Die Bilder im Kopf zu Ländern, in denen man noch nie war, beschränken sich meistens auf das, was man glaubt zu wissen: unscharf verwobene Fakten, Tagträume, Klischees und gespeicherte Bilder aus Funk und Druck. Es reicht unter Umständen schon, wenn jemand «mittlerer Osten» oder «Persien» sagt, um sich ganze Hektaren Granatapfelsträucher, Opiumtees und Teppiche durch die Synapsen wachsen zu lassen. Oder Nachrichtenbilder zu Hidschāb und Polizeigewalt, je nachdem, ob man schon mehr Disneyfilme oder Tagesschau gesehen hat, je nachdem, was einen mehr interessiert: die Lebensrealität anderer oder die Exotik-Projektion von sich selbst.
Nur schon um diese vielen Arten von Vorstellungen auszuweiten und zu relativieren, ist es gut, wenn Plattformen wie der St.Galler Kunstkiosk sich für kulturellen Austausch engagieren.
Vom Ausstellungsbesuch zum Ausstellungsplan
Im November 2017 reiste Kunstkiosk-Mitbetreiber Felix Stöckle nach Teheran. Von Anfang an mit dem Hintergedanken, eine Kooperationsausstellung mit jungen iranischen Kunstschaffenden zu machen, aber vorerst ohne Netzwerk. Enstanden ist dieses dann überraschend einfach via Couchsurfing. Das Portal vermittelt neben günstigen Übernachtungen auch Interessensgruppen für alle Art Aktivitäten.
Felix schrieb auf seinem Profil, dass er sich gerne Kunstmuseen anschauen würde, am besten mit Ortskundigen, um mehr von der Stadt und ihren Szenen zu erfahren. So lernte er die Künstlerin Mina Darvish kennen und beides kam ins Rollen – Museumsbesuche in Teheran und eine geplante gemeinsame Ausstellung in St.Gallen. Nach langem Hin und Her gelang es schliesslich, ein Visum für Mina zu bekommen und sie für die Dauer der Ausstellung in die Schweiz einzuladen.
Zensur und Willkür
Mina Darvish hat Illustration und Animation in Teheran studiert und arbeitet seither in verschiedenen Konstellationen in und für Galerien, Magazine und andere, mal mehr und mal weniger offizielle Kommunikationsorgane des Kunstbetriebs. Im Kunstkiosk sind von ihr einige Zeichnungen sowie eine Performance zu sehen, die jeweils nur für eine Person zugänglich ist.
Inhaltlich hat die Ausstellung kein Überthema, es fällt aber auf, dass sich viele Arbeiten mit dem nackten Körper beschäftigen. «Diese Bilder mit den ringenden Männern – die wären nicht denkbar bei einer Ausstellung in Teheran. Viel zu riskant», sagt Mina bei einem Rundgang durch den Keller im Konsulat. Es sei praktisch unmöglich, ungestraft Bilder von nackten Körpern geschweige denn Homosexualität zu zeigen. Die Strafen sind völlig willkürlich und reichen von zwei Tagen Gefängnis bis zu hohen Bussen, körperlicher Bestrafung oder viel längeren Haftstrafen. Deshalb bieten diese Motive einen Schwerpunkt in der Ausstellung. Hier, wo fast alles erlaubt ist ausser Lärm nach 22 Uhr, Senf zur Wurst und Leben ohne Geld.
Mina sagt, ihr sei die Verbindung von Kunst und Politik ein grosses Anliegen; sie könne nicht verstehen, wie man sich als Künstlerin heraushalten oder Kunst als trägen Lifestyle-Selbstzweck betreiben könne. Kunst ist für sie in erster Linie ein Mittel, sich gegen die Regierung und ihre gewalttätige Intoleranz zu wehren. Symbolisch zwar, aber unermüdlich.
Künstler aller Länder, vernetzt euch!
Trotz dieser Überzeugung gibt es andere, nicht auf den ersten Blick politisch motivierte Bilder in der Ausstellung: Formstudien, Stimmungsbilder und eine ganze Wand mit glaubwürdig geisterhaften Schafen. Die alten Kellerwände mit ihrer Wechsel-Patina aus sprödem Verputz und splitterndem Farbauftrag verstärken die düstere Stimmung. Im schmalen Zwischengang vor dem letzten Raum wurde mit Leinwand und vier Stühlen ein Kleinst-Kino gebaut in welchem ein Loop ausgewählter Kurzfilme läuft. Eine schöne und lehrreiche Erweiterung der Anfangsbilder im Kopf.
«Vadian im Iran», bis 31. August. Mi 29. / Do 30. August ab 17:30, Finissage Fr 31. August 19.00-00:00 Eintritt frei, Kollekte Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9 St.Gallen
Im ersten Stock, dem andern beziehungsweise offiziell eigentlichen, weil mit Bar und Begrüssung ausgestatteten Raum der Ausstellung gibt es sphärische Musik aus Teheran, Fladenbrot und Hummus, Getränke und viele weitere Bilder.
Die Ausstellenden sind alle zwischen 20 und 40 Jahre alt, viele von ihnen studierten Grafik und Kunst oder eines der vielfältigen Verzweigungs- und Erweiterungsgebiete. Über sie ist nicht viel am Bildrand mitgeteilt, aber die Kontakte liegen alle am Bar-Tresen auf, und interessiert man sich spezifisch für Mensch oder Werk, wird die Kontaktaufnahme ausdrücklich erwünscht und gefördert. Auch Mina Darvish ist an den Ausstellungstagen anwesend und offen für Fragen und Gespräche.
Es ist eine insgesamt dichte und reichhaltige Auswahl an Geschichten aus dem Iran, verpackt in ein St.Galler Umbruchhaus. Der Besuch bis Freitagnacht sei daher wärmstens empfohlen. Es kann nie schaden, der eigenen Bildwelt andere hinzuzufügen.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.