Herkunft? Was ist das? Und wie weit reicht sie zurück, die eigene Geschichte? An was erinnert man sich selbst, an welche Gegebenheiten die anderen? Was blendet man aus? In einem ihrer zahlreichen Interviews gibt Monika Helfer Einblick in ihren autofiktionalen Schreibansatz und berichtet über den Mut, den es braucht, um an einem neuralgischen Punkt der eigenen Familiengeschichte anzusetzen:
Man liest in einem Roman gern von wilden Gesellen, aber wenn sie dann durch die eigene Familiengeschichte reiten, dann hat man das nicht so gern, jedenfalls nicht als Kind. Irgendwann hat sich in meinem Kopf meine Grossmutter gemeldet, so als wollte sie zu mir sagen: Schreib über mich, erfinde mich neu. Fang bei mir an. Als die Hauptpersonen gestorben waren, hatte ich den Mut, mit dem Schreiben anzufangen.
Und jetzt liegt er vor, Helfers Roman, ein schmales Buch – es umfasst gerade mal 160 Seiten. Episodenhaft mäandernd, ohne überbordende Landschaftsbeschreibungen und mit einer Vielzahl an Zeitsprüngen, handelt es von Herkunft und Familie. Dabei spricht eine Erzählstimme, die mit der Autorin nahezu gleichzusetzen ist.
Kampf ums Überleben
Mit schnellen Strichen skizziert Helfer die Figuren, und obwohl nur angedeutet, werden sie plastisch und lebendig. Das liegt vor allem an der Sprache, die genau gearbeitet ist, nah am Geschehen bleibt und ein Einfühlen möglich macht:
Hier, nimm die Stifte, male ein Haus, einen Bach ein Stück unterhalb des Hauses, einen Brunnen, aber male keine Sonne, das Haus liegt nämlich im Schatten! Dahinter der Berg – wie ein aufrechter Stein.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die so genannte «Bagage», was despektierlich so viel wie Abseitige und Arme meint. Im Falle der Moosbruggers – Josef und Maria mit ihren fünf Kindern – kennzeichnet der Begriff zudem das soziale Erbe des Josef Moosbrugger, dessen Grossvater und Vater einfache Lastenträger waren.
Monika Helfer: Die Bagage, Hanser Verlag 2020, Fr. 28.90
Zur damaligen Zeit, wir schreiben das Jahr 1914, lebt Familie Moosbrugger am Rande eines Bergdorfes, ohne Strom und fliessendes Wasser. Selbst der Brunnen in der Nähe des Hauses gehört ihnen nicht. Es herrscht ein ständiger Kampf ums Überleben. Als wäre dies nicht schon Herausforderung genug, erreicht die – von der Dorfgemeinschaft eher gemiedene – Bauernfamilie ein offizielles Schreiben: die Einberufung Josef Moosbruggers in den Weltkrieg.
Der junge Vater kommt dem Befehl nach und lässt Maria mit den Kindern zurück. Den Bürgermeister, zu dem Josef ein gutes Verhältnis hat – unter anderem machen sie «krumme Geschäftchen» miteinander –, bittet er auf seine Frau aufzupassen, schliesslich ist sie wunderschön und bei den Männern weithin begehrt. Während Josef im Krieg kämpft und nur selten Heimaturlaub bekommt, wehrt sich Maria gegen die zunehmenden Annäherungsversuche des Bürgermeisters. Daneben lernt sie Georg, einen Deutschen, kennen, und verliebt sich. Obwohl intensive Gefühle im Spiel sind, lässt sie sich nicht weiter ein.
Zerstörerische Lüge
Bald verschwindet Georg; zurück bleibt das Gerede der Leute. Die Dorfgemeinschaft, inklusive Pfarrer und Lehrer, meint sich ein treffendes Bild über Maria machen zu können, die in der Zwischenzeit schwanger geworden ist. Gerüchte und eine folgenreiche Lüge des Bürgermeisters, er sei der Erzeuger, lassen Josef zweifeln, obwohl er der wahre Kindsvater ist:
…Dieses Mädchen verabscheute er, die Margarethe, die meine Mutter werden wird, weil er dachte, dass sie nicht sein Kind sei. […] Sie schlug er nie. Die anderen Kinder manchmal. […] Er habe bis zu seinem Tod nie ein Wort mit ihr gesprochen. Und es sei ihr nicht bewusst, dass er sie jemals angeschaut hätte. Das hat mir meine Mutter erzählt, da war ich erst acht.
Mit 32 Jahren stirbt Maria, ein Jahr später ihr Mann. An Josefs Totenbett erklärt sich der Bürgermeister, entschuldigt sich für seine in die Welt gesetzte Lüge, aber da ist alles schon zu spät.
Monika Helfer liest am 11. Juli, 17 Uhr, im Raum für Literatur (Hauptpost), Veranstalterin: Literaturhaus und Bibliothek Wyborada.
Begrenzte Platzzahl. Reservationen bis 9. Juli per Mail an programm@wyborada.ch.
Was stellt so ein Leben mit dem Einzelnen an? Mit der Mutter? Den Kindern? Der Tante? Helfer erzählt bruchstückhaft von ihrer Herkunft. Am Ende erfährt der Leser und die Leserin, dass Margarethe, die Grete, ebenfalls jung gestorben ist, da war Monika Helfer gerade mal elf Jahre alt.
Die Form, welche die Autorin für ihr rückblickendes Erzählen gefunden hat, kann man als überaus gelungen bezeichnen: In ihrem ungeordneten und nach Antworten suchenden Erinnern spürt sie einem Drama nach, das womöglich so oder auf ähnliche Weise geschehen ist. Helfers Geschichte hallt nach, hat Bestand, überdauert. Sie geht über das Eigentliche hinaus.
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