt, einige leider auch zerhackt, ich hielt kurz inne bei jedem einzelnen, registrierte jede kleinste Bewegung…

 

Nextex: geschlossen. Kinok: geschlossen. Theater 111: geschlossen. Bibliothek in der Hauptpost: geschlossen. Comedia, Notenpunkt, Markwalder: geschlossen. Alle Konzerte, Lesungen, Theater- und Tanzaufführungen, Slams, Kunstvernissagen, Performances: abgesagt…

 

Zu Hause bleiben heisst: Zeit mit den Kindern. Zeit fürs Schreiben. Zeit für den Garten. Zeit, vom Estrich längst vergessene Bücher runterzuholen. Es heisst: aufräumen, betrachten, putzen, singen, denken, vergessen, denken, vergessen… hinhören, kochen, einmachen, innehalten, denken, vergessen, denken, vergessen… spielen, schrubben, schrauben; und ich muss auch noch loslassen,

loslassen
loslassen
loslassen

Geplantes aufgeben, mich ergeben, mich sortieren in dem was jetzt ist …

 

Zeit fürs Schreiben, Zeit für Vernetzung. Aus Affekt kontaktiere ich auf Facebook einen mir nur vom Namen her bekannten Autor, der Ende März ebenfalls seine Buchpremiere gefeiert hätte; wir kommunizieren ein wenig hin und her, tauschen uns aus über das, was ist und das, was noch sein kann, und ich staune, denn es kommt mir vor, als würden wir uns schon lange kennen; er schreibt mir: «fühle dich bei dir im Leeren…»

 

Ich fühle mich alt in dieser Leere. Bin gleichzeitig neu im Leeren, nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal auf diese Weise. Versuche zu begreifen. Papierseiten zu füllen. Oder weiss zu lassen. Den Blick noch weiter zu heben: zu den Tannenwipfeln, zum blauen Himmel; ich höre das Johlen und Jauchzen der Genossenschaftskinder, die noch zu klein sind für die Schule, und denke: wenn die wüssten. Und freue mich, dass sie es nicht tun, dass sie nicht «wissen», dass sie sich tollen und raufen und lachen: jeden Tag im Garten vor dem Haus spielen!

 

Auf einmal auch eine neue Art von Zusammenhalt. Neue Blicke, neue Worte. Neue Ideen, die langsam keimen. Neue Freude an Altem auch: Wie schön wir leben! Wie nah der Wald! Wie toll, sind wir hier nicht allein! Jetzt ist es sehr laut in der Welt und auch sehr leise. Vertrauen in das «Leise» bedeutet: Vielleicht ist mein Buch doch sichtbar im Unsichtbaren, vielleicht gibt es mehr Leser*innen, die jetzt da drin sind, in der Romanlandschaft von Was uns betrifft, oder in sonst einem Roman; andere Menschen hören vielleicht Musik, singen oder tanzen, wippen zumindest mit dem Kopf…

 

Auch Rahel, die Protagonistin von Was uns betrifft, lebt in einer Art Stillstand, in einer Blase, auch wenn es eine ganz anderen ist als meine derzeit; Rahels Themen sind nicht Viren und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, sondern die Frage nach dem Mensch- und Muttersein, nach Beziehungen und Familienkonstellationen; aber auch das sind ja Themen, die das Virus jetzt berührt, die Frage: Wie wollen wir beisammen sein? Und wie nah können wir uns kommen, sind wir getrennt …

 

Vertrauen auf die Bewegung. Sie geht zuerst nach innen, in die Ruhe und Zurückgezogenheit, und später wieder nach aussen. Es wird in den nächsten Wochen und Monaten Verschiebungen geben im Denken, Fühlen und Sein. Zwischenräume werden abgetastet werden, neue Möglichkeiten entdeckt. Wenn das alles vorbei ist, werden wir dastehen und uns anschauen. Und vielleicht – vielleicht ein kleines bisschen mehr verstanden haben …

 

Laura Vogt, 1989, ist in Ausserrhoden aufgewachsen und lebt in St.Gallen. 2016 erschien ihr Erstling So einfach war es also zu gehen, vor wenigen Wochen ihr zweiter Roman Was uns betrifft; die Buchpremiere war am 26. März am St.Galler Wortlaut-Festival geplant, die Besprechung online: saiten.ch/unter-der-haut.

Laura Vogt: Was uns betrifft, Zytglogge Verlag 2020, Fr. 31.90.

 

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