, 22. April 2021
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Textilmuseum: In den Keller statt aufs Dach

In einem aufwendigen Architekturwettbewerb hat die St.Galler Stiftung Textilmuseum einen Vorschlag für die Erweiterung gesucht. Ausgeschrieben war eine Aufstockung, doch die Jury bevorzugt einen unterirdischen Ausbau. In Architektenkreisen rumort es.

Der unterirdische Saal im Rendering des Siegerprojekts. (Bilder: pd)

180 Architektinnen und Architekten haben für den Papierkorb gearbeitet – so viele beteiligten sich in der ersten Phase am Projekt für eine Erweiterung des Textilmuseums St.Gallen. Gesucht waren Ideen für eine Aufstockung. Dort sollten neue Ausstellungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Weil das Haus ein wichtiger Zeitzeuge ist und unter Schutz steht, wurde in der Ausschreibung auf die denkmalpflegerischen Einschränkungen ausdrücklich hingewiesen. Nicht ganz widerspruchsfrei allerdings, denn auch eine Öffnung des Hauses zur Strasse hin wurde verlangt. Dafür aber durfte das heutige Hochparterre mit dem weiten Saal und seinen Gusseisenstützen nur in einem Teil verändert werden.

Die grosse Unterkellerung

Aus der hohen Zahl von Ideen wählte die Jury in einem mehrstufigen Verfahren schliesslich fünf Projekte aus und fällte am Schluss einen überraschenden Entscheid: Das einzige Projekt der Schlussrunde, das sich nicht an die ursprünglichen Vorgaben hielt und nicht eine Aufstockung, sondern eine Unterkellerung vorschlug, wurde Wettbewerbssieger. Es stammt vom Zürcher Architekten Christian Kerez, der unter anderem für das Schulhaus in Zürich-Leutschenbach bekannt ist – jenes mit der Turnhalle auf dem Dach.

Renderings des Siegerprojekts von Christian Kerez.

Kerez schlägt die gesamte Absenkung des heutigen Hochparterres aufs Strassenniveau vor, was das Haus offener und einladender machen und fünf Meter hohe Räume schaffen würde. Darunter sein grosser Coup: eine Unterkellerung, die bis in die Vadianstrasse und in den Hinterhof hineinreicht und in die durch Oblichter hinuntergeblickt werden kann.

Im Projekt erklärt Kerez, wie eine solche Unterfangung gebaut werden kann und wie er hier – wie bei anderen seiner Bauten auch – die Statik erlebbar machen will. Das Projekt nennt er denn auch «das Schwere ist des Leichten Wurzelgrund». Seiner Meinung nach sei das denkmalgeschützte Gebäude so weit weniger gefährdet, als wenn man es innen verstärken würde, um zusätzliche Etagen aufs Dach zu setzen, wie dies der Wettbewerb verlangte.

Die lichtempfindlichen Ausstellungsstücke in einem hellen Dachstock auszustellen mache sowieso wenig Sinn. Mit dem Saal im Keller könnten im Rest des Hauses die heute oft abgedeckten Fenster geöffnet werden. Die Unterkellerung sei auch kaum teurer, denn im Gegenzug verzichte er auf eine Aufstockung. Alle anderen Projekte der Endrunde schlagen dagegen teils spektakuläre Aufbauten vor.

Trotz Bedenken zum Sieger erkoren

Dass es sich die Jury mit diesem Projekt nicht einfach machte, beschreibt sie im Bericht. Es habe sowohl denkmalpflegerische wie statisch-konstruktive Bedenken gegeben. Deshalb wurde ein Ingenieurbüro beauftragt, die Unterkellerung genauer zu prüfen. Und prompt gab es Warnungen: Ein so grosses unterirdisches Volumen auszuheben, könne zu Schäden am Bestand führen. Es sei unsicher, ob die vorgeschlagenen Schlitzwände das gesamte Gebäude tragen könnten.

Keine Chance für lokale Architekten

Der Jurybericht stellt neben den fünf prämiierten Projekten zehn weitere mit einem Rendering vor und nennt die daran Beteiligten. Dabei fällt auf: Architekten aus der Stadt St.Gallen sind nicht dabei.

Auf Rang zwei schaffte es das Basler Büro Jessen Vollenweider. Mit Anna Jessen, Leiterin der Architektur-werkstatt der Fachhochschule Ost, ist St.Gallen damit indirekt vertreten. Auf Rang drei stehen BBK Architekten mit Sitz in Balzers und Azmoos. Rang vier belegt ein Büro aus Paris. Bei diesem Vorschlag hat für die Szenografie ex-Saitenredaktor und Gestalter Johannes Stieger mitgewirkt.

Und weil die neue Konstruktion im Grundwasser stehen würde, sei eine permanente Überwachung nötig. Selbst vor einer kurzen Lebensdauer der Konstruktion wird gewarnt – und vor Mehrkosten im zweistelligen Millionenbereich.

Die Fachjury (die Architektinnen und Architekten) teilen diese Bedenken offensichtlich und weisen im Bericht die Bauherrschaft denn auch auf die hohen Risiken bezüglich Denkmalpflege, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit hin. Dennoch entschied sich die Jurymehrheit für die «wagemutige, über den Tellerrand des Naheliegenden hinausblickende Grundhaltung des Autors». Kerez schlage eine inspirierend neue und zweckmässige Struktur vor.

Kritik vom BSA

Keine Freude an diesem Entscheid haben Exponenten des Bundes Schweizer Architekten (BSA). Wenn in einer Ausschreibung ausdrücklich eine Aufstockung verlangt werde, müsste sich die Jury an ihre eigenen Vorgaben auch halten. Die vollständige Absenkung des Hochparterres aufs Strassenniveau sei aus denkmalpflegerischen Gründen ausdrücklich ausgeschlossen worden. Und doch gewinne ein Projekt, das dagegen verstosse. Das sei kein gutes Omen für die Baukultur und den Erhalt eines wichtigen baugeschichtlichen Zeugen.

Der Entscheid sei auch fragwürdig, weil hier ein Vorschlag prämiert werde, der mit einiger Wahrscheinlichkeit so gar nicht umgesetzt werden könne.

2. Rang: Jessenvollenweider, Zürich

3. Rang: BBK Architekten, Balzers und Azmoos

4. Rang: Sou Fujimoto Atelier, Paris

Die Krux mit den Finanzen

Was eine solche Erweiterung und Sanierung kosten wird, ist noch offen. Die Stiftung Textilmuseum kündigt an, sie werde das Projekt nun zuerst weiterentwickeln. Ein besonderes Augenmerk gelte dabei der technischen und baulichen Machbarkeit sowie der Finanzierung.

Zwar hatte Stiftungsrat Tobias Forster bei früherer Gelegenheit angekündigt, man wolle diese bauliche Sanierung privat finanzieren, doch ob das gelingt, steht in den Sternen. Und so könnte das kühne Projekt noch Probleme bekommen. Schon die Erhöhung des städtischen Betriebsbeitrags ans Textilmuseum war 2019 im Stadtparlament zuerst abgelehnt worden, ist inzwischen aber genehmigt. Auch der Kanton zahlt entsprechend mehr an den Betrieb.

Wenn es später aber doch um Baubeiträge gehen sollte, könnte ein Gerangel unter den Kulturinvestitionen entstehen. Denn das Kunstmuseum St.Gallen wartet schon seit Jahren auf Renovationsgelder. Für das Haus im Stadtpark gibt es seit 2012 ein Ausbauprojekt mit einem ebenfalls unterirdischen Ausstellungssaal. Zusammen mit der nötigen Klimatisierung des Hauses sind fürs Kunstmuseum fast 40 Millionen Franken Baukosten vorausgesagt – Geld, das im vergangenen Sommer angesichts der Corona-Kosten vom Stadtrat mindestens bis 2025 blockiert wurde.

Das Textilmuseum bemühte sich seinerseits auch schon um finanzielle Unterstützung durch den Bund. Doch ein erstes Gesuch wurde abgelehnt: Das Haus habe mit 28‘000 Eintritten pro Jahr zu wenig Frequenz. Rund 40 Prozent davon waren jeweils Touristinnen und Touristen. Mit neuen Konzepten will man auf rund 50‘000 Besucherinnen und Besucher kommen. Doch zuerst muss noch eine neue Direktorin oder ein neuer Direktor gefunden werden. Im Moment wird das Textilmuseum von Stefan Aschwanden ad interim geleitet.

135 Jahre «Palazzo Rosso»

1886 wurde das Industrie- und Gewerbemuseum eingeweiht und hatte eine rote Backsteinfassade. So bekam es den Namen «Palazzo Rosso». Der ursprüngliche Architekturwettbewerb hatte keinen Sieger hervorgebracht, weshalb der damalige Museumsdirektor Emil Wild den Auftrag bekam, das Haus anhand der Wettbewerbseingaben selbst zu planen. Alles «Luxuriose und Überflüssige» sollte dabei aber vermieden werden. So entstand der Bau, der sich am Projekt von Gustav Gull orientierte. Gull wurde später als Architekt des Landesmuseums Zürich bekannt. 1956 wurde das Haus im mittleren Teil aufgestockt und neu verputzt.

Während sich im Innern wenig wandelte, änderten sich Name und Trägerschaft: 1982 wurde aus dem Industrie- und Gewerbemuseum das Textilmuseum mit Textilbibliothek. Aus der damaligen Trägerschaft, dem Kaufmännischen Directorium, wurde 1991 die Industrie- und Handelskammer (IHK), und diese überführte das Museum in eine IHK-Stiftung. 2010 scheiterten Verhandlungen mit dem Kanton, der das Haus als Schweizerisches Textilmuseum positionieren wollte. Im Anschluss wurde diskutiert, ob nicht die Stadt oder der Kanton das Gebäude übernehmen könnten, doch es blieb bei höheren Betriebsbeiträgen.

Danach begann die Neustrukturierung: Für den eigentlichen Museumsbetrieb ist seit 2012 der Verein Textilmuseum zuständig. 2018 wurde das Museum von der IHK in die eigenständige Stiftung Textilmuseum überführt. Als Mitgift bekam sie neben dem Haus und dem gesamten Inhalt auch acht Millionen Franken, die für die Erneuerung bereitstehen.

Leopold Dostal, Basel und Aerne Architects, Pnom Penh

Studiopez, Basel

Tatiana Bilbao Estudio, Mexico

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