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The Flying Stoll und eine unschlagbare Brugger

Frische Gesichter, alte Hasen und eine junge Favoritin – zum vierten Mal haben die Poetry Slam Meisterschaften stattgefunden, dieses Mal in Bern.

Von  Corinne Riedener

Gleich vorweg: Niemand aus der Ostschweiz konnte Renato Kaisers Slam-Thron erben. Es war in der Geschichte der Poetry Slam Schweizermeisterschaften sogar das erste Mal, dass der Titel nicht in die Ostschweiz ging. Es schaffte es nicht einmal jemand aus dem Osten unter die ersten drei. Das heisst aber nicht, dass unsere Slammerinnen und Slammer grottig waren in Bern. Vielleicht nicht ganz bei der Sache, etwas mittelmässig – aber mit Ausreißern nach oben.

Hände Hoch!
Dafür geht der inoffizielle und leider auch imaginäre Punkrock-Pokal in den Osten. Genauer: An Lara Stoll für ihren unglaublichen und gerade noch einmal gut gegangenen Stage Dive. Was das ist? Rockstars, die ins Publikum springen, um sich auf Händen tragen zu lassen. Die Teenagermädchen in der ersten Reihe hatten anscheinend noch keine Erfahrung mit diesem Phänomen, denn die meisten stoben zur Seite, anstatt «The Flying Stoll» aufzufangen. Klein und zierlich sein kann auch seine Vorteile haben. Das dachten sich wahrscheinlich auch jene Tapferen, die beinahe von Stoll geplättet wurden. Ansonsten gab es, trotz neuen, teilweise nicht mehr ganz jungen Gesichtern, wenig Überraschungen.

Zum ersten Mal dabei und gleich im Final war beispielsweise Romeo Meyer, ursprünglich aus Basel, bekannt als langjähriges Ensemblemitglied am Stadttheater St.Gallen und heute freier Schauspieler. Oder der Kabarettist und Satiriker Hans Jürg Zingg. Der 69-jährige fiel erstens mit seinem Alter aus dem Rahmen und brachte zweitens mit seinem Text über Pension und das Dahinvegetieren auf dem Abstellgleis etwas Licht in das Leben nach der Pubertät.

Die vollgestopfte Progr-Turnhalle

Die vollgestopfte Progr-Turnhalle

Apropos Pubertät
Heimlicher Sieger der Herzen, ebenfalls im Final und neu im Slam-Zirkus, war Christoph Simon. Der 42-jährige Emmentaler Schriftsteller und Lesebühnenpionier schaffte es mit seinem herrlich bösen Tagebucheintrag eines 15-jährigen zum Muttertag ins Stechen gegen die beiden Favoriten Kilian Ziegler und Hazel Brugger.

Den Unkenrufen vieler Slammerinnen und Slammer zum Trotz gewann dann aber Brugger mit ihrem Text über Schwäne und Emo-Kühe mit aufgeritzten Eutern – was ja konsequent ist, denn keine Slammerin wird derzeit so fleissig herumgereicht wie die 19-jährige aus Dielsdorf. Das Publikum in der vollgestopften Progr-Turnhalle bestätigte den Brugger-Hype mit tosendem Applaus. Diesen erntete am Nachmittag übrigens auch Marco Gurtner, der Sieger des U20-Slams.

U20-Sieger Marco Gurtner

U20-Sieger Marco Gurtner

Swissness gewinnt
Am frühen Abend sah die Progr-Halle noch ganz anders aus: Beim Team-Final gähnte den Poetinnen und Poeten vergleichsweise Leere entgegen – wovon sie sich aber nicht beeindrucken liessen. Insbesondere das Team Interrobang mit Valerio Moser und Manuel Diener zappelte, stampfte und trampelte sich mit einem Swissness-Text übers Wandern und Einwandern ins Final. Ebenso das Helvetische Dreieck (Sven Hirsbrunner und Dominik Muheim). Etwas ruhiger aber nicht minder witzig zog die Agile Liga (Hazel Brugger, Phibi Reichling und Kilian Ziegler) ins Final.

Dass sich Körpereinsatz lohnt, war spätestens dann klar, als Interrobang mit ihrem Text über volle Züge und Boote als Sieger hervorgingen. Kenner der Szene meinen gar, Interrobang sei das einzige Team, das derzeit an das Niveau Deutscher Teams heranreiche. Dennoch sei aber das Niveau im Team-Wettbewerb, der erst zum zweiten Mal ausgetragen wurde, deutlich gestiegen im Vergleich zum Vorjahr.

Das gefeierte Duo Interrobang

Das gefeierte Duo Interrobang

Und der Osten?
An dieser Stelle sollen doch noch drei Ostschweizer Wunden geleckt werden: Titelverteidiger Renato Kaiser schaffte es zwar nicht über die Vorrunde am Freitagabend, doch er durfte die Finalrunde als Opferlamm eröffnen. Er begeisterte das Publikum mit einem sensiblen Text über die Frage, ob es schlimmer sei fett oder Jugo zu sein.
Auch das Trio Logorrhö (Martina Hügi und Lara Stoll) geht so schnell nicht vergessen – zumindest nicht die Ohrfeigen, die sie sich während ihrer Performance verpassten. Und dann gab es noch das Duo Zweiwanderer (Julia Kubik und Etrit Hasler), das den Final nur knapp verpasste, dafür anschliessend feierte wie echte Sieger – was irgendwie für alle galt, schliesslich war an diesem Abend noch das Progr-Fest, an dem sich einige Tausend Leute tummelten.

Dei «Fachjury» in der vergleichsweise leeren Halle am Team-Wettbewerb

Dei «Fachjury» in der vergleichsweise leeren Halle am Team-Wettbewerb

 

Und hier noch einige denk- bis fragwürdige Auszüge vom Wochenende:

«Wieso sind so viele Thurgauer Slammer? Nun ja, wir haben keine Selbsthilfegruppe.» (Martina Hügi über ihr Hobby)

«Das Leben ist wie ein Tanztheater. Entweder langweilig, oder anstrengend, und man hat die ganze Zeit das Gefühl, das man was grad nicht kapiert.» (Zweiwanderer)

«Silikon-Brüst sind wie Neo-Nazis. Sie lached nid, sie tanze nid, sie hüpfe nid. Sie marschiere.» (Christoph Simon)

«Nimmer satt. Und dann hab ich noch einen kurzen Text…» (Ivo Engeler)

«Wisst ihr nicht? Ihr labert über Revolution und es klingt wie ein verdammtes fucking Flüstern. Du sagst, du hast die Nase gestrichen voll. Mit Pestiziden, kriegst schier die Pest, musst niesen und all die dreckigen Firmen-Riesen wie zum Beispiel Nestlé, die den Planeten ausbeuten. Ja, denen gehts gut.» (Fatima Moumouni über Sofa-Revoluzzer)

«Was ist schon körperlicher Schmerz? Wie das Leben, rein fiktiv und vorgelogen. Nichtig und vergänglich.» (Hazel Brugger)

 

Fotos: Alexandra Theiler

 

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