, 29. August 2018
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Teheran im Kunstkiosk

Der junge Kunstkiosk macht das St.Galler Kulturkonsulat noch einmal zur Botschaft: zur Embassy of Iran. Die Ausstellung «Vadian im Iran» zeigt Arbeiten von 23 jungen iranischen Kunstschaffenden, von Zeichnung über Film bis Live-Performance. Sie ist noch bis Freitag offen.

Die Bilder im Kopf zu Ländern, in denen man noch nie war, beschränken sich meistens auf das, was man glaubt zu wissen: unscharf verwobene Fakten, Tagträume, Klischees und gespeicherte Bilder aus Funk und Druck. Es reicht unter Umständen schon, wenn jemand «mittlerer Osten» oder «Persien» sagt, um sich ganze Hektaren Granatapfelsträucher, Opiumtees und Teppiche durch die Synapsen wachsen zu lassen. Oder Nachrichtenbilder zu Hidschāb und Polizeigewalt, je nachdem, ob man schon mehr Disneyfilme oder Tagesschau gesehen hat, je nachdem, was einen mehr interessiert: die Lebensrealität anderer oder die Exotik-Projektion von sich selbst.

Nur schon um diese vielen Arten von Vorstellungen auszuweiten und zu relativieren, ist es gut, wenn Plattformen wie der St.Galler Kunstkiosk sich für kulturellen Austausch engagieren.

Vom Ausstellungsbesuch zum Ausstellungsplan

Im November 2017 reiste Kunstkiosk-Mitbetreiber Felix Stöckle nach Teheran. Von Anfang an mit dem Hintergedanken, eine Kooperationsausstellung mit jungen iranischen Kunstschaffenden zu machen, aber vorerst ohne Netzwerk. Enstanden ist dieses dann überraschend einfach via Couchsurfing. Das Portal vermittelt neben günstigen Übernachtungen auch Interessensgruppen für alle Art Aktivitäten.

Felix schrieb auf seinem Profil, dass er sich gerne Kunstmuseen anschauen würde, am besten mit Ortskundigen, um mehr von der Stadt und ihren Szenen zu erfahren. So lernte er die Künstlerin Mina Darvish kennen und beides kam ins Rollen – Museumsbesuche in Teheran und eine geplante gemeinsame Ausstellung in St.Gallen. Nach langem Hin und Her gelang es schliesslich, ein Visum für Mina zu bekommen und sie für die Dauer der Ausstellung in die Schweiz einzuladen.

Zensur und Willkür

Mina Darvish hat Illustration und Animation in Teheran studiert und arbeitet seither in verschiedenen Konstellationen in und für Galerien, Magazine und andere, mal mehr und mal weniger offizielle Kommunikationsorgane des Kunstbetriebs. Im Kunstkiosk sind von ihr einige Zeichnungen sowie eine Performance zu sehen, die jeweils nur für eine Person zugänglich ist.

Inhaltlich hat die Ausstellung kein Überthema, es fällt aber auf, dass sich viele Arbeiten mit dem nackten Körper beschäftigen. «Diese Bilder mit den ringenden Männern – die wären nicht denkbar bei einer Ausstellung in Teheran. Viel zu riskant», sagt Mina bei einem Rundgang durch den Keller im Konsulat. Es sei praktisch unmöglich, ungestraft Bilder von nackten Körpern geschweige denn Homosexualität zu zeigen. Die Strafen sind völlig willkürlich und reichen von zwei Tagen Gefängnis bis zu hohen Bussen, körperlicher Bestrafung oder viel längeren Haftstrafen. Deshalb bieten diese Motive einen Schwerpunkt in der Ausstellung. Hier, wo fast alles erlaubt ist ausser Lärm nach 22 Uhr, Senf zur Wurst und Leben ohne Geld.

Mina sagt, ihr sei die Verbindung von Kunst und Politik ein grosses Anliegen; sie könne nicht verstehen, wie man sich als Künstlerin heraushalten oder Kunst als trägen Lifestyle-Selbstzweck betreiben könne. Kunst ist für sie in erster Linie ein Mittel, sich gegen die Regierung und ihre gewalttätige Intoleranz zu wehren. Symbolisch zwar, aber unermüdlich.

Künstler aller Länder, vernetzt euch!

Trotz dieser Überzeugung gibt es andere, nicht auf den ersten Blick politisch motivierte Bilder in der Ausstellung: Formstudien, Stimmungsbilder und eine ganze Wand mit glaubwürdig geisterhaften Schafen. Die alten Kellerwände mit ihrer Wechsel-Patina aus sprödem Verputz und splitterndem Farbauftrag verstärken die düstere Stimmung. Im schmalen Zwischengang vor dem letzten Raum wurde mit Leinwand und vier Stühlen ein Kleinst-Kino gebaut in welchem ein Loop ausgewählter Kurzfilme läuft. Eine schöne und lehrreiche Erweiterung der Anfangsbilder im Kopf.

«Vadian im Iran», bis 31. August.
Mi 29. / Do 30. August ab 17:30, Finissage Fr 31. August 19.00-00:00
Eintritt frei, Kollekte
Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9 St.Gallen

Im ersten Stock, dem andern beziehungsweise offiziell eigentlichen, weil mit Bar und Begrüssung ausgestatteten Raum der Ausstellung gibt es sphärische Musik aus Teheran, Fladenbrot und Hummus, Getränke und viele weitere Bilder.

Die Ausstellenden sind alle zwischen 20 und 40 Jahre alt, viele von ihnen studierten Grafik und Kunst oder eines der vielfältigen Verzweigungs- und Erweiterungsgebiete. Über sie ist nicht viel am Bildrand mitgeteilt, aber die Kontakte liegen alle am Bar-Tresen auf, und interessiert man sich spezifisch für Mensch oder Werk, wird die Kontaktaufnahme ausdrücklich erwünscht und gefördert. Auch Mina Darvish ist an den Ausstellungstagen anwesend und offen für Fragen und Gespräche.

Es ist eine insgesamt dichte und reichhaltige Auswahl an Geschichten aus dem Iran, verpackt in ein St.Galler Umbruchhaus. Der Besuch bis Freitagnacht sei daher wärmstens empfohlen. Es kann nie schaden, der eigenen Bildwelt andere hinzuzufügen.

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