Kategorie
Autor:innen
Jahr

Teheran im Kunstkiosk

Der junge Kunstkiosk macht das St.Galler Kulturkonsulat noch einmal zur Botschaft: zur Embassy of Iran. Die Ausstellung «Vadian im Iran» zeigt Arbeiten von 23 jungen iranischen Kunstschaffenden, von Zeichnung über Film bis Live-Performance. Sie ist noch bis Freitag offen.
Von  Julia Kubik

Die Bilder im Kopf zu Ländern, in denen man noch nie war, beschränken sich meistens auf das, was man glaubt zu wissen: unscharf verwobene Fakten, Tagträume, Klischees und gespeicherte Bilder aus Funk und Druck. Es reicht unter Umständen schon, wenn jemand «mittlerer Osten» oder «Persien» sagt, um sich ganze Hektaren Granatapfelsträucher, Opiumtees und Teppiche durch die Synapsen wachsen zu lassen. Oder Nachrichtenbilder zu Hidschāb und Polizeigewalt, je nachdem, ob man schon mehr Disneyfilme oder Tagesschau gesehen hat, je nachdem, was einen mehr interessiert: die Lebensrealität anderer oder die Exotik-Projektion von sich selbst.

Nur schon um diese vielen Arten von Vorstellungen auszuweiten und zu relativieren, ist es gut, wenn Plattformen wie der St.Galler Kunstkiosk sich für kulturellen Austausch engagieren.

Vom Ausstellungsbesuch zum Ausstellungsplan

Im November 2017 reiste Kunstkiosk-Mitbetreiber Felix Stöckle nach Teheran. Von Anfang an mit dem Hintergedanken, eine Kooperationsausstellung mit jungen iranischen Kunstschaffenden zu machen, aber vorerst ohne Netzwerk. Enstanden ist dieses dann überraschend einfach via Couchsurfing. Das Portal vermittelt neben günstigen Übernachtungen auch Interessensgruppen für alle Art Aktivitäten.

Felix schrieb auf seinem Profil, dass er sich gerne Kunstmuseen anschauen würde, am besten mit Ortskundigen, um mehr von der Stadt und ihren Szenen zu erfahren. So lernte er die Künstlerin Mina Darvish kennen und beides kam ins Rollen – Museumsbesuche in Teheran und eine geplante gemeinsame Ausstellung in St.Gallen. Nach langem Hin und Her gelang es schliesslich, ein Visum für Mina zu bekommen und sie für die Dauer der Ausstellung in die Schweiz einzuladen.

Zensur und Willkür

Mina Darvish hat Illustration und Animation in Teheran studiert und arbeitet seither in verschiedenen Konstellationen in und für Galerien, Magazine und andere, mal mehr und mal weniger offizielle Kommunikationsorgane des Kunstbetriebs. Im Kunstkiosk sind von ihr einige Zeichnungen sowie eine Performance zu sehen, die jeweils nur für eine Person zugänglich ist.

Inhaltlich hat die Ausstellung kein Überthema, es fällt aber auf, dass sich viele Arbeiten mit dem nackten Körper beschäftigen. «Diese Bilder mit den ringenden Männern – die wären nicht denkbar bei einer Ausstellung in Teheran. Viel zu riskant», sagt Mina bei einem Rundgang durch den Keller im Konsulat. Es sei praktisch unmöglich, ungestraft Bilder von nackten Körpern geschweige denn Homosexualität zu zeigen. Die Strafen sind völlig willkürlich und reichen von zwei Tagen Gefängnis bis zu hohen Bussen, körperlicher Bestrafung oder viel längeren Haftstrafen. Deshalb bieten diese Motive einen Schwerpunkt in der Ausstellung. Hier, wo fast alles erlaubt ist ausser Lärm nach 22 Uhr, Senf zur Wurst und Leben ohne Geld.

Mina sagt, ihr sei die Verbindung von Kunst und Politik ein grosses Anliegen; sie könne nicht verstehen, wie man sich als Künstlerin heraushalten oder Kunst als trägen Lifestyle-Selbstzweck betreiben könne. Kunst ist für sie in erster Linie ein Mittel, sich gegen die Regierung und ihre gewalttätige Intoleranz zu wehren. Symbolisch zwar, aber unermüdlich.

Künstler aller Länder, vernetzt euch!

Trotz dieser Überzeugung gibt es andere, nicht auf den ersten Blick politisch motivierte Bilder in der Ausstellung: Formstudien, Stimmungsbilder und eine ganze Wand mit glaubwürdig geisterhaften Schafen. Die alten Kellerwände mit ihrer Wechsel-Patina aus sprödem Verputz und splitterndem Farbauftrag verstärken die düstere Stimmung. Im schmalen Zwischengang vor dem letzten Raum wurde mit Leinwand und vier Stühlen ein Kleinst-Kino gebaut in welchem ein Loop ausgewählter Kurzfilme läuft. Eine schöne und lehrreiche Erweiterung der Anfangsbilder im Kopf.

«Vadian im Iran», bis 31. August.
Mi 29. / Do 30. August ab 17:30, Finissage Fr 31. August 19.00-00:00
Eintritt frei, Kollekte
Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9 St.Gallen

Im ersten Stock, dem andern beziehungsweise offiziell eigentlichen, weil mit Bar und Begrüssung ausgestatteten Raum der Ausstellung gibt es sphärische Musik aus Teheran, Fladenbrot und Hummus, Getränke und viele weitere Bilder.

Die Ausstellenden sind alle zwischen 20 und 40 Jahre alt, viele von ihnen studierten Grafik und Kunst oder eines der vielfältigen Verzweigungs- und Erweiterungsgebiete. Über sie ist nicht viel am Bildrand mitgeteilt, aber die Kontakte liegen alle am Bar-Tresen auf, und interessiert man sich spezifisch für Mensch oder Werk, wird die Kontaktaufnahme ausdrücklich erwünscht und gefördert. Auch Mina Darvish ist an den Ausstellungstagen anwesend und offen für Fragen und Gespräche.

Es ist eine insgesamt dichte und reichhaltige Auswahl an Geschichten aus dem Iran, verpackt in ein St.Galler Umbruchhaus. Der Besuch bis Freitagnacht sei daher wärmstens empfohlen. Es kann nie schaden, der eigenen Bildwelt andere hinzuzufügen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat